Jersey
Barnaby ermittelt

Die wechselvolle Geschichte begegnet dem Wanderer auf Schritt und Tritt. Eben noch war es die Ruine des Grosnez Castle – eine Befestigungsanlage aus dem 14. Jahrhundert. Nur einige Hundert Meter weiter ist es der „Marine-Peilstand 3“ – eine Bunkeranlage der deutschen Besatzer in der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Die Deutschen waren von 1940 bis zum 9. Mai 1945 ungebetene Gäste auf der Insel Jersey. Dort ließen sie als Teil des Atlantik-Walls von Tausenden Zwangsarbeitern – zumeist russische Kriegsgefangene – umfangreiche Bunker- und Geschützstellungen an der langen Küstenlinie errichten.

Freitag, 15.07.2016, 15:07 Uhr

Bei einer Pause in St. Aubinschweift der Blick über die Boote im Hafen. Wer etwas länger pausiert, kommt nicht umhin, den rasanten Tidenhub zu bemerken. Stefanie Meier
Bei einer Pause in St. Aubinschweift der Blick über die Boote im Hafen. Wer etwas länger pausiert, kommt nicht umhin, den rasanten Tidenhub zu bemerken. Stefanie Meier

Die sind bis heute monumentale Mahnmale des Krieges, den die Briten als „das einschneidendste Ereignis der jüngeren Geschichte“ begreifen. Das sagt der Historiker John Nettles – in Deutschland sicher besser bekannt als Inspektor Barnaby aus der gleichnamigen Fernsehserie. Die Rolle des Kriminalisten hat der 72-Jährige aufgegeben. Seit Jahren ist er dagegen auf den Spuren der deutschen Besatzung der Kanalinsel unterwegs, hat sogar ein Buch darüber geschrieben. In „Hitlers Inselwahn“ lässt er vor allem Zeitzeugen zu Wort kommen.

Jersey-Impressionen

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  • Die Bucht von St. Brelade.

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  • John Nettles vor dem „Marinepeilstand 3“.

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  • St.-Brelade-Kirche oberhalb der gleichnamigen Bucht.

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  • Das Herrenhaus Samares Manor.

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  • Vincent Obbard, Eigner von Samares Manor, beim Rundgang durch das Haupthaus.

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  • Im Hafen von St. Aubin.

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  • John Nettles’ Lieblings-Pub in St. Aubin.

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  • Sean Faulkner mit einem Riesenexemplar Hummer.

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  • Daniel Carteret, der Brennmeister des La Mare Wine-Estate.

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  • Blick an der Nordküste der Insel.

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  • Ginster so weit das Auge reicht.

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  • Die Ruine des Grosnez Castle.

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  • In diesem ehemaligen Funkturm am Leuchtturm von Corbière kann man seine Ferien verbringen.

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  • Batterie Moltke

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  • Rundgang im beeindruckenden Museum der Jersey War Tunnels.

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  • „School’s out“ in der Markthalle in der Inselhauptstadt St. Helier.

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Seine Liebe zu Jersey hat sich in langen Jahren der Schauspielerei entwickelt. In den 1980er Jahren mimte Nettles einen Barnaby-Vorläufer, der auf der Insel ermittelte – den kantigen Ermittler Jim Bergerac. Ein ganz anderes Kaliber als der sanfte Tom Barnaby, dem Nettles mit einem fast mitleidigen Lächeln „den Sexappeal eines wandelnden Verhütungsmittels“ zuschreibt, wie er bei einem Liberation Ale im Pub Old Court House in St. Aubin, der Stammkneipe Bergeracs, erzählt.

Doch nicht nur der Historiker John Nettles weiß bestens über die deutschen Befestigungsrelikte wie die Batterie Moltke im Norden der Insel oder Batterie Lothringen im Süden am Noirmont Point zu erzählen. Denn seit Jahren kümmern sich die Ehrenamtlichen des Jersey Heritage Trust um den Erhalt der Anlagen. Einer von ihnen ist Tony Pike. Der 52-Jährige kennt die Bunker wie kaum ein anderer, hat einige von ihnen selbst wieder für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Entlang der Küste können Touristen Wandertouren buchen und sich gleichzeitig über Geschichte und Geschichten aus der deutschen Besatzungszeit informieren und zugleich atemberaubende Blicke über Steilküste, Klippen und Sandstrände genießen.

Zu genießen – das verstehen die Bewohner der Insel auch kulinarisch. Einer, der es auch den Urlaubern da sehr leicht macht, ist Sean Faulkner. Mit sechs Jahren fuhr er das erste Mal aufs Meer zum Fischen, erzählt er. „Mit zehn Jahren hatte ich mein erstes eigenes Boot.“ Die Seefahrt wurde zu seinem Beruf, jahrelang war er Zahlmeister auf Kreuzfahrtschiffen. 1980 schließlich gründete der heute 62-Jährige in seinem Heimatort L‘Etacq Faulkner Fi­sheries – wen wundert‘s – in einer alten Bunkeranlage im Norden der Insel. Krabben, Hummer, Austern und andere Meerestiere werden dort fangfrisch direkt verkauft oder an Restaurants der Insel geliefert. Bei eindrucksvollem Ausblick aufs Meer können die Besucher all die schmackhaften Happen vor Ort genießen.

Genuss verspricht auch ein Besuch des Weinguts La Mare Wine Estate in St. Mary im Norden Jerseys. Neben Rot- und Weißwein kredenzt dort Brennmeister Daniel de Carteret den ausgezeichneten Jersey Apple Brandy. Und Darren Stower rührt herrlich süße Köstlichkeiten aus Jersey Butter zusammen. Den Australier – einst Chocolatier auf der Queen Mary II. – hat es der Liebe wegen auf die Insel verschlagen. „Ich war überzeugt, Jersey gehört zu Frankreich“, habe er damals gedacht – wegen der vielen französischen Namen und Ortsbezeichnungen.

Und die irritieren nicht nur den Mann von Down Under. Jersey lebt tatsächlich zwei Kulturen und führt dazu noch ein Eigenleben im britischen Königreich. Offiziell gehört es ebenso wie die Nachbarinseln nicht zu Großbritannien, sondern ist direkt der Krone unterstellt. Und dies schon seit fast einem Jahrtausend. Einst gehörte die Insel zum frankophonen Herzogtum der Normandie, bevor sie 1066 in die Hände Wilhelm des Eroberers fiel, der sich selbst nach der Eroberung Englands dort zum König machte. So sprechen die Bewohner Jerseys neben Englisch vielfach auch Französisch, tragen französisch klingende Namen und lehnen sich kulinarisch eher an die frankophile als an die englische Küche an.

Der Eigenheiten nicht genug: Sogar eine eigene Währung gönnen sich die Insulaner – das Jersey Pfund, nur gültig auf dem 100 000 Einwohner zählenden Eiland.

Anreise: Airberlin und Eurowings fliegen in der Sommersaison von Düsseldorf direkt nach Jersey. Außerhalb der Saison geht es nur mit Umsteigen über Großbritannien. Über Frankreich geht es von der Normandie mit der Fähre ab St. Malo.

Unterwegs: Auf der Insel herrscht Linksverkehr, auf vielen schmalen Straßen im dichten Netz haben Wanderer und Radfahrer sogar Vorrang.

Nicht verpassen: Tour an der Küste mit Besichtigung verschiedener Bunkeranlagen, Blick in die Besatzungszeit in den Jersey War Tunnels, Sonnenuntergang am Leuchtturm La Corbière, Abstecher zu Faulkners Fisheries mit schmackhaften Snacks

Literatur: John Nettles: Hitlers Inselwahn, Osburg Verlag, 24 Euro

Gut zu wissen: Jersey ist trotz der aktuellen Pfundschwäche kein Billigreiseland, entschädigt aber mit toller Landschaft, freundlichen Menschen und einer erlesenen Küche

www.jersey.com/de

www.jerseyheritage.org

www.ciosjersey.org.uk

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