Das Eichsfeld ist das Trotzdem-Land in Thüringen
Burgen, Wurst und Schmand

Ein deutsches Bilderbuchland. Fein herausgeputzte Fachwerkhäuser versammeln sich in kleinen Dörfern um gut gepflegte, alte Kirchen. Die Landschaft ist vielfältig und hügelig, nie schroff. Flüsse wie Leine und Werra, Flüsschen und Bäche durchziehen Felder, Wiesen und Wälder. Sich mitten ins Eichsfeld stellen und in irgendeine Richtung fotografieren: Das Ergebnis zeigt echte Idylle.

Montag, 30.04.2018, 14:04 Uhr

Burgruine Hanstein in Bornhagen:Rennfahrer Huschke von Hanstein war einer der Burgherren. Uwe Gebauer Ausgezeichnet:Sandra Schmidt, eigentlich Ritterin der Bratwurst, präsentiert eine Eichsfelder Blutwurst. Uwe Gebauer
Burgruine Hanstein in Bornhagen:Rennfahrer Huschke von Hanstein war einer der Burgherren. Uwe Gebauer Ausgezeichnet:Sandra Schmidt, eigentlich Ritterin der Bratwurst, präsentiert eine Eichsfelder Blutwurst. Uwe Gebauer

Doch das ist nur eine Seite der Medaille. Das Gebiet um Leinefelde-Worbis und Heilbad Heiligenstadt kann auch anders. Die thüringische Region südlich von Göttingen und östlich von Kassel war bis 1989 der äußerste Zipfel DDR. Drahtzaun und Todeszone begrenzten das Eichsfeld im Norden und Westen. Viel davon lag noch im Fünf-Kilometer-Sperrgebiet, das nicht mal DDR-Bürger ohne Passierschein betreten durften. Keine Spur von Idylle. Die Geschichte macht das Eichsfeld zum Trotzdem-Land.

„Als kleines, renitentes Bergvolk waren wir Eichsfelder verschrien“, sagt Helga Jagemann. Auf Unterstützung aus Ostberlin durfte niemand hoffen. Das hat das Leben nicht leichter gemacht. Die Busfahrerin und Unternehmerin ist stolz darauf – trotzdem. Denn die Eichsfelder in ihrer Dickköpfigkeit kümmerten sich trotz aller Mühen selbst um ihre Dinge.

Begehrte Stadtvillen

Die Kirchen in dieser katholischen Enklave sind allesamt herausgeputzt wie fürs Freilichtmuseum. Die Häuschen wurden auch fast ohne Baumaterial in Schuss gehalten. Ein Wettstreit: „Sein eigenes Haus wollte und will jeder mindestens so schön haben wie der Nachbar“, sagt die gelernte Erzieherin. Trotzdem.

Ausflugsideen fürs Eichsfeld

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  • Eichsfelder Auflugsziel: Burg Hanstein ist auch als Ruine noch äußerst sehenswert.

    Foto: Uwe Gebauer
  • Im Klostergarten der Burgruine gedeiht sogar Wein.

    Foto: Uwe Gebauer
  • Reichlich Fachwerk: Auch in Heilbad Heiligenstadt finden sich viele malerische Häuser.

    Foto: Uwe Gebauer
  • Kirschenzeit: In der Blütezeit bieten sie einen tollen Anblick.

    Foto: Uwe Gebauer
  • Uraltes Gemäuer: Im Kloster Gerode ist heute der „Weg der Mitte“ zu Hause. Am Wochenende ist das Kloster-Café geöffnet.

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  • Der Sonnenstein über Holungen bietet herrliche Weitblicke. Wagemutige trauen sich auf den jungen Skywalk.

    Foto: Uwe Gebauer
  • Erinnerung an schlechtere Zeiten: Das Grenzmuseum Schifflersgrund zwischen dem hessischen Bad Sooden-Allendorf und dem thüringischen Wahlhausen lässt die deutsche Teilung noch mal lebendig werden.

    Foto: Uwe Gebauer
  • Aber auch am Schifflersgrund ist der Lack der DDR längst ab.

    Foto: Uwe Gebauer
  • Typen in Heilbad Heiligenstadt: Nachtwächterin trifft Heinrich Heine.

    Foto: Uwe Gebauer
  • Mehrfach verwendungsfähig: Klaus Röhrig führt Besucher als Ritter durch die Burgruine, anschließend aber auch durchs Hausschlachtemuseum.

    Foto: Uwe Gebauer
  • Ausgezeichnet und auskunftsfreudig: Die „Ritterin der Bratwurst“, Sandra Schmidt, führt in Heilbad Heiligenstadt die Fleischerei Klöppner.

    Foto: Uwe Gebauer
  • Braut sein eigenes Bier in Hüpstedt: Michel Burkhardt ist wieder zurück im Eichsfeld.

    Foto: Uwe Gebauer
  • Feine französische Küche: Das Restaurant St. Georges von Dr. Werner Freund in Dieterode trägt eine Gault-Millau-Haube.

    Foto: Uwe Gebauer
  • Landwirtschaft in aller Idylle: 200 Jahre alt ist der Hof Sickenberg in Asbach-Sickenberg. Heute gibt es ein Hof-Café und einige Gästezimmer.

    Foto: Uwe Gebauer
  • Auf dem Hof Sickenberg gibt es den auch den Käse von Karin Weng aus Schönhagen.

    Foto: Uwe Gebauer

Das gilt auch für ganze Städtchen. In Leinefelde, das die DDR mal zum industriellen Zentrum ausbauen wollte, haben sogar die omnipräsenten Plattenbauten Karriere gemacht. Einige wurden zurück-, andere umgebaut, Grünflächen angelegt – und aus den Liegeboxen der Massenmenschenhaltung sind begehrte Stadtvillen geworden.

Selbst die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft hat die Landschaft gut überstanden. Riesengroße, maschinengerechte Ackerflächen sucht das Auge vergebens – Berge und Flüsse haben das Schlimmste verhindert.

Jetzt ist das Eichsfeld – das die Einheimischen nicht mit sanftem Reibelaut, sondern mit einem harten „k“ in der Mitte sprechen – attraktives Ziel für Wanderer und Radfahrer. Der Eichsfeldwanderweg umrundet in zwölf Etappen das Gebiet, kleinere Strecken führen durch Wälder, Weiden und Dörfer. Große Radwege treffen sich hier.

Und immer wieder gibt es echte Entdeckungen. Burgen und Burgruinen, gleich zwei Grenzmuseen. Und viel Kulinarisches.

Die „Ritterin der Bratwurst“

In Heilbad Heiligenstadt führt Sandra Schmidt die Feinkostfleischerei Klöppner. Sie wurde im französischen Alençon zur „Ritterin der Bratwurst“ geschlagen. Ihr Vater hatte sich schon in Belgien einen Europapokal für Blutwurst geholt.

Das Rezept für die Wurstqualität kennt Sandra Schmidt so gut wie alle anderen Metzger im Eichsfeld: Alle Würste werden – mit EU-Ausnahmegenehmigung – schlachtwarm hergestellt und bekommen so einen unverwechselbaren Geschmack. Auch die Agrargenossenschaft „Am Ohmberg“ – nach der Wende in Bischofferode aus gleich drei LPG entstanden – produziert so. Sie verkauft „Stracke“ und „Feldgieker“, wie die Dauerwürste hier heißen, in der eigenen Landschlachterei.

Wer genau wissen will, wie die Eichsfelder Wurst entsteht, ist im Klausenhof direkt unter der Burgruine Hanstein richtig. In Bornhagen haben Klaus Röhrig und seine Mitstreiter viele Kleinodien für das „Wurst- und Hausschlachtemuseum“ zusammengetragen. Immer wieder kann man bei Hausschlachtungen zusehen, ab und zu gibt es Hausschlachterlehrgänge. Wenn gerade nichts los ist, erklärt Klaus Röhrig im Museum, wie alles funktioniert. Anschließend gibt es – natürlich – eine kleine Wurstverkostung.

Der Übergang zum Nachtisch steht gleich neben der Wurstplatte: ein kleines Schälchen mit Schmand. Darein tunkt der Eichsfelder gerne seine Wurst. Im Gegenzug verzichtet er auf Butter fürs Brot. Ein komisches Land.

Mikrobrauerei produziert 450 Hektoliter im Jahr

Dasselbe Milchprodukt wird auch in rauen Mengen für den unvermeidlichen Schmandkuchen verwendet. Ob im Landgasthaus „Am Westerwald“ in Martinfeld oder im „Hofkaffee Ares Ottens“ in Jützenbach: Ohne diesen ganz besonderen Blechkuchen kommt hier offensichtlich keiner durch den Tag.

Da freut sich der Laktose-Intolerante auf ein feines Bier bei Michel Burkhardt in Hüp­stedt. Der Diplom-Braumeister hat nach Studium in Weihenstephan und ein paar Jahren in der Holstenbrauerei jetzt in seiner Eichsfelder Heimat eine Mikrobrauerei aufgemacht. Jahresproduktion 450 Hektoliter. Aber zwölf, 15 Sorten. Michels Motto: „Trinkt regional statt scheißegal.“

Doch das Eichsfeld kann auch feiner. Dafür sorgt unter anderem Dr. Werner Freund in Dieterode. Auch dieses Multitalent – er ist studierter Architekt, ausgebildeter Weinbauer und ambitionierter Koch – ist nach Jahren der Wanderschaft in seine Heimat zurückgekehrt. Dort hat er einen Resthof ins feine und originelle Restaurant St. Georges verwandelt. Das ist nun schon seit Jahren mit einer Gault-Millau-Haube ausgezeichnet. Dort serviert er jetzt leicht getrüffelte Mille feuille mit Stopfleber und Perlhuhnbrüstchen. Typische Eichsfelder Kost eben, oder?

„Nein, nun wirklich nicht“, sagt Helga Jagemann. Aber lecker ist es trotzdem.

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