Schweiz
Luxus für jedermann

Die Schönheit der Schweiz begeistert Reisende aus aller Welt seit mehr als 200 Jahren. Kein anderes Land kann auf eine so lange und spannende Tourismusgeschichte zurückblicken wie die Heimat der Eidgenossen. Ihre Glanzzeit war die Belle Époque, die mit der Eröffnung des Gotthard-Bahntunnels im Jahr 1888 begann: Nun konnte man schneller denn je ins Herz der Schweiz, in ihre faszinierende Bergwelt gelangen. Auf den Seen gingen jetzt immer mehr Schiffe unter Dampf.

Samstag, 22.10.2016, 07:10 Uhr

Schmuckstück des Thunersees:die DS Blümlisalp in der untergehenden Sonne. Reinhard Ilg
Schmuckstück des Thunersees:die DS Blümlisalp in der untergehenden Sonne. Reinhard Ilg

Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914, der dem Reisen ein abruptes Ende bereitete, hatten die Schweizer mit immer neuen Rekorden ihr Land erschlossen und sein Aussehen nachhaltig verändert. Immer mehr neue Grandhotels boten edle Unterkunft und feines Essen. Mehr als 40 neue Seil- und Zahnradbahnen, darunter weltberühmte Bergbahnen wie die Jungfraubahn und die Pilatusbahn brachten die Menschen auf die Gipfel. Von den Kais der schnell wachsenden Städte wie Luzern, Montreux oder Interlaken legten immer neue große Dampfschiffe ab, auf denen die Reisenden – auf dem Weg zur Bergbahn oder bei einer Seenrundfahrt – die Schönheit der umliegenden Bergwelt stilvoll und in Muße genießen konnten.

Unterwegs mit Schweizer Dampfschiffen

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  • Auf dem Thunersee ist die DS Blümlisalp unterwegs.

    Foto: Reinhard Ilg
  • Manöver auf dem Thunersee.

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  • Wer denkt da nicht an die Titanic? Der Glanz der Belle Epoque lebt auf den Schweizer Dampfschiffen weiter. Dies ist ein Treppenaufgang auf der DS Blümlisalp.

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  • Prunkvolles Detail an der DS Lötschberg auf dem Brienzersee.

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  • Deutscher Dichter auf Schweizer See. Das Dampfschiff ist auf dem Vierwaldstättersee unterwegs.

    Foto: Reinhard Ilg
  • Blick in den Maschinenraum der DS Schiller.

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  • Blitzblanke Maschinen.

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  • Zu vorne sagt man „Bug“. Blick über den Bug der DS Suisse auf den Lac Leman - oder auch Genfersee.

    Foto: Reinhard Ilg
  • So lässt es sich aushalten. Passagiere auf der DS Suisse.

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  • Wie ein kleines Meer mutet der Genfersee hier an.

    Foto: Reinhard Ilg

Auch das Leben der Schweiz hat sich seither dramatisch beschleunigt, geblieben ist die tiefe Liebe der Schweizer zum entschleunigten Reisen; fast alle Technikikonen vergangener Zeiten erleben eine neue Blüte. Die vielleicht schönsten von ihnen sind auf den großen Seen unterwegs: Die mächtigen Schaufelräder von noch 16 erhaltenen Kursschiffen mit einer Dampfmaschine durchpflügen von Frühling bis Herbst die Wasser von Genfersee und Zürichsee, Thunersee und Brienzersee, Vierwaldstättersee und Neuenburgsee. War das Vergnügen einer stilvollen Dampfschiffreise früher ein Privileg der Gutbetuchten, ist der Luxus heute für jedermann erlebbar. Alle Dampfschiffe verkehren nach Fahrplan im Linienbetrieb, ihre Nutzung ist zum Beispiel im Swiss Travel Pass miteingeschlossen.

Wer an Bord geht, betritt eine Welt voller Anachronismen und „Stilblüten“. Schon die persönliche Begrüßung durch das zahlreich vorhandene Personal schmeichelt dem Reisenden und ist in Zeiten führerloser Verkehrsmittel einfach wohltuend. Der entspannte Umgang miteinander versteht sich von selbst: Wer auf Dampfschiffen anheuert weiß, was er tut. „Im Winter müssen schwerste Maschinenteile auf dem eiskalten Schiff millimetergenau ausgerichtet werden, im Sommer ist es im Maschinenraum teilweise mehr als 50 Grad heiß“, sagt Patrick Schaffner, Dampfschiffkapitän auf dem Lac Léman, dem Genfersee. „Auf einem lebendigen Dampfschiff bleiben eigentlich nur motivierte Leute, die anderen suchen sich schon nach kurzer Zeit eine neue Arbeit.“

Erst langsam, rasch aber immer schneller werdend setzen sich die mächtigen Kolben der Maschinen in Gang, wenn der Kapitänsbefehl zum Ablegen aus dem metallenen Sprachrohr am Maschinenstand plärrt. Die in der Regel 450 bis 650 PS starken Maschinen aus der Fertigung des früheren schweizerischen Maschinenbau-Giganten Escher Wyss & Cie sind alle noch die originalen Antriebsaggregate, die dank regelmäßiger Wartung, Generalüberholungen und penibler Pflege bis heute wie ein junges Herz pulsieren. Dieses liegt zur Freude der Reisenden offen: Der Blick vom Zwischendeck hinunter in den weitgehend einsehbaren Maschinenraum lässt selbst eindrucksvollste Uferlandschaften aus steilen Bergen oder Weinbergterrassen vergessen. Der Faszination einer Dampfmaschine kann sich vom Kleinkind bis zum altersgebeugten Senior niemand entziehen. Das Rauschen der mächtigen Schaufelräder an Backbord und Steuerbord sorgt für den gleichmäßigen Background-Sound zum rhythmischen Stampfen der Maschine.

Auf dem Oberdeck, auf dem die Tische im Restaurant der 1. Klasse immer stilvoll eingedeckt sind, ist das schwitzige Treiben im Keller kaum spürbar. „Das Mineral“ oder „der Apero“ in der immer gut sortierten Bar werden hier je nach Wetterlage sogar vom Seewind gekühlt. Auf den Tisch kommt – auch in der 2. Klasse auf dem Hauptdeck – heute wie damals nur das, was mit der Gastronomie an Land mindestens mithalten kann. Nicht wenige Reisende fahren gerade deshalb mit „ihrem“ Schiff, weil sie neben den Annehmlichkeiten einer Seereise mit vertrautem Personal die Komposition und Qualität des Menüs schätzen. Und so ist die Stimmung an Bord der Schiffe eigentlich immer eine schweizerisch heimelige: Einheimische und Personal sind wie eine große Familie und vertraut im Umgang miteinander. Wer als Gast an Bord kommt, wird wie selbstverständlich aufgenommen, auch wenn er nur von A nach B übersetzt. Ein wunderbarer Anachronismus mehr.

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