Mecklenburg-Vorpommern
Kleines Wunder am Ende der Welt

Kilometerlang wälzt sich die Autoschlange durch Wolgast auf die Ostsee-Insel Usedom. Es ist Ferienzeit und die Urlauber machen sich auf den Weg – meist in rappelvolle Ferienorte, um sich Handtuch an Handtuch auf den Strand zu legen. Kann man machen – muss man aber nicht, denn schert man auf der B 111 kurz vor Wolgast nach rechts aus, kommt man in den „Lassaner Winkel“ und fast schon zwangsläufig zum Durchatmen: teils kopfsteingepflasterte, in jedem Fall aber rumpelige Alleen führen durch die hügelige Landschaft, vorbei an Weilern, Gutshöfen, dem ein oder anderen See und einer wunderschönen Mirabellen-Allee.

Montag, 21.08.2017, 11:08 Uhr

Hier ist die Zeit stehen geblieben:Eine wunderschöne Allee verbindet die Ortsteile Klein Jasedow, Papendorf und Pulow. Markusm Kleymann
Hier ist die Zeit stehen geblieben:Eine wunderschöne Allee verbindet die Ortsteile Klein Jasedow, Papendorf und Pulow. Markusm Kleymann

Lassan heißt der Hauptort dieser Region und ist mit seinem kleinen Hafen direkt am Peenestrom gelegen. „Hier in Lassan geht die Welt erst 50 Jahre später unter“, scherzt Fred Gransow , Bürgermeister dieser kleinsten Stadt in Mecklenburg-Vorpommern.

Mit gerade einmal 1500 Einwohnern ist Lassan kein Hotspot, aber schon ein kleines Wunder, denn hier „am Ende der Welt“ stößt man nicht nur auf einen beschaulichen Ort mit vielen hübsch renovierten Häusern, deren in unterschiedlichsten Farben und Schnitzereien gestalteten Haustüren auf solides Tischlerhandwerk verweisen, sondern auch auf eine überraschend gut ausgebaute Infrastruktur: zwei kleine Supermärkte, eine Bäckerei – mit einer sensationellen Kuchenauswahl – Apotheke und Ärzten – alles da. Das allein ist in dieser Gegend schon erstaunlich, aber eine Naturheilpraxis, ein Veggi-Bistro direkt am Marktplatz und ein Restaurant, das vorwiegend mit regionalen und biologisch angebauten Zutaten kocht? Diese schon fast großstädtische Ausstattung passt so gar nicht zu der landläufigen Vorstellung von sich entleerenden und von wirtschaftlichen Entwicklungen weitestgehend abgehängten Dörfern in der Peripherie Mecklenburg-Vorpommerns und ist hier somit eine echte Überraschung.

Im alljährlich neu aufgelegten touristischen Flyer bieten mittlerweile 36 kleine Unternehmen, Vereine und Initiativen Ausflüge, Workshops und Veranstaltungen an. Oft sind sie nachhaltig, mit einem besonderen Bezug zur Region oder einem Handwerk. Ob die Handweberei mit Café im idyllischen Pulow, die Lassaner Papierwerkstatt oder der Duft- und Tastgarten in Papendorf – die Vielfalt der Angebote ist überraschend. „Das war hier auch zu DDR-Zeiten schon eine kreative Ecke“, weiß Karl Valta , der sich vor vielen Jahren aus Berlin aufgemacht hat, das alte Gutshaus von Klein Jasedow zu renovieren und zu beleben. Karl und Angelika Valta sind Künstler und haben mit dem alten Gutshaus und ihrem großen naturnahen Garten ein echtes Kleinod geschaffen. Auch sie bieten Workshops, vor allem zur „Enkaustik“, dem „Malen“ mit Bienenwachs, und zur Puppenherstellung, an, vermieten aber auch wie viele andere Einheimische Ferienwohnungen.

In dieser musikalisch und künstlerisch lebendigen Landschaft wundert es dann auch nicht mehr, dass Dr. Till Richter sich mit seinem privaten Museum für internationale zeitgenössische Kunst im Schloss von Buggenhagen – mit mehr als 1000 Quadratmetern Ausstellungsfläche und einem eigenen Stipendiaten-Programm – eingerichtet hat. „Ich will neben den hier wohnenden Kunstinteressierten natürlich auch Touristen ansprechen, die sich für moderne Kunst begeistern können“, so der 43-jährige Kunsthistoriker.

2012 wurde das von den Einheimischen entworfene regionale Tourismuskonzept „Kräuter, Kunst und Himmelsaugen“ vom Land Mecklenburg-Vorpommern ausgezeichnet – und auch die steigenden Übernachtungszahlen zeigen, dass mit dieser Art der Regionalentwicklung offensichtlich ein Nerv getroffen wurde. Weitere Anbieter ziehen hinzu, bringen ihre Familien mit, eine zusätzliche Schule entsteht.

Welchen Stellenwert dieser Entwicklung allerdings beigemessen wird, darüber wird im Lassaner Winkel derzeit heftig gestritten: Die Peeneland-Aktiengesellschaft entstand nach der Wende aus der dortigen ehemaligen LPG, verfügt über riesige Flächen im Lassaner Winkel und ist neben dem aufblühenden Tourismus und den sich neu ansiedelnden Unternehmen ebenfalls ein Arbeitgeber in der Region. Aktuell beabsichtigt die Peeneland-AG, ein Gülle-Großlager mitten in den Lassaner Winkel zu bauen. Dagegen hat sich breiter Protest formiert und die Auseinandersetzung läuft auf Hochtouren. Der Ausgang ist derzeit noch nicht absehbar und so bleibt zu hoffen, dass die Verantwortlichen eine Entscheidung treffen, die der schönen und reizvollen Landschaft und der durch viel persönliches Engagement getragenen touristischen Infrastruktur Rechnung trägt. Keine Insel der Glückseligen also, aber ein höchst lebendiger Landstrich – abwechslungsreich und kreativ.

Anreise: Der „Lassaner Winkel“ mit seinem Hauptort Lassan und fünf weiteren kleinen Ortsteilen liegt auf dem Festland direkt vor der Ostseeinsel Usedom in Vorpommern. Auf der Autobahn A20 fährt man ab Lübeck bis zur Ausfahrt Anklam. Die nächsten Bahnhöfe befinden sich in Wolgast und Anklam.

Unterkunft: Ob Herrenhaus, Gutshof oder Pilgerherberge – die möglichen Unterkünfte bestechen durch ihre Vielzahl. Eine Übersicht befindet sich auf der Internetseite

www.lassaner-winkel.de.

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