Gesundheit
Der lange Weg zum Corona-Impfstoff

Seit Monaten hält die Corona-Pandemie die Welt in Atem und schränkt das Leben zahlloser Menschen ein. In einigen Ländern werden inzwischen erneut Schulen und Kindergärten geschlossen, und viele Angestellte sind im Homeoffice tätig. Zudem ist die Existenz vieler Arbeiter in der Gastronomie und der Unterhaltungsbranche bedroht, da sie seit Monaten kaum oder gar nicht ihrem Beruf nachgehen können. Entsprechend drängend ist die Frage, wann die Pandemie endlich ein Ende findet. Sie hängt sehr eng damit zusammen, wann ein Impfstoff gegen das Virus entwickelt wird und großflächig ausgeliefert werden kann.

Montag, 16.11.2020, 04:43 Uhr aktualisiert: 16.11.2020, 16:49 Uhr
Gesundheit: Der lange Weg zum Corona-Impfstoff
Foto: Colourbox

COVID-19: Was bisher geschah

Ende 2019 wurde im chinesischen Wuhan eine bis dahin unbekannte Lungenerkrankung festgestellt. Im Januar 2020 breitete sich die Krankheit in China aus und befiel bald auch immer mehr Menschen in anderen Ländern. Als Ursache wurde schnell ein neues Coronavirus erkannt, das den Namen SARS-CoV-2 erhielt. Die Lungenkrankheit, das es auslöst, wurde als COVID-19 (für „Coronavirus Disease 2019“) bezeichnet. Im März 2020 wurde die Ausbreitung des Virus und der Krankheit zur Pandemie erklärt. Damit gingen verschiedene Maßnahmen einher, die die einzelnen Länder zur Eindämmung des Coronavirus ergriffen. So ordneten viele Regierungen die Schließung von Restaurants und anderen gastronomischen Stätten an und verboten Veranstaltungen, bei denen eine bestimmte Anzahl an Zuschauern anwesend sein sollte. Außerdem wurden in den meisten Ländern der Welt die Schulen geschlossen, was viele berufstätige Eltern vor Probleme mit der Betreuung ihrer Kinder stellte. All diese Umstände führten dazu, dass die Weltwirtschaft ab März 2020 einen dramatischen Einbruch erlebte. Bis Ende Oktober 2020 waren offiziell rund 50 Millionen Menschen weltweit mit dem Coronavirus infiziert, die Anzahl der Todesfälle überstieg laut Zahlen der Weltgesundheitsorganisation WHO Ende September die Millionengrenze . Es kann jedoch davon ausgegangen werden, dass die Dunkelziffern deutlich höher sind. So gehen einige Experten davon aus, dass mindestens eine halbe Milliarde Menschen an COVID-19 erkrankt sind und zwischen 1,5 und zwei Millionen Menschen daran gestorben sind.

Lange Entwicklungszeit

Derzeit ist noch nicht bekannt, ob sich bei einem Menschen eine Immunität gegen das Coronavirus einstellt, wenn er einmal an COVID-19 erkrankt ist. Wäre dies der Fall, dann könnte davon ausgegangen werden, dass sich bei einem hohen Prozentsatz an erkrankten Personen eine Herdenimmunität einstellt. Weil aber nicht von einer Immunität nach überstandener Krankheit ausgegangen werden kann und auch die Langzeitfolgen einer Erkrankung unklar sind, ist die einzige Option zur Bekämpfung von COVID-19 eine Impfung. An der Entwicklung eines Impfstoffs arbeiten mehr als 150 Unternehmen und Organisatoren in aller Welt seit Monaten. Denn selbstverständlich besteht nicht nur das Interesse, die Menschheit von dem tückischen Virus zu befreien. Es geht auch um finanzielle Aspekte, die sich die künftigen Anbieter eines großflächig verwendeten Impfstoffs nicht entgehen lassen möchten.

Ein Impfstoff aus Russland

Bereits im August 2020 ließ Russland als erster Staat einen Impfstoff gegen das Coronavirus zu. Es trägt die Bezeichnung Sputnik V und soll damit Assoziationen an den Satelliten Sputnik 1 wecken, den die Sowjetunion 1957 als weltweit erstes Land ins All geschickt hat. Allerdings gibt es bis heute berechtigte Zweifel daran, dass Sputnik V ein wirksames Mittel gegen das Virus ist. Denn größere Studien fanden bislang nicht statt, zudem fehlt es an Untersuchungen von renommierten Wissenschaftlern außerhalb Russlands. Somit ist auch nicht bekannt, welche Nebenwirkungen Sputnik V mit sich bringt. Dies könnte für Menschen, die mit dem Impfstoff behandelt werden, zu einem Problem werden.

Interessenten am russischen Mittel

Der russische Impfstoff gegen das Coronavirus wird derzeit in Massen hergestellt, um damit die Bevölkerung des Landes gegen COVID-19 zu immunisieren. Zudem zeigen einige Staaten Interesse daran, ihren Einwohnern ebenfalls Sputnik V zur Verfügung zu stellen. Dazu gehört beispielsweise das brasilianische Bundesland Paraná. Dessen Gouverneur Carlos Roberto Massa Júnior sprach im Juli 2020 mit dem russischen Botschafter in Brasilien und thematisierte dabei die Möglichkeit, den russischen Impfstoff durch ein brasilianisches Unternehmen lizensieren und herstellen zu lassen . Russischen Angaben zufolge sind über 20 Länder daran interessiert, Sputnik V von heimischen Firmen produzieren zu lassen.

Ungarn versus EU

Auch die Regierung von Ungarn möchte den russischen Corona-Impfstoff für eine eigene Herstellung lizensieren lassen – was die Europäische Union auf den Plan ruft, der Ungarn bekanntlich angehört. Denn eine Genehmigung seitens des europäischen Staatenbunds hat die ungarische Regierung für ihre Verhandlungen mit Russland nicht. Allerdings muss ein Medikament, das in einem EU-Land eingesetzt wird – sei es nach Import oder eigener Produktion – über eine Zulassung in der Europäischen Union verfügen. Und eine solche hat Sputnik V nicht, und es ist nicht gerade wahrscheinlich, dass das Mittel überhaupt eine erhalten wird.

Dietmar Hopp im Mittelpunkt

Aus Deutschland gibt es ebenfalls immer wieder Meldungen, die die Entwicklung eines Corona-Impfstoffes betreffen. So erhielt die Firma CureVac im Januar 2020 eine Förderung von der Internationalen Impfstoffallianz CEPI in Millionenhöhe. Auf besonderes Medieninteresse stieß die Entwicklung eines Impfstoffs durch CureVac vor allem deshalb, weil Dietmar Hopp Mehrheitseigner des Unternehmens ist. Hopp ist der milliardenschwere Gründer der Technologiefirma SAP, aber auch der Mäzen des Fußball-Bundesligisten TSG Hoffenheim . Als solcher zog er in der jüngeren Vergangenheit immer wieder den Zorn von Fußballfans auf sich, die ihn als einen Zerstörer der Strukturen im deutschen Fußball ansehen. Denn nur dank Hopps großzügigen finanziellen Zuwendungen ist es den Hoffenheimern überhaupt gelungen, in die Bundesliga aufzusteigen, wobei sie Traditionsclubs ihren Platz in der obersten deutschen Spielklasse wegnehmen. Der Kontrast zwischen Hopps Rolle als Buhmann des Fußballs und als Retter vor dem Coronavirus sorgte dafür, dass über CureVac zeitweise intensiv berichtet wurde. Im September 2020 verkündete Hopp, dass sein Unternehmen zwar nicht das Rennen um den ersten Impfstoff gewinnen würde, aber danach strebe, das beste Mittel gegen COVID-19 zu entwickeln.

BioNTech gewinnt

Das erste deutsche Unternehmen, das sich um die Zulassung eines Corona-Impfstoffs bemüht, ist BioNTech. Zusammen mit dem US-Konzern Pfizer hat die Firma aus Mainz seit Januar 2020 daran gearbeitet, ein Mittel gegen COVID-19 zu entwickeln. Nach Angaben der beiden Unternehmen bietet es einen über 90-prozentigen Schutz gegen das Virus. Zudem haben Studien ergeben, dass der Impfstoff keine schweren Nebenwirkungen auslöst. Zunächst suchen BioNTech und Pfizer nach der Anerkennung des Mittels durch die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA). Zudem soll es auch bei der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) eingereicht werden, um eine Zulassung für die EU zu erhalten. Eigenen Angaben zufolge können BioNTech und Pfizer bis zum Ende des Jahres 2020 bis zu 50 Millionen Dosen des Impfstoffs herstellen. Ab 2021 sollen es dann bis 1,3 Milliarden Dosen pro Jahr sein.

Impfung auf Rezept?

Ganz gleich, ob BioNTech und Pfizer den ersten Impfstoff gegen das Coronavirus auf den Markt bringen werden oder ob dies anderen Unternehmen gelingt: Es wird interessant sein, zu beobachten, wie die Vorgehensweise bei der Verteilung des Mittels an die Bevölkerung aussehen wird. Werden beispielsweise Hausärzte den Impfstoff in ausreichenden Mengen in ihrer Praxis haben, oder müssen sie zunächst ein Rezept ausstellen? Bekanntlich können Ärzte demnächst so genannte E-Rezepte ausstellen. Das sind digitale Dokumente, die der Mediziner direkt an das Smartphone seines Patienten schicken kann. Dieser kann damit zur Apotheke gehen oder es an eine Online-Apotheke schicken. Das E-Rezept verursacht also weniger bürokratischen Aufwand, und da es papierlos ist, leistet es einen wichtigen Beitrag zum Umweltschutz. Weitere interessante Fakten über das E-Rezept sind hier zu finden.

Priorisierung beim Impfen

Wichtig ist auch die Frage, welche Personen als erste gegen COVID-19 geimpft werden. Denn es ist klar, dass die Herstellung des Impfstoffs eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen wird. Somit wird es für längere Zeit nicht genug Dosen geben, um die gesamte Weltbevölkerung damit zu versorgen. Stattdessen muss ein Plan entwickelt werden, wie beim Impfen gegen das Coronavirus vorgegangen wird. Der Deutsche Ethikrat, die Ständige Impfkommission und die Nationale Wissenschaftsakademie Leopoldina haben daher kürzlich ein gemeinsames Papier ausgearbeitet . Es schlägt vor, in Deutschland bestimmten Bevölkerungsgruppen beim Impfen den Vorzug zu geben. Dazu gehören unter anderem ältere Menschen, da für diese das Coronavirus eine größere gesundheitliche Bedrohung darstellt als für jüngere Personen. Auch Menschen, die eine Vorerkrankung aufweisen, sollen zu den ersten Personen gehören, die geimpft werden. Der Grund dafür ist, dass bestimmte Erkrankungen für einen gefährlichen Verlauf von COVID-19 führen können. Schließlich sollen auch Berufsgruppen zuerst geimpft werden, die für das gesellschaftliche System relevant sind. Zu ihnen zählen zum Beispiel Lehrer, Erzieher, Polizisten und Feuerwehrleute. Auch Menschen, die in Krankenhäusern und Pflegeheimen tätig sind und somit täglich mit Erkrankten in Kontakt kommen könnten, sollen zu den ersten geimpften Personen gehören. Darüber hinaus stehen auch die Mitarbeiter von Gesundheitsämtern auf der Liste der Menschen, die bei der Verabreichung von Corona-Impfstoffen zunächst den Vorzug erhalten sollen. Ebenso sollen zunächst die Bewohner von Obdachlosenheimen und Flüchtlingsunterkünften geimpft werden, da sie oftmals mit vielen anderen Menschen in beengten Räumlichkeiten wohnen und somit zur Ausbreitung des Virus beitragen. Ob sich die Bundesregierung aber letztlich an das Papier halten wird, steht noch nicht fest. Schließlich ist auch noch nicht abschließend geklärt, welche Personen überhaupt den Gruppen zuzuordnen sind, denen Priorität beim Impfen gewährt werden soll.

Wie lange das Impfen dauern könnte

Es ist davon auszugehen, dass es über das Jahr 2021 hinaus dauern wird, bis ganz Deutschland geimpft ist. Will man beispielsweise am Tag rund 100.000 Menschen impfen, dann würde man im Jahr auf etwa 36 Millionen verabreichte Impfungen kommen. Deutschland hat jedoch mehr als 80 Millionen Einwohner. Somit müsste die Frequenz erhöht werden, was aber die Kapazitäten von Arztpraxen und Impfzentren an ihre Grenzen bringen könnte. Nicht zu vernachlässigen ist zudem, dass die benötigten Mengen an Impfstoff auch an ihre Bestimmungsorte transportiert und dort gelagert werden müssen. Derlei Aspekte stellen hohe Anforderungen an die Logistik im ganzen Land. Wovon jedoch nicht auszugehen ist, ist eine Verpflichtung zum Impfen. Laut Papier vom Deutschen Ethikrat, der Ständigen Impfkommission und der Nationalen Wissenschaftsakademie Leopoldina ist vorgesehen, dass die Bevölkerung freiwillig gegen das Coronavirus geimpft werden soll. Dies bestätigte der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn bereits in einer Pressekonferenz, die er anlässlich der Einreichung des Papiers abhielt.

Weiterhin gegen das Virus schützen

Bis es einen wirksamen Impfstoff gegen das Coronavirus gibt und ein Großteil der Bevölkerung damit immunisiert wird, gilt es weiterhin, sich an die inzwischen wohlbekannten Maßnahmen zu halten. Sie werden auch unter der Bezeichnung AHA-Formel zusammengefasst, wobei die Abkürzung für die folgenden Vorgehensweisen steht:

  • Abstand halten
  • Hygiene beachten
  • Alltagsmaske tragen

Um zu verhindern, dass das Coronavirus von einer infizierten Person auf andere Menschen übergeht, wird empfohlen, einen Abstand von mindestens 1,5 Metern zu seinen Mitmenschen zu halten. Zu den hygienischen Maßnahmen gegen das Virus gehören das Niesen und Husten in die Armbeuge oder in ein Taschentuch sowie ein mindestens 20 Sekunden dauerndes Waschen der Hände. Zudem sollten die Hände nach Möglichkeit regelmäßig desinfiziert werden. Die inzwischen in Supermärkten und anderen Geschäften obligatorische Maske, die Mund und Nase bedeckt, bleibt ebenfalls ein gewohnter Anblick, bis es einen Impfstoff gegen Corona gibt.

Aus AHA wird AHALA

Im September 2020 regte das deutsche Arbeitsministerium an, die AHA-Formel um zwei weitere Punkte zu ergänzen und sie damit zur AHALA-Formel zu machen. Bei den zusätzlichen Maßnahmen gegen das Virus handelt es sich um die folgenden:

  • Lüften
  • App

Das regelmäßige Durchlüften von Räumlichkeiten wird dadurch notwendig, dass sich angesichts der sinkenden Außentemperaturen im Herbst immer mehr Menschen in Innenräumen aufhalten. Dort bleibt das Virus für längere Zeit in der Luft, wenn diese nicht häufiger durch Stoßlüften ausgetauscht wird. Dem Schutz gegen COVID-19 soll auch die Nutzung der Corona-Warn-App dienen, die seit Sommer 2020 in verschiedenen europäischen Ländern zum Download bereitsteht. Sie wurde von der Deutschen Telekom und SAP entwickelt und zeigt den Nutzern an, ob sie mit einer erkrankten Person in Kontakt getreten sind. War dies laut App der Fall, dann sollte der Betroffene entsprechende Maßnahmen ergreifen und etwa einen Corona-Test durchführen lassen und sich zeitweise von anderen Menschen fernhalten. Die App soll auch von Behörden dafür verwendet werden, Infektionsketten zu erkennen und zu unterbrechen. Allerdings kommt es bei der Nutzung der Corona-Warn-App zu Problemen. So kann ein Smartphone, das mit anderen Telefonen via Bluetooth in Kontakt tritt, nicht verlässlich ermitteln, wie weit die Besitzer anderer Geräte entfernt sind. Daher werden rund 20 Prozent aller Begegnungen falsch registriert.

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