China - Shandong
6000 Stufen zum Glück

Das Glück hat viele Gesichter in China. Manchmal kommt es in Form von möglichst vielen Achten, der klassischen Glückszahl, auf dem Autokennzeichen daher. Andere schwören auf Goldfische, die Reichtum bringen sollen. In diesem Fall sind es Stufen. Glück verheißende Stufen, die schier endlos in die Höhe führen. Wie viele genau? Tour­guide Zhao Qisheng redet von 6660 und hat wohl ebenfalls die chinesische Zahlenmystik im Hinterkopf, bei der die „6“ für Erfolg und Gerechtigkeit steht. Einige glauben, gewissenhaft nachgezählt zu haben und kommen auf 6293.

Freitag, 23.09.2016, 18:09 Uhr

Blick von oben:Von der Kuppe des Yinhao-Parks aus bietet sich ein guter Blick über die Altstadt Qingdaos mit ihren Spuren aus deutscher Kolonialzeit. Ines-Bianca Hartmeyer
Blick von oben:Von der Kuppe des Yinhao-Parks aus bietet sich ein guter Blick über die Altstadt Qingdaos mit ihren Spuren aus deutscher Kolonialzeit. Ines-Bianca Hartmeyer

Fest steht: Mit seinen 1545 Metern Höhe ist der Taishan in der ostchinesischen Provinz Shandong der wichtigste der fünf Heiligen Berge des Daoismus . Ihn zu bezwingen, kommt in den Köpfen vieler Chinesen seit Jahrtausenden einem Aufstieg in den Himmel gleich – so ist das Massiv, das seit 1987 zugleich Unesco-Weltkultur- und Weltnaturerbe ist, einer der meistbesuchten Berge der Welt. Rund sechs Millionen Pilger zieht es jährlich auf den Gipfel.

„Der Berg bringt Glück“, ist auch Zhao überzeugt, „es heißt, dass jeder, der den Taishan bestiegen hat, 100 Jahre alt wird“. Er erklärt die Legende, die sich hinter dem Mythos verbirgt: Als Pangu, Schöpfer von Erde und Himmel, sein Werk vollendet hatte, starb er. Seine Augen wurden Sonne und Mond, sein Blut bildete die Flüsse des Landes, und der Taishan ist der zu Stein gewordene Kopf des Riesen.

Schon Konfuzius soll vor 2500 Jahren den Aufstieg auf sich genommen haben, um in erhabener Höhe über die geringe Bedeutung der Welt zu sinnieren. Ihm folgten Generationen von chinesischen Kaisern. Erst brachten sie dem Berggott im Dai Miao Tempel am Fuß des Berges kostbare Opfergaben dar, stimmten ihn mit einem symbolträchtigen, aus Adlerholz geschnitzten Löwen gnädig – dann nahmen sie den Aufstieg per Pferd oder Sänfte in Angriff, um Zwiesprache mit dem Himmel zu halten.

Heute gibt es für die weniger wackeren Wanderer eine andere Alternative zum neun Kilometer langen Aufstieg über das Stufenmeer: Bis zur Hälfte des Berges, dem Mittleren Himmlischen Tor, geht es mit dem Bus-Shuttle. Von hier aus erledigt die Seilbahn den Rest.

Mit einem latent schlechten Gewissen beobachtet der Tourist von der sanft schwankenden Gondel aus, wie die Erleuchtung suchenden echten Pilger die letzte Etappe, die Treppe der 18 Windungen, meistern. Allerdings hat er die Rechnung ohne den Heiligen Berg gemacht, denn nach dem Ausstieg am Südlichen Himmelstor ist es immer noch ein beachtliches Pensum bis zum höchsten Punkt, dem Tempel des Jadekaisers.

Stück für Stück jedoch geraten die Gedanken an den mühseligen Aufstieg ins Hintertreffen. Mit jedem Schritt übernimmt der Taishan stärker die Regie und lässt ihn wirken, seinen berühmten Zauber. Eine sanfte Brise mildert die Sommerhitze. Mit dem Wind wehen Weihrauchschwaden herüber. In das Klingeln der Glöckchen an den Souvenirständen mischt sich das stetige „Tock-tock“ der Wanderstöcke, mit deren Hilfe sich die Besucher Stufe für Stufe zum Glück emporarbeiten.

Junge Frauen sprechen bei der „Prinzessin der azurblauen Wolken“ vor und bitten sie um Beistand in Fragen rund um Heirat und Kindersegen. Verliebte manifestieren ihre Wünsche und Hoffnungen in einer Traube von Vorhängeschlössern im Innenhof des Tempels, andere haben gefaltete Blumen aus Goldpapier oder Früchte als Gaben mitgebracht. Ist es so einfach, das Glück zu beschwören?

Zhao Qisheng jedenfalls ist davon überzeugt, dass der Besuch auf dem Berg die Menschen verändert: „Ich war als junger Mann schon einmal hier oben – unvergesslich!“, schwärmt er. Und die Sache mit den 100 Jahren? „Wir werden sehen“, antwortet der Guide in bester daoistischer Tradition, die empfiehlt, dem Leben gelassen zu begegnen. Stattdessen schaut er auf die Armbanduhr und beschließt, dass es Zeit für den Abstieg ist: „Sonst bekommen wir kein anständiges Mittagessen mehr.“ Es gibt nämlich neben Reichtum und einem langen Leben noch eine viel schlichtere Definition von Glück in China : „Wer genug Essen und Kleidung hat“, so sagt der Volksmund, „der ist ein glücklicher Mensch.“

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