Wenn es eng wird auf dem Kanal
Lotsen begleiten die Ozeanriesen auf der meistbefahrenen Wasserstraße der Welt

Kiel - Es gibt digitale Weltkarten, GPS und satellitengestützte Schiffsortung – doch wenn es eng wird, muss einer ans Ruder, der die Strecke kennt. Ein Mensch. Ein Lotse. Wir haben einen Lotsen auf dem Nord-Ostsee-Kanal begleitet.

Freitag, 30.05.2014, 08:05 Uhr

Nord-Ostsee-Kanal
Vorsicht, Gegenverkehr: Der Nord-Ostsee-Kanal ist die meistbefahrene Wasserstraße der Welt. Foto: Gunnar A. Pier

Der Kapitän verzieht keine Miene, doch aus seinen Augen strahlt ungläubige Verwunderung. „Wir fahren bis auf zehn Meter ans Schleusentor“, hat Martin Finnberg gerade verkündet. Der Kapitän ist nicht sicher, ob das gut geht. Stoppt sein fast 20 000 Tonnen schweres Schiff wirklich passend, oder gleitet es ein Stückchen weiter und das riesige Stahltor der Schleuse Kiel-Holtenau ist Geschichte? „Passt nicht anders“, sagt Finnberg. Und da ist er sicher. Denn anders als der Kapitän, der mit seiner „Pirita“ gerade aus St. Petersburg kommt und weiter nach Rotterdam muss, kennt Martin Finnberg hier jeden Zentimeter. Er ist Lotse und steuert Tag für Tag kleine, mittlere und riesige Schiffe durch den Nord-Ostsee-Kanal .

Impressionen vom Nord-Ostsee-Kanal

In der Schifffahrt ist vieles noch so schön archaisch. Schiffe fahren immer noch langsam. Wenn sie anlegen, wird wie einst bei Columbus ein armdickes Seil über einen Poller gelegt. Es gibt digitale Weltkarten, GPS und satellitengestützte Schiffsortung – doch wenn es eng wird, muss einer ans Ruder, der die Strecke kennt. Ein Mensch. Und der klettert wie seit Seefahrergenerationen mit der Strickleiter die Bordwand hoch.

Ein Montag im Mai. Martin Finnberg schaltet das Funkgerät an und geht durchs Drehkreuz aufs Kieler Schleusengelände. Seit ein paar Stunden weiß er, wann er ungefähr an Bord muss. Die Lotsen arbeiten auf Abruf. Kommt ein Schiff, muss einer mit. Der Nord-Ostsee-Kanal ist die meistbefahrene künstliche Wasserstraße der Welt. Egal, ob Traditionssegler, Kreuzfahrtriese, Marine-Tanker oder Containerschiff: Die Mitglieder der Lotsenbrüderschaft übernehmen. 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche.

Unterwegs mit einem Lotsen auf dem Nord-Ostsee-Kanal

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  • Das Containerschiff "Heinrich Ehler" auf dem Nord-Ostsee-Kanal.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Foto: Gunnar A. Pier
  • Foto: Gunnar A. Pier
  • Foto: Gunnar A. Pier
  • Der Nord-Ostsee-Kanal auf dem Radar.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Auf dem Nord-Ostsee-Kanal

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Auf dem Nord-Ostsee-Kanal

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Foto: Gunnar A. Pier
  • Foto: Gunnar A. Pier
  • Verkehr auf dem Nord-Ostsee-Kanal.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Foto: Gunnar A. Pier
  • Foto: Gunnar A. Pier
  • Foto: Gunnar A. Pier
  • Foto: Gunnar A. Pier
  • Verkehr auf dem Nord-Ostsee-Kanal.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Foto: Gunnar A. Pier
  • Verkehr auf dem Nord-Ostsee-Kanal.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Verkehr auf dem Nord-Ostsee-Kanal.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Lotse Martin Finnberg geht von Bord.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Lotse Martin Finnberg, im Hintergrund das Containerschiff "Heinrich Ehler".

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Mit einem kleinen Schiff werden die Lotsen zu den Schiffen auf der Ostsee gebracht.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Lotse Martin Finnberg geht von Bord.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Über diese Strickleiter verlassen die Lotsen das Containerschiff "Heinrich Ehler".

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Martin Finnberg, Seelotse und Stellvertretender Ältermann der Lotsenbruderschaft NOK II/Kiel/Lübeck/Flenburg.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Auf der Ostsee: Das Lotsenboot fährt davon.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Das Containerschiff Pirita steuert Kiel an.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Auf der Ostsee warten Schiffe auf den Lotsen.

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  • Lotsenstation Leuchtturm Strande in der Ostsee.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Das Containerschiff Pirita macht in der Schleuse Kiel-Holtenau fest.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Auf der Ostsee warten Schiffe auf den Lotsen.

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  • Das Containerschiff Pirita macht in der Schleuse Kiel-Holtenau fest.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Mit einem solchen Hebel gibt der Kapitän Gas.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Martin Finnberg

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Mit einem solchen Hebel gibt der Kapitän Gas.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Auf der Ostsee warten Schiffe auf den Lotsen.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Verkehr auf dem Nord-Ostsee-Kanal.

    Foto: Gunnar A. Pier

Gegen 11 Uhr hat Finnbergs erstes Schiff dieses Tages in der Schleuse festgemacht. Die „ Heinrich Ehler “ ist ein 168 Meter langes Containerschiff. Der Lotse geht an Bord und steuert zielsicher die Brücke in der siebten Etage an. Die „Heinrich Ehler“ kommt wöchentlich zweimal durch den Kanal. Finnberg hat schon so manche Stunde auf diesem Schiff verbracht.

Das war nicht immer so. Wer Lotse werden will, muss jahrelang zur See gefahren sein. Martin Finnberg wuchs in Hamburg im Angesicht der großen Dampfer auf und machte zunächst eine Lehre als Schiffsmechaniker. Ein bisschen Berufsschule, dann legte er ab, „mittlere Fahrt“ durch Nordsee, Ostsee und Mittelmeer. Später fuhr er für die Reederei Hamburg-Süd als Offiziersassistent bis nach Südamerika. Doch Finnberg wollte mehr. Dreieinhalb Jahre besuchte er die Fachhochschule, wurde Diplom-Wirtschaftsingenieur für Seeverkehr. Jetzt durfte er den Kapitän vertreten selbst auf „Großer Fahrt“ in den Indischen Ozean und nach Asien. Zu Hause auf den Weltmeeren.

Das lässt sich leicht romantisch verklären. Wenn Barden von Freddy Quinn über Udo Lindenberg bis Santiano vom Leid der Leute auf See singen, träumt sich mancher weg, dorthin, an Deck und ans Ende der Welt. Doch Martin Finnberg wurde der Reiserei überdrüssig. Frau und Kinder lockten, er wollte eine Familie in der norddeutschen Tiefebene gründen, statt die Zeit auf dem Ozean und in gottverlassenen Containerterminals totzuschlagen. „Ich wollte Schiff fahren und mehr zu Hause sein.“ 2002 wurde er Lotse in Kiel. So geht’s.

Martin Finnberg auf dem Lotsenboot. Gerade ist er vom Containerschiff heruntergeklettert.
Foto: Gunnar A. Pier

Um 11.28 Uhr öffnet die Schleuse. Finnberg schiebt den unscheinbaren Handgriff auf der Brücke der „Heinrich Ehler“ ein Stück nach vorne: Die Fahrt beginnt. 15 000 PS beschleunigen den stählernen Koloss mit seiner schweren Fracht auf gemächliche acht Knoten, etwa 15 Stundenkilometer. Schneller darf auf dem Kanal niemand fahren.

Auf der Brücke geht es also in den kommenden Stunden ruhig zu. Während das Schiff über die Wasserstraße tuckert, erzählt der Lotse von der „Großen Fahrt“ nach Südamerika, 14 Tage kein Land in Sicht. Ein ruhiger Job. Heute schaut er alle paar Minuten auf die Geräte. Wann steht die nächste Begegnung mit einem entgegenkommenden Schiff an? Passt die Geschwindigkeit?

„Hier gibt es eigentlich nur neuralgische Stellen“, erklärt er. Gut 100 Meter breit ist der Kanal an den engen Stellen, die „Heinrich Ehler“ misst kaum mehr als ein Viertel davon. Das klingt nach komfortabel viel Platz, doch in den Dimensionen der großen Pötte sind die verbleibenden 75 Meter nichts. Zumal besonders im Kanal etwas auftritt, was die Fachleute „hydromechanische Effekte“ nennen. Wenn ein Schiff beispielsweise dem Ufer zu nah kommt, wird das Heck angezogen. Dann ist Vorsicht geboten: Die fast 20 000 Tonnen sind eine träge Masse.

Deshalb dürfen sich auf weiten Teilen des fast 100 Kilometer langen Kanals Schiffe nicht begegnen. Es gibt Ausweichstellen, in denen die Dampfer aufeinander warten. Wenn Finndorf die Fahrt reduziert und „die Maschine auf rückwärts schaltet“, stellt sich das Schiff wieder schräg.

Dabei reagiert jedes Schiff etwas anders. Warum also will der Lotse auf dem fremden Schiff das alles besser können als der Kapitän? „Man entwickelt sehr schnell eine verblüffende Routine“, erklärt er. Die Kapitäne an Bord wechseln häufiger, als man so denkt, und schon so manches Mal hatte Finnberg das Gefühl, das heutige Schiff besser zu kennen als der Chef an Bord. Denn das bleibt, auch wenn der Lotse danebensteht, der Kapitän.

Fast bis zur Hälfte des Kanals begleiten die Kieler Lotsen die Schiffe. Dann, kurz hinter Rendsburg, dreht ein kleines Lotsenboot bei: Die Ablöse kommt. Die Schiffsbesatzung lässt eine Strickleiter herab, und der neue Lotse klettert die Bordwand hinauf. Finnberg klettert runter. Fliegender Wechsel bei voller Fahrt. Hier warten die Lotsen meistens auf ein entgegenkommendes Schiff und geleiten es nach Kiel.

Irgendwie wie früher: Lotse Martin Finnberg klettert per Strickleiter von Bord.
Foto: Gunnar A. Pier

Heute ist das anders. Mit dem Auto geht‘s zurück nach Kiel. Letzter Törn des Tages: raus auf die Ostsee und ein Schiff durch die Kieler Förde in die Schleuse steuern. 134 Meter ist das Containerschiff „Pirita“ lang. Langsam, am Ende gar Zentimeter für Zentimeter parkt Martin Finnberg das Schiff im Schleusenbecken ein. Nur zehn Meter vor dem Schleusentor.

Feierabend. Der Lotse geht von Bord. Der Kapitän staunt.

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