Von Hindenburg bis Grimm
Spurensuche auf Hessens Friedhöfen

Paul von Hindenburg, Dorothea Grimm und Manfred von Richthofen haben etwas gemeinsam: Sie alle fanden ihre letzte Ruhe in Hessen - wenn auch zum Teil auf Umwegen.

Montag, 20.11.2017, 09:11 Uhr

Auf dem Alten Friedhof in Darmstadt befindet sich der Grabstein von Luise Büchner.
Auf dem Alten Friedhof in Darmstadt befindet sich der Grabstein von Luise Büchner. Foto: Fabian Sommer

Frankfurt (dpa/lhe) - Ein Meer von Kerzen und Blumen ziert am letztenWochenende vor dem ersten Advent die Friedhöfe. Am Totensonntag (26.November) gedenken Protestanten ihrer verstorbenen Angehörigen,Freunde und Bekannten und dekorieren deren Gräber.

Bei Spaziergängen auf Friedhöfen im Land lassen sich auch Grabsteinemit den Namen berühmter Menschen entdecken - manche unvermutet inHessen. Eine Spurensuche.

FRANKFURT: Ein schlichtes weißes Marmorkreuz mit goldenen Buchstabenerinnert auf dem Hauptfriedhof an Pauline Schmidt, die 1856 im Altervon 15 Jahren starb. Bekannt wurde sie dank der «gar traurigenGeschichte von Paulinchen und dem Feuerzeug» im «Struwelpeter». DerFrankfurter Arzt und Schriftsteller Heinrich Hoffmann war mitPaulines Familie befreundet und setzte dem Mädchen ein literarischesDenkmal. Zwar soll Pauline als kleines Mädchen gezündelt und dabeieinen Zimmerbrand verursacht haben. Sie starb aber - anders als imGedicht - nicht in den Flammen, sondern an den Folgen einerTyphus-Erkrankung.

Seit den 60-er Jahren lässt die Stadt das Grab als Ehrengrab pflegen.«Es erfreut sich immer noch einer gewissen Beliebtheit» sagt StephanHeldmann, Leiter des Grünflächenamtes. «Paulinchens Grab ist vorallem bei den älteren Semestern noch gefragt», berichtet derStadtführer Björn Wissenbach, der mehrere Themenführungen auf denFrankfurter Hauptfriedhof anbietet. Übrigens: Auch das Vorbild des«Zappelphilipp» hat ein Grab auf dem Frankfurter Hauptfriedhof.

MARBURG: Nicht auf dem Friedhof, aber in der Elisabethkirche inMarburg fanden der ehemalige Reichspräsident Paul von Hindenburg (1847-1934) und seine Frau Gertrud (1860-1921) ihre letzte Ruhe.Unscheinbar sind die Grabplatten am Eingang des Nordturms in einenSandsteinsockel der gotischen Kirche eingearbeitet.

Ursprünglich war das Ehepaar 1934 in Ostpreußen, im heutigen Polen,beigesetzt worden. Aus Angst vor der Roten Armee schaffte dasNS-Regime die Särge zehn Jahre später in ein Salzbergwerk inThüringen. Dort wurden sie von den amerikanischen Truppen gefundenund nach Marburg umgesiedelt. Der Grund: Die Elisabethkirche lag inder amerikanischen Zone, war protestantisch und für die Amerikanervon angemessener Würde, wie die Stadt Marburg mitteilt.

Dem Wunsch der amerikanischen Truppen, die Grabstätte neutral zuhalten, kommt die Elisabethkirchengemeinde bis heute nach, erklärtein Mitarbeiter. Weder Kerzen noch Blumen zieren das Grab desehemaligen Reichspräsidenten. In der Regel sei auch der schlichteLeuchter an der Grabstädte ausgeschaltet.

WIESBADEN: Der Leichnam Manfred von Richthofens wurde gleich mehrmalsumgebettet, bevor der «Rote Baron» 1975 auf dem WiesbadenerSüdfriedhof seine letzte Ruhe fand. Der Kampfpilot war im ErstenWeltkrieg am 21. April 1918 über Vaux-sur-Somme in Nordfrankreich vonden Alliierten abgeschossen worden. Er wurde nur 25 Jahre alt.

Von der ursprünglichen Grabstätte im nordfranzösischen Bertangles warder Leichnam laut Bundesarchiv 1921 auf einen Friedhof für deutscheGefallene in Fricourt umgebettet worden. Vier Jahre später beschlossdie Familie, den Sohn heimzuholen. Richthofen wurde erneut begraben,diesmal auf dem Invalidenfriedhof in Berlin. Im Jahre 1975 jedochwurde er noch mal umgebettet - und ruht seitdem auf dem Familiengrabin Wiesbaden.

Den Spitznamen bekam Freiherr von Richthofen von seinen Gegnern: Inseinen meist rot gestrichenen Doppel- und Dreideckern soll er mehrals 80 Flugzeuge vom Himmel geholt haben.

KASSEL: Dass die berühmten Hausmärchen Generationen von Kindernerfreuten, ist auch ihr Verdienst: Ohne Dorothea Grimm (1755 bis1808) hätte es die Sammlung von Geschichten nie gegeben. Denn sie wardie Mutter der Märchensammler Wilhelm und Jacob Grimm. Nach ihrem Todwurde die Kasselerin in der nordhessischen Stadt auf einem Friedhofnahe des Zentrums beerdigt.

«Hier ruhet in Gott unsere liebste Mutter» steht auf dem schlichtenGrabstein an der Altstädter Kirche. Darunter folgen viele Namen, dennDorothea Grimm hatte neun Kinder. Die Grimm-Mutter ist in einem vonvielen Ehrengräbern der Stadt beigesetzt. «Die Ehrengräber pflegt dasUmwelt- und Gartenamt», sagt Stadtsprecher Michael Schwab.

Dorothea Grimm ist nicht das einzige Familienmitglied, das in Kasselbeerdigt ist: Insgesamt sechs mit den ursprünglichen Grabsteinenausgestattete Grimmgräber gibt es. Seit diesem Herbst weisen auchbeschriftete Stelen auf die Ruhestätten hin. Dorothea Grimmsberühmteste Söhne sucht man aber vergeblich. Sie liegen in Berlin.

DARMSTADT: Luise Büchner zählt zu den ersten Frauenrechtlerinnen inDeutschland. Die jüngere Schwester von Georg Büchner, demRevolutionär und wegweisenden Autor des 19. Jahrhunderts, lebte vom12. Juni 1821 bis zum 28. November 1877 in Darmstadt und ist auchdort begraben. Obwohl als Mädchen von höherer Schulbildungferngehalten, erkämpfte sie sich Anerkennung als Schriftstellerin undJournalistin.

Sie habe sich für eine gleichwertige Ausbildung von Mädchen undJungen sowie für eine qualifizierte Berufsausbildung von Fraueneingesetzt, sagt Agnes Schmidt (73), die Vorsitzende der Luise Büchner-Gesellschaft . Zusammen mit Prinzessin Alice von Hessen undbei Rhein (1843-1878) habe sie mehrere Frauenvereine gegründet.

Begraben ist Luise Büchner auf dem Alten Friedhof. Das Ehrengrablässt die Stadt Darmstadt pflegen. Dass Büchners Vorname als «Louise»auf dem Grabstein steht, sollte laut Schmidt nicht wundern. Im 19.Jahrhundert seien Namen wie «Luise» gerne in der französischenFassung mit «ou» geschrieben worden. Büchner habe aber die deutscheSchreibweise bevorzugt.

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