Reise
Unpolierte Perle im Pazifik: Zauber und Exotik in Papua-Neuguinea

Goroka (dpa/tmn) - Wild, bunt, aufregend, arm, herzlich: «Land of the Unexpected» ist der Slogan Papua-Neuguineas - vielleicht locker zu übersetzen mit: Es kommt immer anders als man denkt.

Dienstag, 24.07.2012, 09:07 Uhr

Reise : Unpolierte Perle im Pazifik: Zauber und Exotik in Papua-Neuguinea
Die Männer am Fluss Arafundi leben zusammen und tanzen, um zum Beispiel das Hochwasser abschwellen zu lassen oder Streit im Dorf zu schlichten. Foto: Christiane Oelrich Foto: dpa

Ein Dschungelmädchen, das mit seinem Starrsinn ein riesiges Seeufer entwaldet. Ein Clan, der gierige Nachbarn aus Rache mit fürchterlichen Masken zu Tode erschreckt: Die Sagen in Papua-Neuguinea sind wie fast überall gruselig. Die Emotionen - Neid, Rache, Furcht, Ehre - sind in der einstigen deutschen Kolonie aber bis heute präsent wie kaum anderswo. Rituale, Feste und Tänze sind noch nicht ins folkloristische Allerleimenü für Touristen abgerutscht, sondern lebendiger Teil des Alltags.

Papua-Neuguinea, kurz PNG, gilt als «last frontier» - in etwa: das Ende der besiedelten Welt. Die Infrastruktur ist rudimentär, das Reisen teuer, aber dafür sind die Einblicke in die unterschiedlichen Kulturen des Landes spektakulär. Viele Regionen sind Tagesmärsche von der nächsten Straße entfernt. Wie der Yimas-See im Zulaufgebiet zum Sepik-Fluss. Das Gebiet lässt sich nur mit dem Boot erkunden.

Den Ruhm der Sepik-Region mehrten Ethnologen wie Margaret Mead : «Der Sepik , das bedeutet Moskitos, Krokodile, Kannibalen und Leichen, die im Wasser treiben - und ich kann versichern, dass wir das alles erlebt haben», schrieb sie 1932. Der Fluss ist 1126 Kilometer lang und nach dem Amazonas und dem Kongo nach Wassermenge der drittmächtigste Fluss der Welt. Kannibalen und Leichen gibt es im 21. Jahrhundert nicht, aber noch immer jede Menge Krokodile und Moskitos.

Meist sind in den Einbaumbooten aus dem harten Merbauholz Frauen unterwegs, mit einem Feuerchen an Bord. «Um sich zu wärmen, zu grillen, und Zigaretten anzuzünden», erklärt der örtliche Reiseleiter John. Wenn Besucher kommen, machen sich die Frauen mit Blüten und Körperfarbe hübsch. Das tragen sie sonst nur bei Festen. Gefeiert wird hier oft - in der Abgeschiedenheit eine willkommene Abwechslung.

Am Ufer hat ein Fischer seinen Fang zum Trocknen ausgelegt. «Alles von heute», sagt der Mann stolz. Spannender als die Fische ist das elegante Narbenmuster, das sich von seiner Brust über die Schultern und den Rücken zieht. «Ein Initiationsritus», erklärt John. Die Haut wird eingeritzt, um mit dem Ausscheiden des Blutes symbolisch die Nabelschnur zur Mutter zu kappen. «Dann kommt Öl und Lehm darauf, und die Jungen liegen am rauchigen Feuer, damit sich die Wunden entzünden und die wulstigen Narben entstehen», beschreibt die in PNG lebende australische Anthropologin Nancy Sullivan das Ritual.

Rund 800 Sprachen - ein Fünftel der Weltsprachen - werden in PNG gesprochen. Die Kunstsprache Tok Pisin mit vielen englischen Wörtern sorgt dafür, dass sich trotzdem alle verständigen können. Sie entstand auf den Plantagen der Kolonialherren. Für Deutsche ist das Lesen fast ein Kinderspiel, weil die deutschen Missionare, die die Sprache erstmals aufschrieben, deutsche Schreibweisen nutzten: Eine Provinz am Sepik heißt «Sandaun» wie Sun down - wo die Sonne untergeht, «inap» heißt enough (genug) und «moni» money, Geld.

Die Clans im Hochland mit den gut 4000 Meter hohen Bergen hatten in den 1930er Jahren erstmals Kontakt zur Außenwelt. Heute ist das Hochland ein Mekka für Pflanzen- und Tierkundler. Nirgends gibt es in freier Natur so viele Paradiesvogelarten - mehr als drei Dutzend. Dazu gehört der Sachsenkönig, eines der sprachlichen Überbleibsel der Kolonialzeit. Orchideen wachsen wie Geranien in Deutschland. Das Wahgi-Tal ist auch das Tor zum 4509 Meter hohen Wilhelmsberg, benannt nach einem Sohn Bismarcks.

Überall sind die Leute barfuß unterwegs, was die teils gigantisch breiten Füße erklärt. Frauen tragen Einkäufe und Babys in Bilums, geflochtenen Taschen, auf dem Rücken, den Henkel über die Stirn gehängt. Sonntags zum Kirchgang sind sie mit Puffärmelblusen und Röcken herausgeputzt. Große Palmblätter als Schirm sind keine Seltenheit. Bauern verkaufen ihr Gemüse am Straßenrand. Alle paar Meter gibt es Betelnüsse. Das Betelnuss-Kauen ist eine Volksplage. Fast jeder, der lacht, offenbart vom roten Betelsaft verschmierte schwarze Zahnstummel. Und Papuaner lachen viel.

Das ist sehr hilfreich, wenn Geduld gefragt ist: Der Bus kommt manchmal spät, das Flugzeug fliegt früher ab, die Tanztruppe hat noch einen Familienstreit zu schlichten. Ein Bach ist ein reißender Strom und lässt sich nicht überqueren, ein Lkw hat sich im Brückenpfeiler verkeilt, nach einem Sturzregen bleibt selbst der Landrover in der steilen Lehmpiste stecken. Am Ende wird alles gut - meistens.

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