Umgang mit Schmerzmitteln
Ibus sind keine Smarties

Münsterland -

Wir nehmen sie, um ins Kino, zum Sport oder zur Arbeit gehen zu können: Ibuprofen, Paracetamol und Co. scheinen manche Menschen zu schlucken wie Smarties. Gehen wir zu sorglos mit Schmerzmitteln um?

Donnerstag, 31.01.2019, 06:30 Uhr aktualisiert: 31.01.2019, 17:19 Uhr
Umgang mit Schmerzmitteln: Ibus sind keine Smarties
Wer mit Kopfschmerzen einen wichtigen Arbeitstermin oder mit Kniebeschwerden ein Handballspiel überstehen möchte, greift schon mal zu Schmerzmitteln. Die zu häufige Einnahme von Ibuprofen und Co. ist aber ebenso wenig sinnvoll wie die strikte Ablehnung. Foto: dpa

Sie helfen, wenn der Kopf dröhnt, der Rücken zwickt oder der Arm beim Tennis Probleme verursacht: Schmerzmittel wie Ibuprofen, Paracetamol, Acetylsalicylsäure (ASS), der Wirkstoff von Aspirin, und Diclofenac, das beispielsweise in Voltaren wirkt. Die kleinen Helfer in Tablettenform sind frei verkäuflich und für wenig Geld in der Apotheke erhältlich. Zum ständigen Alltagsbegleiter sollten die Medikamente allerdings nicht werden. Und wer Schmerzmittel nimmt, sollte die Unterschiede zwischen den Wirkstoffen kennen. Manche wirken entzündungshemmend, andere helfen besser bei Schmerzen, rufen dafür aber stärkere Nebenwirkungen hervor.

Grundsätzlich kann man sich an der Zehnerregel orientieren: Nicht häufiger als zehn Mal im Monat und nicht länger als drei Tage am Stück sollten Schmerzmittel eingenommen werden. „Das ist eine grobe Faustregel”, sagt Dr. Gudula Berger . Sie ist Leiterin der Patientenberatung bei der Ärztekammer und kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe. Wer häufiger oder länger die Medikamente nutzt, sollte einen Arzt aufsuchen.

Manchmal zu sorgloser Umgang mit Schmerzmitteln

Einen Arzt, wie Dr. Thomas Keßler . Er ist Ansprechpartner für Patienten etwa mit Arthrose, Rückenschmerzen oder Problemen mit den Knien. Der Orthopäde mit Praxis in Borghorst ist ehrenamtlich auch im Sport engagiert, als Vorsitzender sowie Mannschaftsarzt beim TuS Altenberge. Gehen wir zu sorglos mit Schmerzmitteln um? Keßlers Eindruck: „Manchmal wird zu sorglos damit umgegangen. Es gibt Sportler, die schlucken Schmerzmittel fast so wie Smarties.” Dabei handele es sich vor allem um Leistungssportler. Aber: „Bei den Radsportlern gibt es wohl eine relativ hohe Dunkelziffer von Doping im Amateursport.”

Es gibt besonders zwei Schmerzmittel, die von Sportlern bevorzugt genutzt werden, sagt Keßler: „Sportler nehmen ganz gerne Voltaren und Ibuprofen.” Durchaus auch mal vorbeugend. Beide Mittel wirken auch entzündungshemmend. Wenn Keßler das Sprunggelenk eines 28-Jährigen röntgt, kann er ziemlich genau sagen, ob dieser Fußballer ist oder nicht. So stark sind die Verschleißerscheinungen. Bei Fällen wie diesen kann es durchaus etwas bringen, wenn der Sportler vor einem Spiel prophylaktisch Schmerzmittel nimmt, sagt Keßler.

Tipps zur Einnahme von Schmerzmitteln

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  • Es gibt sie frei verkäuflich und für wenig Geld in der Apotheke: Schmerzmittel. Aber sollte Ibuprofen oder doch lieber Paracetamol eingenommen werden? Was hilft besser bei Fieber? Und ab wann sollte ein Arzt aufgesucht werden? Wir geben Tipps zur Einnahme von Schmerzmitteln.

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  • Hinter dem Wort Acetylsalicylsäure (ASS) verbirgt sich der Wirkstoff von Aspirin. ASS ist der Klassiker unter den Schmerzmitteln, wirkt entzündunghemmend sowie fiebersenkend und hilft bei Kopf-, Rückenschmerzen oder Regelschmerzen. Bei Erkältungen helfen die Tabletten, das Fieber schneller zu senken. ASS wird auch als gerinnungshemmendes Mittel eingesetzt. Patienten, die einen Herzinfarkt hatten, nutzen es. ASS sorgt für ein erhöhtes Blutungsrisiko und hat noch weitere Nebenwirkungen: Der Magen-Darm-Trakt kann angegriffen werden, was zu Geschwüren führen kann. Asthmaanfälle können ausgelöst und Hautunverträglichkeiten hervorgerufen werden. Kinder unter zwölf Jahren sollten ASS nicht nehmen. Die empfohlene Tagesdosis liegt bei 3000 Milligramm.

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  • Ibuprofen ist mittlerweile das meistverkaufte Schmerzmittel unter den nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAID) und hat damit ASS verdrängt. Ibuprofen hat sehr viele Einsatzgebiete: Es wirkt entzündungshemmend, senkt Fieber und hilft bei Beschwerden an den Zähnen, Kopfschmerzen, rheumatoider Arthritis, Rückenschmerzen, Sportverletzungen, Regelschmerzen, Mittelohrentzündungen oder Mandelentzündungen. Im Vergleich zu ASS hat es weniger Nebenwirkungen. Das Blutungsrisiko ist niedriger, selten treten Magenbeschwerden auf. Die empfohlene Tagesdosis liegt bei 2400 Milligramm.

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  • Paracetamol gilt als besonders gut verträglich. Die schmerzlindernde Wirkung ist allerdings etwas schlechter als die von Ibuprofen und ASS. Bei Entzündungen hilt Paracetamol nicht. In dem Fall sollte zu Ibuprofen gegriffen werden. Paracetamol hat weniger Nebenwirkungen als andere Schmerzmittel. Wird das Medikament aber überdosiert, kann es zu schweren Leberschädigungen führen. Die empfohlene Tagesdosis liegt bei 2000 bis 3000 Milligramm.

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  • Diclofenac, besser bekannt als Voltaren, hilft nicht nur gegen Schmerzen und Fieber, sondern wirkt auch entzündungshemmend – sogar noch gezielter und schneller als Ibuprofen. Gelenkschmerzen, Rückenschmerzen, rheumatische Beschwerden, Prellungen, Zerrungen und andere Sportverletzungen sind klassische Anwendungsgebiete. Diclofenac kann Leber, Nieren, Magen und Darm belasten. Wird Diclofenac als Salbe angewendet, besteht ein erhöhtes Risiko für Hautausschläge. Die empfohlene Tagesdosis liegt 150 Milligramm.

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  • Als Faustregel bei der Einnahme gilt: Schmerzmittel sollten in der Selbstmedikation nicht länger als drei Tage hintereinander und nicht häufiger als zehnmal im Monat eingenommen werden. Wer die Medikamente häufiger oder länger schluckt, sollte einen Arzt aufsuchen.

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  • Zu den allgemeinen Tipps gehören die Einnahme von Tabletten zusammen mit Wasser und einer Mahlzeit.

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  • Bis zu einer gewissen Dosierung sind Schmerzmittel frei verkäuflich in der Apotheke erhältlich. Ein Rezept benötigt man bei Ibuprofen ab einer Dosis von 600 Milligramm pro Tablette. Diclofenac ist ab einer Tablettendosis von 50 Milligramm verschreibungspflichtig. Acetylsalicylsäure ist generell frei verkäuflich, allerdings ist die Menge begrenzt, die in der Apotheke auf einmal verkauft werden darf.

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  • Wer Schmerzmittel nimmt, sollte mit niedriger Dosierung starten. Ibuprofen, Paracetamol und Co. sollten auch nur so lange genommen werden, wie unbedingt nötig. Bei der Wahl des richtigen Medikamentes sollten solche mit nur einem Wirkstoff bevorzugt werden.

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Ibuprofen ist nicht nur bei Sportlern beliebt. Es ist das meistverkaufte Schmerzmittel. Das Präparat zählt ebenso wie ASS und Diclofenac zu den nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR). Diese hemmen bestimmte Enzyme im Körper, die dafür sorgen, dass Prostaglandine gebildet werden. Prostaglandine sind Botenstoffe, die für Schmerzen, Entzündungen und Fieber verantwortlich sind. ASS, Ibuprofen und Diclofenac helfen deshalb, Entzündungen zu lindern. Anders als Paracetamol, das wie die drei anderen Medikamente gegen Schmerzen und Fieber wirkt. Die schmerzlindernde Wirkung ist im Vergleich zu den anderen Mitteln aber schwächer.

Blutungsrisiko ist bei ASS erhöht

Nebenwirkungen drohen bei allen vier Schmerzmitteln. Bei Ibuprofen sind sie am geringsten. Das Medikament hilft, wenn die Zähne, der Kopf oder der Rücken schmerzen. „Ein Grund, warum man Ibuprofen lieber ninmmt als ASS: Das Blutungsrisiko ist geringer”, sagt Dr. Gudula Berger, Leiterin der Patientenberatung bei der Ärztekammer und kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe. Selten tauchen bei der Einnahme Magenbeschwerden auf.

Der Klassiker ASS hingegen hat „unter Umständen bedenkliche Nebenwirkungen”, sagt Berger. Denn ASS wird auch als gerinnungshemmendes Mittel eingesetzt. Bei Patienten, die einen Herzinfarkt erlitten haben, soll es einen weiteren Infarkt verhindern. Die gerinnunghemmende Wirkung von ASS sorgt für eine erhöhte Blutungsneigung. Wenn etwa ein Zahn gezogen wird, blutet das sehr stark. Paracetamol belastet bei hoher Dosierung die Leber und Diclofenac kann Magen-Darm-Beschwerden hervorrufen.

Es gibt Menschen, die gegen jede Vernunft nichts einnehmen. Die wollen dann eine Spritze, aber keine Medikamente.

Dr. Thomas Keßler

Während manche Menschen etwas zu sorglos mit Schmerzmitteln umgehen, kann auch das Gegenteil Probleme bereiten: Wenn Menschen zu skeptisch sind und trotz gesundheitlicher Beschwerden wie einer schweren Hüftarthrose nichts nehmen. Dr. Thomas Keßler hat solche Fälle schon erlebt: „Es gibt Menschen, die gegen jede Vernunft nichts einnehmen. Die wollen dann eine Spritze, aber keine Medikamente.” Dabei hat es nichts mit Sorglosigkeit zu tun, wenn etwa bei starken Rückenschmerzen Medikamente geschluckt werden. Sie werden sogar empfohlen. „Man weiß, dass der Schmerzkreislauf unterbrochen und die Krankheitsdauer verkürzt wird, wenn am Anfang Schmerzmittel genommen werden”, sagt Keßler. Mit dem Prinzip "hit hard and early", also früh und aggressiv behandeln, soll auch verhindert werden, dass die Schmerzen chronisch werden.

Auch Dr. Gudula Berger warnt davor, nie Schmerzmittel einzunehmen, wenn man Beschwerden hat: „Immer die Schmerzen auszuhalten, schult das Schmerzgedächtnis. Das verselbstständigt sich.” Berger nennt ebenfalls Rückenbeschwerden als Beispiel: „Wenn man immer eine Schonhaltung einnimmt, führt das auch zu Problemen.” Andererseits kann die zu häufige Einnahme von Schmerzmitteln bei Kopfschmerzen selbst Schmerzen auslösen. Wer monatelang Medikamente einnimmt, riskiert medikamenteninduzierten Kopfschmerz. Statt besser werden die Kopfschmerzen dann schlimmer.

Suchtgefahr besteht nur bei Opioiden

Die Gefahr, in eine Sucht abzurutschen, bestehe bei Ibuprofen, Paracetamol und Co. nicht. „Abhängig machen nur Opioide”, sagt Keßler. Die USA gerieten in den vergangenen Jahren mit einer Opioid-Krise in die Schlagzeilen. Einer Expertenkommission zufolge starben 2017 rund 140 Amerikaner täglich an einer Überdosis der stark wirkenden Schmerz- und Betäubungsmittel wie Fentanyl, Heroin oder Oxycodon. Nicht selten sind Süchtige über opioidhaltige Medikamente, die sie etwa nach einer Sportverletzung verschrieben bekommen haben, in die Abhängigkeit gerutscht. In Deutschland scheint die Gefahr einer ähnlichen Krise gering zu sein. Zwar werden bei stärkeren Schmerzen opioidhaltige Medikamente verschrieben, allerdings in einer milden Form. Sonst sind diese in Deutschland nur mit einem Betäubungsmittelrezept erhältlich.

Das sagt die Statistik

Einer Statista-Umfrage aus dem Januar 2017 belegt, dass die regelmäßige Einnahme von Ibuprofen, Paracetamol und Co. nicht untypisch ist. 14 Prozent der befragten Frauen gaben an, dass sie mehrmals die Woche Schmerzmittel nehmen. Bei den Männern waren es acht Prozent. Mehrmals im Monat schlucken der Umfrage zufolge 21 Prozent der Frauen und 13 Prozent der Männer die schmerzlindernden Tabletten. Allerdings sagten auch 23 Prozent der männlichen Befragten, das sie seltener als einmal im Jahr Schmerzmittel nehmen. Von den Frauen gaben das lediglich zehn Prozent an.

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