Karriere
Wie werde ich...? Geigenbauer

Berlin (dpa/tmn) - Antonio Stradivari wusste, wie es geht. Der Klang seiner Instrumente gilt als einzigartig, er ist der größte Geigenbauer aller Zeiten. Auch heute noch fasziniert der Beruf viele. Wer ihn ergreifen will, braucht neben viel Geschick ein gutes Gehör.

Montag, 20.08.2012, 09:08 Uhr

Es ist still. Sachte klopft Florian Friedrich Lehmann mit seinen Fingerknöcheln gegen das abgelagerte Stück Holz vor ihm. Ein dumpfer Ton verteilt sich im Raum. «Schon jetzt klingt es», kommentiert der Geigenbaumeister, der in Berlin seine Werkstatt hat. Dabei ist der flache Scheit noch unbearbeitet. Rund 200 Stunden und viele Arbeitsschritte sind nötig, damit aus ihm einmal eine Violine wird.

«Mit sieben Jahren wusste ich, dass ich Geigenbauer werden möchte», erinnert sich Lehmann. Jeden Morgen führte sein Schulweg an der Werkstatt der Firma Geigenbau Jung in Berlin im Stadtteil Pankow vorbei. Der Geruch nach Holz, Leim und Lack und die Ruhe zogen ihn magisch an. Später lernte er dann tatsächlich vom Meister Klaus-Dieter Jung das Handwerk.

Auch heute noch ist die Ausbildung im Betrieb eines Geigenbaumeisters der klassische Weg, um in dem Beruf Fuß zu fassen. Ein bestimmter Schulabschluss ist dazu nicht nötig, die meisten Azubis haben allerdings die Mittlere Reife. Drei Jahre dauert die Lehre und endet mit einer Gesellenprüfung vor der Handwerkskammer , erzählt Karl-Heinz Goller, Ausbildungsabteilungsleiter der Handwerkskammer Reutlingen.

Allerdings sind die Ausbildungsstellen rar. Anfang des Jahres zählte zum Beispiel die Handwerkskammer Reutlingen rund 5500 neu unterzeichnete Ausbildungsverträge im Handwerk - lediglich ein Geigenbauerlehrling sei darunter gewesen, sagt Goller. Bundesweit waren es im Jahr 2010 drei Neuabschlüsse für den Beruf, so das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB).

«Viele renommierte Betriebe bilden nicht aus, sondern stellen nur Gesellen ein», erklärt Frederik Habel , Geigenbaumeister und Leiter der staatlichen Berufsfachschule für Musikinstrumentenbau Mittenwald. Eine Alternative zur betrieblichen Ausbildung bietet deshalb die Berufsfachschule.

Dreieinhalb Jahre dauert die Lehre dort, ein halbes Jahr länger, bedingt durch die langen Schulferien. Auf dem Lehrplan stehen neben dem Bau von Geigen, die Lackzubereitung, Physik und Akustik, Musiktheorie und Instrumentalunterricht. «Nur den Kundenkontakt können wir nicht bieten», sagt Habel.

Wer den Beruf des Geigenbauers erlernen möchte, müsse ein musikalisches Gehör, gute Augen, viel Geduld und «das richtige Gefühl» mitbringen, beschreibt Habel die Grundvoraussetzungen. Das Holz zum richtigen Klingen zu bringen, sei nur bedingt erlernbar, warnt Habel.

Deshalb wird das Gehör an der Berufsfachschule Mittenwald bei den Bewerbern getestet. Kann man die Unterschiede im Klang von Hölzern hören? Hat man ein Gefühl für die Elastizität des Materials? «Da wir nicht über das Maß ausbilden, die Interessentenzahl jedes Jahr aber hoch ist, müssen wir die Eignung prüfen», so Habel. Zu vergeben seien sechs Plätze im Frühjahr und sechs im Herbst.

Auch Lehmann warnt: Überhaupt eine Ausbildungsstelle zu finden, sei nicht leicht. Wer sich durchbeißen will, braucht Leidenschaft. «Geigenbauer sollte mehr eine Berufung als ein Beruf sein», rät Lehmann. Dennoch dürfe man nicht vergessen, dass man von der Arbeit auch leben müsse. Und das sei gar nicht so einfach.

Nach Angaben der Agentur für Arbeit verdienten Lehrlinge im ersten Ausbildungsjahr monatliche rund 300 Euro. 400 Euro gibt es im zweiten Ausbildungsjahr und 430 Euro im dritten. Bei Gesellen könne die tarifliche Bruttogrundvergütung beispielsweise 14,92 bis 16,11 Euro in der Stunde betragen, so die Bundesagentur für Arbeit.

«Ohne einen festen Kundenstamm geht es nicht», betont Lehmann. Er hatte Glück. Der Berliner konnte das Geschäft seines Meisters übernehmen. Als Geigenbauer in der Großstadt hat er hauptsächlich mit Reparaturen von Profi- und Musikschulinstrumenten zu tun. «Das Hauptgeschäft läuft im Sommer, wenn die Orchester Urlaub haben. Dann bringen die Profimusiker ihre Instrumente zur Überprüfung.» Sommerurlaub plane er mit seiner Familie deshalb schon gar nicht mehr.

Nach der Ausbildung lohne sich durchaus auch der Blick ins Ausland. Italien, Frankreich und Deutschland gehörten zu den führenden Geigenbauländern. «Am Besten ist es, in allen drei Ländern die verschiedenen Arten der Geigenbaukunst zu lernen», empfiehlt Lehmann. Sein Geselle arbeitet derzeit in Italien. Zurück in Deutschland werde er später das Geschäft von Lehmann übernehmen - inklusive Kundenstamm und den eingelagerten Hölzern.

Momentan verarbeitet Lehmann nämlich das Material vom Meister seines Meisters. Geigenholz muss mindestens ein halbes Jahrhundert lagern. «Holz, das ich jetzt kaufe, klingt noch nicht.» Zum Beweis klopft er mit dem Fingerknöchel gegen ein Stück Ahorn - es hört sich hohl an.

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