Impfen
«Mit dem Wohlstand sinkt die Impfquote»

Heute schon mit jemandem gesprochen? Gehustet oder geniest? Um Masern zu bekommen oder jemanden zu infizieren, würde das schon reichen. Tröpfcheninfektion eben. 21.315 Masern-Betroffene und 35 Masern-Tote in Europa im Jahr 2017: "Eine Tragödie, die wir einfach nicht hinnehmen können“, kommentiert die WHO-Regionaldirektorin für Europa, Zsuzsanna Jakab, die WHO-Zahlen zur Masern-Impfrate .

Montag, 02.07.2018, 21:00 Uhr
Impfen : «Mit dem Wohlstand sinkt die Impfquote»
Foto: colourbox.de

Das Internet ist voller Informationen zum Thema "Impfungen" - und da ist für jeden etwas dabei: Impfbefürworter werden hier genauso fündig wie Impfgegner. Wer hier nur rasch durchklickt, findet sich schnell in seiner Meinung bestätigt - ganz egal, wie sie aussieht.

Die vielen gegenteiligen Informationen verunsichern zunehmend - vor allem Eltern von Kleinkindern. Helfen kann hier vor allem der Arzt des Vertrauens und das kritische Hinterfragen bei der Netz-Recherche: Von wem kommen diese Informationen? Wer hat sie ins Netz gestellt? Und bei Schilderungen von Fällen, die auf die Nebenwirkungen von Impfungen eingehen: Sind sie belegt oder könnte auch etwas anderes die Nebenwirkungen verursacht haben? Das heißt nicht, dass es keine Nebenwirkungen gibt oder gab. Wichtig ist jedoch, nicht alles ungefragt zu übernehmen und weiterzutragen. 

Paul-Ehrlich-Institut

Datenbank mit Verdachtsfällen von Impfkomplikationen: www.pei.de/db-uaw

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Der Wakefield-Fall

Ein Beispiel aus den 90ern zeigt, wie lange sich eine Verunsicherung mit falscher Faktenlage halten kann: Der britische Arzt Andrew Wakefield führte eine kleine Studie mit 12 Kindern durch. Sein Ergebnis: Die Masern-Mumps-Röteln-Impfung begünstige Autismus. Größere Studien im Anschluss konnten diese Aussage nicht bestätigen. Womöglich aus folgendem Grund:

Nach der Veröffentlichung stellte sich heraus, dass der Arzt Geld von Anwälten bekommen hatte. Und zwar von den Anwälten, die in einem Prozess Eltern vertraten, deren Kinder Autismus hatten. Mit der Verbindung auf Grundlage der Wakefield-Studie wollten sie den Hersteller des Impfstoffes auf Schadensersatz verklagen. Wakefield verlor wegen seiner "unethischen Forschungsmethoden" seine Zulassung als Arzt.

Auch noch Jahre später sorgt dieser Fall für Versunsicherung in der Bevölkerung. Begünstigt durch all jene, die dieser Studie immer noch Glauben schenken - darunter nicht ganz so überraschend Wakefield selbst: mit einem selbst produzierten Film. Dazu gesellte sich US-Präsident Donald Trump, der noch 2014 über Wakefields These getwittert hat . In seinem Tweet spricht Trump von vielen Fällen, die Wakefields These belegen würden. Das ist seine Realität. Die wissenschaftliche: Es gibt keinen einzigen belegten Fall.

Verunsicherte Eltern

Da viele Krankheiten aufgrund der Impfungen heute kaum noch auftreten, schwinde die Kenntnis dieser oft schwerwiegenden Erkrankungen. Damit erscheine die einzelne Impfung dem Patienten, den Eltern oder sogar gelegentlich dem Arzt entbehrlich - gelegentlich werde der Impfzeitpunkt hinausgeschoben, bis ein Kind „stabiler“ wirke, so Dr. med. Axel Iseke, Kinder- und Jugendarzt vom Gesundheitsamt Münster. Letztendlich würde das aber nur die „ungeschütze“ Lebensphase verlängern. Das Immunsystem des Kindes sei bereits bei der Geburt so stabil, dass ein Verschieben des Impfzeitpunktes keinerlei Vorteile habe.

Ein Problem bei der Vermittlung des Sinns von Impfungen ist gelegentlich ihr eigener Erfolg.

Dr. med. Axel Iseke, Kinder- und Jugendarzt vom Gesundheitsamt Münster

Vermeintliches Expertenwissen im Netz

"Im Netz kann sich jeder äußern. Das Netz ist daher voll von Tatsachenverdrehungen, Aufbauschen praktisch nicht existenter Risiken oder Infragestellungen von ausgewiesenem Expertenwissen oder gar kleinreden von Impferfolgen", stellt Iseke fest. Die hohe Masern-Impfquote beispielsweise in Münster zeige allerdings, dass gewisse Foren im Netz zwar Verunsicherung schüren, dass Eltern aber der Beratung ausgewiesener Experten folgen und sich für den Schutz der Kinder entscheiden würden.

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Foto: colourbox.de (Symbolbild)

Problematisch werde es, wenn Skeptiker bestimmte Kitas oder Schulen bevorzugen, so Iseke. Dann könnten in kurzer Zeit viele Menschen erkranken. Hätten diese Skeptiker dann zudem auch überregionale Kontakte, könnten diese Ausbrüche rasch große Distanzen überwinden und viele kleine Ausbrüche an anderen Orten erzeugen. Iseke nennt in diesem Fall exemplarisch den Masernausbruch im Sommer 2018 in Köln.

WHO-Zahlen: Masern-Fälle in Europa

Mit 927 Masern-Fällen im Jahr 2017 reiht sich Deutschland ein hinter Rumänien (5562), Italien (5006), die Ukraine (4767) und Griechenland (967). 

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So sollen Masern und Röteln in Deutschland eliminiert werden

Laut " Nationalem Aktionsplan 2015-2020 zur Elimination der Masern und Röteln in Deutschland "werden viele Kinder in Deutschland noch zu spät geimpft und verfügen über keinen altersgemäßen Impfschutz. Problematisch seien auch die Masernimpflücken bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen."

Wer gibt Impf-Empfehlungen heraus?

Die Ständige Impfkommission (STIKO) ist ein un­ab­hängiges Experten­gremium, dessen Tätig­keit von der Ge­schäfts­stelle im Fach­gebiet Impf­prävention des Robert Koch-Instituts koordiniert wird.

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Bei diesen Bevölkerungsgruppen besteht laut Aktionsplan besonderer Handlungsbedarf

  • Kinder im Alter von 11 bis 24 Monaten, insbesondere vor Eintritt in die Kita
  • 10- bis 17-jährige Jugendliche
  • nach 1970 geborene Erwachsene (gravierende Impflücken)
  • Beschäftigte im Gesundheitswesen

Ein Trend sei nicht zu erkennen, dennoch geht das Landeszentrum Gesundheit für Nordrhein-Westfalen in seiner Zusammenfassung des Infektionsgeschehens 2016 davon aus, dass das im Aktionsplan von der World Health Organization ( WHO ) angestrebte Ziel, Röteln und Masern bis zum Jahr 2015 zu eliminieren, auch in naher Zukunft nicht erreicht werden kann.

2016: 28 übermittelte Masern-Fälle aus NRW

2015: 70 Fälle

2014: 60 Fälle

2013: 128 Fälle

Impfungen in den ersten zwei Lebensjahren funktionierten gut, bei weiteren Untersuchungen hapere es bereits. Besonders bei Jugendlichen und bei nach 1970 Geborenen sei es schwierig, erklärt Susanne Glasmacher, Biologin und Pressesprecherin vom Robert Koch-Institut.

Mit dem Wohlstand sinkt die Impfquote.

Susanne Glasmacher, Biologin und Pressesprecherin vom Robert Koch-Institut

Die abweichenden Impf-Quoten in einzelnen Regionen haben verschiedene Gründe, erklärt RKI-Pressesprecherin Glasmacher. Das könne zum einen am Wohlstand liegen. "Manche Eltern wollen offenbar die Arbeit der STIKO selbst machen", so Glasmacher. Eltern würden oft im Netz recherchieren, könnten dann allerdings nicht differenzieren, was wissenschaftlich fundiert oder einfach nur behauptet werde. Das sei "fatal", so die Biologin. Ein anderer Grund für eine geringere Impfquote könnten zum Beispiel impfskeptische Aktivisten vor Ort sein.

Die von der Ständigen Impfkommission empfohlenen Impfungen sollte man durchführen lassen. In der Ständigen Impfkommission (STIKO) arbeiten die besten Experten, die wir haben.

Susanne Glasmacher, Biologin

Die Gefahren von Infektionskrankheiten

Prof. Dr. Heymut Omran , Direktor der Kinderklinik am Universitätsklinikum Münster (UKM), hat schon Kinder an den Folgen von Infektionen sterben sehen. An Diphterie beispielsweise, das durch Husten und Niesen übertragen werden kann und unter anderem zu Atemnot und schlimmstenfalls Herzversagen führt. "Es sind schreckliche Verläufe", so der Direktor der Kinderklinik.

Früher war Diphterie für ein massenhaftes Sterben in Europa und weltweit verantwortlich. Eine Krankheit, die jederzeit wieder nach Deutschland eingeschleppt werden könnte. Es sei auch deshalb sehr wichtig, sich gegen Diphterie impfen zu lassen, mahnt Heymut Omran. In einem ihm bekannten Fall waren die Eltern des Kindes geimpft, wurden aber nicht nachgeimpft und dadurch Träger des Erregers. Sie selbst sind nicht erkrankt, haben den Erreger allerdings weitergegeben - an ihr Kind.

Impfungen gehören zu den wirksamsten medizinischen Heilmitteln, die überhaupt zur Verfügung stehen.

Prof. Dr. Heymut Omran, Direktor der Kinderklinik am Universitätsklinikum Münster (UKM)

Mit Impfungen können Erreger ausgerottet werden. So ist Polio (Kinderlähmung) in der westlichen Welt weitestgehend verschwunden, die Erreger kommen aber immer mal wieder vor, so der Direktor. Er selbst habe an Kinderlähmung erkrankte Kinder nur noch in Afrika erlebt. Auch gegen Pocken werde nicht mehr geimpft - ein Erfolg, der Impfungen zuzuschreiben sei.

Erkrankt ein geschwächter Mensch an Masern, sei dies lebensgefährlich, so Heymut Omran. Bei Masern handelt es sich um eine akut schwere Erkrankung. Besonders gefährlich: In der Anfangsphase der Infektion sei es von anderen Viruserkrankungen - beispielsweise Husten - nicht zu unterscheiden: Gerötete Augen, Husten, mehr nicht. Erst später folge der Ausbruch. Bis dahin habe der Infizierte aber bereits die ganze Zeit den Erreger weitergegeben.

Ein kleiner Prozentsatz der Masern-Patienten hat noch Jahre nach der Erkrankung mit Spätfolgen zu kämpfen - und zwar mit einer langsam fortschreitenden Hirnentzündung, die nicht behandelbar ist: die subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE). Auch der Direktor der Kinderklinik hat Kinder mit dieser Komplikation betreut. Die Kinder scheinen erst geheilt zu sein, Jahre später kann die Erkrankung dann aber ausbrechen. "Dann macht man alles, um die Symptome zu lindern, heilen ist dann aber nicht mehr möglich", so Heymut Omran.

Keuchhusten in Deutschland wieder auf dem Vormarsch

Das Landeszentrum Gesundheit für Nordrhein-Westfalen meldet einen deutlichen Anstieg von 1.697 (2015) auf 2.678 (2016) Keuchhusten-Fällen. So gehörten Keuchhusten und Windpocken wie im Vorjahr zu den zehn häufigsten meldepflichtigen Infektionskrankheiten.

Der Anstieg der Fälle sei damit zu erklären, dass der Impfschutz entweder nicht vorhanden sei oder nicht lang genug gereicht habe. "Der Impfschutz kann verloren gehen", erklärt Heymut Omran. Keuchhusten sei eine sehr schlimme Erkrankung bei Säuglingen, die auch er bei Patienten erlebt habe. Säuglinge seien dann fast nicht mehr zu beatmen. Sie leiden wochenlang an einem Hustenzwang und können Atemaussetzer bekommen. Auch hier schütze man mit der eigenen Impfung kleine Kinder.

Der soziale Charakter des Impfens

Es gibt Impfungen gegen Erreger, um sich selbst schützen und es gibt Impfungen gegen Erreger, um andere Menschen zu schützen - beispielsweise mit einer Röteln-Impfung.

Impfungen sind auch immer ein Beitrag für die Allgemeinheit: Mit einer Impfung schützen Sie auch Ihren Nachbarn, Ihre Freunde und Ihre Familie.

Prof. Dr. Heymut Omran, Direktor der Kinderklinik am Universitätsklinikum Münster

Röteln sind für schwangere Frauen und das ungeborene Kind sehr gefährlich. Ungeimpfte Menschen könnten sie anstecken. Die Folgen: unter anderem schwere Schädigungen des ungeborenen Kindes.

So funktioniert der Gemeinschaftsschutz

Man spricht dann von Herdenimmunität, wenn ausreichend viele Menschen im Umfeld geimpft worden sind. Dadurch bieten all jene, die geimpft wurden, all denen, die sich nicht impfen lassen (können), Schutz vor der Ausbreitung und Ansteckung der Krankheit. Dieser Gemeinschaftsschutz ist gerade für Menschen mit einem geschwächten Immunsystem wichtig: Chronisch Erkrankte, Chemotherapie-Patienten - aber auch Babys.

Impfungen erzwingen?

Der Direktor der Kinderklinik am UKM ist da zurückhaltend. Er empfiehlt eher eine intensive Bewerbung und den Plan, Vorteile des Impfens plastisch darzustellen. Nur mit guten Informationen könnten impfskeptische Eltern überzeugt werden. Früher gab es gerade im ersten Jahr eine hohe Säuglingssterblichkeit. "Gerade diese Kinder profitieren enorm von Impfungen", so Heymut Omran. Das müsse man dann den Eltern erklären. Er könnte aber eine Pflicht nachvollziehen, wenn die Politik sie umsetzen wollte. Die Entscheidung sei allerdings nicht Aufgabe der Ärzte.

Es macht Sinn, Kinder früh zu impfen.

Prof. Dr. Heymut Omran, Direktor der Kinderklinik am UKM

Nebenwirkungen

Der Körper soll auf die Impfung reagieren, so Heymut Omran. Fieber beispielsweise sei eine solch erwünschte Wirkung. Es könne auch zu lokalen Reaktionen und einer Temperaturerhöhung kommen. Das seien die häufigsten Nebenwirkung und alle harmlos, so Omran. Früher sei die Kinderlähmung mit einem sogenannten Lebenderreger geimpft worden, jetzt nur noch mit einem Totimpfstoff. Schwerwiegende Nebenwirkungen seien demnach fast ausgeschlossen. Zum Teil werde über Fälle berichtet, dessen Nebenwirkungen in der Regel aber nicht durch die Impfung erzeugt wurden, so der Direktor der Kinderklinik. Die meisten Verdachtsfälle würden sich nicht bestätigen. Begründete Fälle seien laut Heymut Omran eine absolute Rarität. Dennoch: Im Netz herrsche Verwirrung.

Was tun, wenn der Impf-Ausweis verloren gegangen ist?

Patienten sollten mit ihrem Arzt besprechen, wo es Sinn macht, nachzuimpfen. Das sei nicht bei allen Impfungen nachträglich möglich: bei dem Rota-Virus beispielsweise. Impfungen sollten mit den Ärzten im Einzelnen besprochen werden.

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Foto: colourbox.de (Symbolbild)

Mit Impfungen kann man nicht alles vermeiden

Mit Impfungen könnten Risiken deutlich reduziert werden, erklärt Heymut Omran. Mittel- bis langfristig können Infektionen eliminiert werden. Das komme immer auf die Impfung an. Wird ein Patient beispielsweise gegen Diphterie geimpft, dann ist es so gut wie ausgeschlossen, dass die Erkrankung ausbricht.


Weiterführende Links

www.impfen-info.de

Antworten des Robert Koch-Instituts und des Paul-Ehrlich-Instituts zu den 20 häufigsten Einwänden gegen das Impfen

SurvStat@RKI 2.0: Web-basierte Abfrage der Meldedaten gemäß Infektionsschutzgesetz (IfSG)

VacMap: Interaktive Visualisierung des Impfstatus in Deutschland

Aktuelle Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO)

Impfkalender 2017

Impfkalender in 20 Sprachen

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