Hobby
Mit der Draisine durchs Grüne

Das war kein Zuckerschlecken früher: 350 Kilogramm wiegt allein das Fahrzeug. Dazu sechs oder acht Passagiere und reichlich Werkzeug und Material. Manchmal kam da schon eine Tonne zusammen. Bewegt wurde die ganze Geschichte allein durch Muskelkraft. Die Lehrlinge oder sonst eben die jüngsten Mitglieder der „Rotte“, der Gruppe von Gleisbauarbeitern, mussten an die Hebel. Pumpend trieben die Halbwüchsigen die Draisine an und beförderten die Gleisbauer-Kolonne zum Einsatzort. Auf dem Weg retour zum Bahnhof genossen die erwachsenen Arbeiter schon ihr Feierabendbier. Bei Fahrstrecken von acht oder zehn Kilometern blieb Zeit genug. „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ – das war der Standardkommentar für die murrenden Azubis an den Hebeln.

Samstag, 15.06.2013, 00:06 Uhr

Das ging so seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, nachdem Karl Freiherr von Drais dieses Fahrzeugs entworfen hatte. Ernsthaft eingesetzt wurden die Draisinen, bis nach dem Zweiten Weltkrieg die meisten Trümmer beseitigt waren. Anschließend musterte erst die Bundesbahn, dann auch die Nebenbahnen ihre handbetriebenen Draisinen aus. Künftig ließen sich die Gleisbauarbeiter von Maschinen an den Einsatzort bringen. Die Draisinen wurden verschrottet oder landeten im Museum.

Wo heute noch Schienenfahrzeuge dieser Art fahren, sind sie entweder liebevoll restauriert. Oder – wie in Neuenkirchen-St. Arnold – moderne Nachbauten alter Modelle. Für den Antrieb werden keine Lehrlinge mehr gequält. Im Gegenteil: Wer beispielsweise am alten Bahnhof St. Arnold die Draisine besteigt, bezahlt dafür und pumpt auch noch selbst.

Allzu weit haben es die Neugierigen nicht, die das Draisinenfahren im Selbstversuch erkunden wollen. Nur gut 700 Meter Schienenstrecke sind dem Eisenbahnclub Nordwest-Münsterland ECN geblieben. Auf diesen überschaubaren Resten der ehedem stark frequentierten Strecke Oberhausen-Quakenbrück rollt die clubeigene Draisine. An den alten Gleisen mit der dezenten Patina aus Rost trägt der Club zusammen, was er an Eisenbahn-Erinnerungen aufstöbern kann. Signale und Schilder, Lampen und Blinklichter, Telefone und Werkzeuge hat der ECN schon beisammen. Aber eben auch eine eigene Schrankenanlage und Weichen. „Wir sind nicht die ganz extremen Eisenbahnfreaks“, räumt Marcus Tesker , der Vereinsvorsitzende, ein. Also nicht die, die jede Schraube an den alten Lokomotiven mit Vornamen kennen. Der ECN versammelt Menschen, die sich von Schienen und Schildern verzaubern lassen, Freunde historischer und aktueller Eisenbahnen. Das Ziel des ECN ist nicht die millionenteure Restauration irgendeiner Dampflok, sondern ein „Eisenbahnbetriebsmuseum“, das fast schon vergangene Zeiten wieder aufleben lässt. Zu diesem Zweck sammelt der Club, dafür organisiert er Sonderfahrten und veranstaltet Bahnhofsfeste. Auf dem knappen Kilometer Gleisstrecke vom ehemaligen Bahnhof St. Arnold nach Südwesten will der Club mal zeigen, wie Eisenbahn früher funktionierte – mit Schiene und Weiche, Signalen und Schildern, Gleisbaustelle und Schranke.

Vieles ist schon zusammengetragen. Anderes – wie ein festes Zuhause – fehlt noch. Die Draisine soll derweil das Interesse an dem Thema hochhalten. Auf ihr können die Neugierigen und Wagemutigen sich versuchen – an neun festgelegten Sonntagen im Jahr ohne Anmeldung. Oder auf Bestellung am Wunschtermin: Für bescheidene 25 Euro pro Stunden können Vereine und Gesellschaften die Draisine zum Ausprobieren buchen. „Wer neugierig ist, bekommt viel Interessantes rund um Draisine und Bahn erzählt. Wer nur Draisine fahren will, muss keine Angst haben: Hier wird keiner zugelabert“, sagt Marcus Tesker.

Andererseits: Lehrreich ist der Gang zur kleinen nachgestellten Gleisbaustelle und vorbei an den Schildern allemal. Wer weiß schon, was die „3“ auf dem Schild bedeutet oder was die Raute heißen soll, die sehr an das Vereinswappen des HSV erinnert?

„Alles keine Geheimnisse“, sagt der 39-jährige Borghorster: „Die Zahlen mal zehn – das ist die Höchstgeschwindigkeit.“ Die „3“ weist den Lokführer an, höchstens 30 km/h zu fahren. Und die HSV-Raute zeigt das Ende der Oberleitung an. Gut zu wissen für den Lokführer auf der E-Lok. Vieles prägt sich schnell ein. Etwa, dass das „A“ den Anfang und das „E“ das Ende einer Langsamfahrstelle signalisieren. Das „H“ markiert schlicht einen Haltepunkt. Wenn die Lok hier zu stehen kommt, stehen die Waggons passend am Bahnsteig.

Ganze 24 Mitglieder zählt der Club; sie kommen aus Münster, Rheine, Steinfurt und Neuenkirchen. Aktive und ehemalige Eisenbahner, aber auch Menschen, die die Eisenbahn nur als Fahrgast erlebt haben. Marcus Tesker ist familiär vorbelastet – „mein Opa war Eisenbahner“. Er selbst verdient seine Brötchen in einer benachbarten Branche – für einen Kompressoren-Hersteller kümmert er sich um Lager und Logistik.

Ein paar Fördermitglieder ergänzen den Verein. Da ist Platz für weitere Eisenbahnfreunde. Die müssen auch nicht fürchten, dass sie die Draisine tragen müssen. „Früher war das so“, sagt Tesker. „Wenn Verkehr kam und die Baustelle geräumt werden musste, ging es nach dem Motto ,Vier Mann, vier Ecken‘. Und die Draisine wurde neben das Gleis gestellt.“ 350 Kilo Leergewicht: Auch das war kein Zuckerschlecken.

INFORMATION

Selbst fahren:Wer an einem der Fahrsonntage nachmittags zum Bahnhof St. Arnold kommt, kann für einen ganz kleinen Obolus die Draisine (und seine eigenen Muskeln) selbst ausprobieren. Schulklasse und Clubs können das Fahrzeug quasi jederzeit buchen. Beides könnte der Höhepunkt eines schönen Ausflugtages werden: Die stillgelegte Bahnstrecke von Rheine nach Coesfeld ist inzwischen ein idyllischer Radweg. Und der führt direkt am Bahnhof und am nahe gelegenen Vereinsheim „Gleis 7“ vorbei. Buchungen: ✆ 0 59 73/39 05

Wettbewerb:Wer die ganze Geschichte sportlich nimmt, kann bei der „Ersten St. Arnolder Draisinenmeisterschaft“ starten. Die veranstaltet der Eisenbahnclub Nordwest-Münsterland in diesem Sommer. Starten können Teams von fünf bis sieben Personen ab 16 Jahren. Gefragt sind Spaß, Ausdauer und Sportlichkeit. Große Technik für das Bedienen der Draisine braucht niemand; auch das Fahrzeug selbst wird gestellt. Die Vorrunden laufen im Juli und August; das Finale der besten acht Mannschaften steigt dann am 14. September. Anmeldeschluss ist der 30. Juni 2013.

Kontakt:ECN, Voßwinkel 11, 48565 Steinfurt, ✆01 76/ 22 84 07 87, E-mail

draisine@ecn-online.de

www.ecn-online.de

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