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Pflegereport 2020: Die große Last auf den Schultern der Pflegenden

Die Situation der Pflegekräfte in Deutschland verschärft sich zunehmend. Nicht nur der Fachkräftemangel bereitet Experten Sorge, sondern auch die aus ihm resultierende Belastung für das aktuelle Personal. Der BARMER-Pflegereport 2020 bestätigt dies und zeigt auf, welche Lösungsansätze einen Weg aus der Misere bieten könnten.

Freitag, 18.12.2020, 05:00 Uhr aktualisiert: 18.12.2020, 08:43 Uhr
Karriere: Pflegereport 2020: Die große Last auf den Schultern der Pflegenden
Pflegekräfte haben gerade dieses Jahr noch einmal an Wichtigkeit dazu gewonnen. Doch die Belastung ist sehr groß. Foto: colourbox.de

Pflegenotstand: Erschreckende Zahlen, verschenktes Potenzial

In ihrem Pflegereport gehen die Experten darauf ein, wie sich der Pflegenotstand derzeit gestaltet, welche Aspekte Einfluss nehmen und welche Maßnahmen sich anbieten. Der gesamte Report ist online auf der Website der Krankenkasse als PDF abrufbar.

Eine der eindrücklichsten Zahlen, welche aus der Arbeit hervorgehen, bezieht sich auf die Anzahl jener Pflegekräfte, welche allein durch verbesserte Arbeitsbedingungen zur Verfügung stehen würden. Hier sprechen die Autoren von rund 26.000 Kräften. Insgesamt fehlen in der Altenpflege etwa 120.000 Pflegekräfte. Durch verbesserte Bedingungen könnte sich diese Zahl also theoretisch um ein Viertel verringern lassen. Etwa 50.000 Pflegebedürftige ließen sich somit zusätzlich versorgen.

Dies ist auch vor dem Hintergrund interessant, dass die Anzahl der Pflegebedürftigen in Deutschland zunimmt. Im Report ist bei den Pflegegraden 2 bis 5 zwischen 2015 und 2017 von einer Steigerung um 10,8 Prozent die Rede. Die BARMER selbst verfügt zudem über Hochrechnungen, die einen weiteren Anstieg zeigen. Vor allem bei den Pflegegraden 2 und 3 gab es laut dieser Hochrechnungen zwischen 2017 und 2019 ein Plus von 12,1 bzw. 18 Prozent.

Stress und Druck: Viele Pflegekräfte fühlen sich überfordert

Wie viel das Pflegepersonal in Deutschland leisten muss, veranschaulicht der Pflegereport mit Hilfe der Versorgungsgrade. So sind laut der Experten in der Bundesrepublik zehn in Vollzeit tätige Pflegefachkräfte und vier ebenfalls in Vollzeit arbeitende Pflegehilfskräfte für insgesamt 100 Pflegebedürftige zuständig. In einzelnen Regionen seien die Pflegegrade etwas besser, so die Autoren.

Von Pflegefachkräften sprechen die Verfasser der Studie bei Personal, welches eine wenigstens dreijährige, staatlich anerkannte Ausbildung absolviert hat. Pflegehilfskräfte sind jene mit einer ein- oder zweijährigen Ausbildung und geringeren Qualifikationen. Zur zweiten Gruppe zählen unter anderem

  • Schwesternhelfer,
  • Pflegehelfer
  • und Betreuungsassistenten.

Wer viele Menschen versorgen und dabei stets sein Bestes geben muss, steht unter einem immensen Druck. Das offenbart sich auch im Pflegereport. Hier gaben viele der Befragten an,

  • unter Leistungsdruck zu stehen,
  • Überforderung zu spüren
  • und mit Aufgaben konfrontiert zu sein, die nicht in ihr Fachgebiet fallen.

Vor allem das Fachpersonal in der Altenpflege berichteten davon, dass Arbeiten bis zur persönlichen Leistungsgrenze keine Seltenheit sei.

Krank durch Arbeit: Wenn Pflegende nicht mehr können

Das Ergebnis der Belastungssituation sind gehäufte Krankheitsfälle bei Pflegenden. Im Pflegereport berichten die Ersteller, dass 7,2 Prozent der Pflegefachkräfte und 8,7 Prozent der Pflegehilfskräfte zwischen 2016 und 2018 krankgeschrieben waren. Andere Berufsgruppen kommen mit einem Durchschnitt von rund fünf Prozent auf einen deutlich geringeren Wert. In Extremfällen klafft zwischen den Krankenständen von Pflegenden und denen von Arbeitnehmern aus anderen Branchen sogar eine Lücke von bis zu 73 Prozent.

Etwa 18,6 Tage fehlte eine Altenpflegefachkraft zwischen 2016 und 2018 laut Report. Hilfskräfte in der Altenpflege kamen auf 20,2 Fehltage aufgrund von Krankheit. In anderen Berufen liegt der Durchschnitt in demselben Zeitraum hingegen bei 13,3 Tagen. Weitere Zahlen rund um durchschnittliche Krankenstände in Deutschland finden sich hier .

Die Gründe für krankheitsbedingte Fehlzeiten zeigt der BARMER-Pflegereport 2020 ebenfalls auf. Zu den häufigsten Faktoren, welche Pflegekräfte in den Krankenstand zwangen, gehörten laut der zugrundeliegenden Daten

  • Muskel-Skelett-Erkrankungen,
  • Depressionen
  • und Rückenschmerzen.

Im Bereich der Depressionen traten durch die psychische Erkrankung bedingte Fehltage in der Pflege etwa 80 bis 90 Prozent öfter auf als in anderen Branchen. Bei Hilfskräften mit Rückenschmerzen beläuft sich dieser Wert auf ganze 180 Prozent.

Wie Prof. Dr. Heinz Rothgang als Ersteller der Studie anmerkt, habe die Corona-Pandemie die Situation der Pflegekräfte und auch die Personalnot weiter verschärft. Der Pflegeökonom macht sowohl Corona-Infektionen unter Pflegenden als auch Quarantänemaßnahmen und Probleme mit der Betreuung von Kindern als Hauptfaktoren verantwortlich. Ausfallquoten lagen laut Rothgang durchschnittlich bei fünf bis zehn Prozent, mitunter aber auch bei rund 30 Prozent.

Die hohe Belastung von Beschäftigten in Pflegeberufen führt nicht nur zu häufigen Fehltagen aufgrund von Krankheit. Auch sorgt sie laut Pflegereport dafür, dass viele der Pflegekräfte nicht bis zum Erreichen des Rentenalters arbeiten können. Der Anteil jener Kräfte, welche eine Erwerbsminderungsrente erhalten, sei bei Pflegekräften doppelt so hoch wie in anderen Berufen.

Diese Tatsache und die zuvor genannten Probleme bilden eine gefährliche Mischung. Wer weiter im Job bleibt, muss die Arbeit der ausfallenden und fehlenden Kollegen zusätzlich auffangen. Dies wiederum führt zu einer noch stärkeren Belastung und kann das Risiko für körperliche und psychische Krankheiten steigern.

Experten fordern eine Offensive

Nach Durchsicht des BARMER-Pflegereports 2020 bleibt kein Zweifel daran, dass sich an der bestehenden Situation etwas ändern muss. Auch die Autoren selbst weisen darauf hin, dass ein umfangreiches Maßnahmenpaket geschnürt werden muss.

Nicht nur verbesserte Arbeitsbedingungen gehören laut Report hierzu, sondern auch finanzielle Aspekte. Wie viel Geld ein Mensch in seinem späteren Beruf verdienen wird, wirkt sich zweifellos darauf aus, wie attraktiv das Berufsbild selbst ist. Dementsprechend könnten neue Tarifverträge mit angehobenen Löhnen eine mögliche Lösung zur Sicherung des Nachwuchses darstellen.

Während ihrer Ausbildung verdienen angehende Altenpflegefachkräfte in Einrichtungen des öffentlichen Dienstes nach Tarif laut medi-karriere.de wie folgt (monatliches Brutto):

  • 1. Ausbildungsjahr: 1.141 Euro
  • 2. Ausbildungsjahr: 1.202 Euro
  • 3. Ausbildungsjahr: 1.303 Euro

Ausgebildete Altenpflegefachkräfte erhalten später je nach Einrichtung zwischen 2.635 und 3.295 Euro brutto.

Auch auf politischer Ebene ist die Wichtigkeit eines Maßnahmenpakets inzwischen angelangt. Erste Schritte zielen darauf ab, mehr Ausbildungsplätze zu schaffen. Dies jedoch betrifft ausschließlich Fachkräfte, weshalb Experten wie der BARMER-Vorstandsvorsitzende Prof. Dr. Christoph Straub anregen, darüber hinaus auch an Pflegehilfskräfte zu denken.

In Zukunft allerdings – und dies unterstreicht auch der Pflegereport – sollte es nicht nur um den Nachwuchs gehen, sondern auch um das Halten der bestehenden Kräfte. Wer zu früh wieder geht oder häufig ausfällt, kann dem Pflegenotstand nicht effektiv entgegenwirken. Zu den Forderungen Straubs gehört daher neben einer verbesserten Bezahlung auch eine solidere Personaldecke, eine bessere betriebliche Gesundheitsförderung sowie Familienfreundlichkeit in Bezug auf Arbeitszeiten.

Langfristig gesehen könnten diese Faktoren an zwei neuralgischen Punkten ansetzen und für Entlastung sorgen. Mehr Nachwuchs, der über Jahre hinweg bleibt und dessen Gesundheit durch Arbeitgeber geschützt sowie gefördert wird, kann in der Zukunft auch einem weiterhin steigenden Bedarf entgegentreten. Abzuwarten bleibt, wie und wann die Umsetzung erfolgt.

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