Wo Tradition gelebt wird
Im Süden von Sardinien halten die Menschen ihre Geschichte lebendig

Es ist lange her. Schon 1992 ist Ugo Atzori in den vorzeitigen Ruhestand gegangen. Doch vergessen hat der heute 71-Jährige kaum etwas. Er war einer der letzten Bergleute der Eisenerzmine Miniera di Montevecchio in den Hügeln unweit des Städtchens Guspini im südwestlichen Sardinen. 

Samstag, 15.09.2018, 11:20 Uhr
Veröffentlicht: Samstag, 15.09.2018, 11:12 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Samstag, 15.09.2018, 11:20 Uhr
Die frühere Eisenerzmine Miniera di Montevecchioin den Hügeln unweit des Städtchens Guspini ist heute ein Unesco-Weltkulturerbe. Josef Thesing Beim Ausflug auf die Halbinsel Siniswerden die Besucher mit Resten von Siedlungen konfrontiert, die zum Teil bis ins Neolithikum zurückreichen. Josef Thesing
Die frühere Eisenerzmine Miniera di Montevecchioin den Hügeln unweit des Städtchens Guspini ist heute ein Unesco-Weltkulturerbe. Josef Thesing Beim Ausflug auf die Halbinsel Siniswerden die Besucher mit Resten von Siedlungen konfrontiert, die zum Teil bis ins Neolithikum zurückreichen. Josef Thesing

So erinnert er sich an den Fensterschlitz auf der Veranda des prunkvollen Palasts, in dem der Minenbesitzer und seine Familie lebten und in dem im Erdgeschoss die Buchhaltung arbeitete. „Durch diesen Schlitz haben wir unseren Lohn empfangen. Man wollte nicht, dass die Arbeiter ins Gebäude kommen“, sagt der ehemalige Maschinist und Werkzeugmacher, dem Staublunge und Tuberkulose erspart geblieben sind – anders als vielen seiner Kollegen.

Der Lohn bestand zur Hälfte aus Gutscheinen für Milch und Gemüse

Der Lohn bestand bis in die 1960er Jahre hinein zur einen Hälfte aus Bargeld und zur anderen aus Gutscheinen für Milch, Gemüse, Fleisch und Kleidung. Auch daran werden der langjährige Minenbesitzer Giovanni Antonio Sanna und dessen Nachfolger vermutlich ihre Freude gehabt haben, blieb doch ein Teil des Lohns praktischerweise auf dem 2200 Hektar großen Minengelände hängen. „Es gab ein Krankenhaus, Läden, ein Kino und Restaurants“, erzählt Ugo Atzori.

2000 Menschen haben auf dem Gelände gewohnt, und mehr als 3000 sollen dort gearbeitet haben. Es war die größte Eisenerzmine in Italien „und eine der produktivsten in ganz Europa“, sagt Tarzcisio Agus, Präsident der Organisation, die sich heute um die Bewahrung und Präsentation dieses Teils der Kulturgeschichte kümmert, den die Unesco zum Weltkulturerbe erhoben hat, nachdem der Betrieb, in dem Zink, Blei und Silber gefördert wurden, im Jahr 1991 geschlossen worden war.

Sardiniens kulturelles Erbe

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  • Die Menschen der Frühzeit haben die Spitzen der Hügel besiedelt.

    Foto: Josef Thesing
  • In der Groß-Nuraghe Su Nuraxi am Ortsrand von Barumini suchten die Menschen Schutz.

    Foto: Josef Thesing
  • Im Museo dei Giganti in Cabras wird versucht, Geschichte zu rekonstruieren.

    Foto: Josef Thesing
  • In diesem Palast haben die Minenbesitzer gelebt. Er ist heute noch komplett eingerichtet.

    Foto: Josef Thesing
  • Auf die Halbinsel Sinis werden Besucher mit Resten von Siedlungen konfrontiert werden, die zum Teil bis ins Neolithikum zurückreichen.

    Foto: Josef Thesing
  • Vom Wasser umgeben, gibt es auf Sardinien viele Möglichkeiten für Freizeit und Urlaub auf und im Meer.

    Foto: Josef Thesing
  • Im Albergo Diffuso in Santu Lussurgiu lässt sich der Koch gerne bei der Arbeit zusehen.

    Foto: Josef Thesing
  • Dies alte Gasse im Dorf Santu Lussurgiu ist ein echter Hingucker.

    Foto: Josef Thesing
  • Fisch in allen Variationen gehört zum Essen auf Sardinien.

    Foto: Josef Thesing
  • Die Männer der Bruderschaft „La Confraternita del Rosario di Santu Lussurgiu“ praktizieren den Gesang „Canto a Concordu“.

    Foto: Josef Thesing
  • Dicke Backen machen diese beiden Männer beim Spielen der Launedda, ein traditionelles sardisches Blasinstrument, das 3000 Jahre alt sein soll.

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  • Der Förderturm der Miniera di Montevecchio in den Hügeln unweit des Städtchens Guspini war bis 1991 in Betrieb.

    Foto: Josef Thesing
  • Im Maschinenraum der Eisenerzmine ist vieles bis heute gut erhalten.

    Foto: Josef Thesing
  • Auf dem Mercato San Benedetto in Cagliari zerteilt ein Händler einen Thunfisch.

    Foto: Josef Thesing
  • Dieser Mann preist auf dem Markt sein Huhn an.

    Foto: Josef Thesing
  • Die kleinen Gassen in Cagliari werden besonders gepflegt.

    Foto: Josef Thesing

"Die Minen waren der Ursprung der Gewerkschaften."

Wenn Ugo Atzori von seinem früheren Arbeitsleben und dem der Kollegen erzählt, hegt er – ein bisschen wider Erwarten – keinen Groll gegen die Besitzerfamilie, die zu einer der reichsten in ganz Italien wurde. Und das trotz der Allüren der Besitzer und der „schweren und gefährlichen“ Arbeit. „Wir wurden im Vergleich zu den Bauern hier gut bezahlt. Und es gab eine Lohngarantie. Viele Familien haben davon gelebt“, sagt er.

Wenn es dann doch zu arg wurde, wurde gestreikt, wie erstmals im Jahr 1903. „Die Minen waren der Ursprung der Gewerkschaften“, erzählt Tarzcisio Agus im Palast, in dem es heute immer noch so aussieht, als habe die Besitzerfamilie und deren Entourage mal eben einen Ausflug in die Stadt unternommen.

Sardiniens Geschichte wird intensiv gelebt

Geschichte wird an vielen Orten auf Sardinien lebendig. Wer sich auf die Suche macht, wird feststellen, dass „Geschichte“ heute immer noch oder wieder intensiv gelebt wird. Zum Beispiel beim Ausflug auf die Halbinsel Sinis, wo die Besucher mit Resten von Siedlungen konfrontiert werden, die zum Teil bis ins Neolithikum zurückreichen. Besonders im Dorf Santu Lussurgiu. Dort findet am Karnevalssonntag im Februar ein Pferderennen der besonderen Art statt – egal, ob es schüttet, schneit oder friert.

Es gab ein Krankenhaus, Läden, ein Kino und Restaurants.

Ugo Atzori, ehemaliger Minenarbeiter

Wie alt die „Sa Carrela é Nanti“ ist, weiß niemand mehr so genau. Die Dorfbewohner orten die Anfänge dieses Spektakels in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Heute legen sich zwei – früher drei – Reiter gegenseitig die Arme auf die Schultern, dann geht’s auf den Pferden als Paar die 700 Meter lange Dorfstraße Via Roma hinab, die für das Rennen in jedem Jahr eigens vom Asphalt befreit wird. Wer am schnellsten ist – oder am längsten oben bleibt – gewinnt. Viele der Reiter tragen traditionelle sardische Tracht oder Karnevalskostüme.

Sardinien-Tipps

Anreise: Eurowings bietet von Düsseldorf aus Direktflüge nach Cagliari an.

Reisezeit: Die beste Reisezeit ist von April bis Oktober. Im Sommer wird es sehr heiß. Viele kleine Hotels auch in den Dörfern sind aber ganzjährig geöffnet.

Tipps: Wer weiter in die Geschichte eintauchen will, sollte die beeindruckenden Turmbauten Su Nuraxi am Ortsrand von Barumini, die phönizischen Stätten von Tharros und das Museo dei Giganti in Cabras besuchen, in dem es einen Überblick über die Besiedlung Sardiniens seit der Vorzeit gibt. Die Markthallen Mercato San Benedetto in Cagliari sind ein Muss, wenn es um die Vielfalt von frischem Fisch, Gemüse, Fleisch und Käse geht.

Weitergehende Auskünfte:

www.sardegnaturismo.it/de

www.regione.sardegna.it

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Gesänge aus dem 16. Jahrhundert

Ein paar Schritte weiter stehen im Haus der Bruderschaft „La Confraternita del Rosario di Santu Lussurgiu“, die „Bruderschaft des Rosenkranzes“, vier Männer mit teilweise beachtlichen Resonanzkörpern im engen Kreis dicht beieinander und stellen den Gesang „Canto a Concordu“ vor, der seinen Ursprung im 16. Jahrhundert haben soll und ein wenig an Gregorianische Gesänge erinnert. „Sie haben schon in der ganzen Welt gesungen“, ist der Präsident der Bruderschaft stolz.

"Unser Dorf lebt"

Weit weltlicher geht es eine schmale Gasse weiter Paolo Mutu an. Er fertigt in Handarbeit die traditionellen halbhohen schwarzen Hirten­schuhe. „Die halten mehrere Generationen“, sagt er stolz. Auf der Straße ist zu sehen, dass auch Nicht-Hirten sie heute tragen. „Unser Dorf lebt“, sagt Rita Migneli, die Gäste mit zunehmender Begeisterung durch die engen Gassen führt. Viele junge Menschen seien in den 1960er Jahren weggegangen; heute werden die alten Häuschen nach und nach saniert. Vor der Bar am Dorfplatz ist längst wieder Leben.

Darüber freut sich auch Paolo Mura, der im Gewölbekeller seines Hauses auf traditionelle Weise den tropfenförmigen Casizolu-Käse macht und zum Probieren ein Fläschchen Wein aus der Region auftischt. Das halbe Dorf hat sich ebenfalls eingeladen, Kinder inklusive. Manch einer hat eine Flasche Wein unterm Arm. Ein schöner Abend mit viel Geschichte und Gegenwart. Fehlt eigentlich nur die Launedda, ein traditionelles sardisches Blasinstrument, das 3000 Jahre alt sein soll und heute mit dicken Backen auch von jungen Menschen gespielt wird. Aber das ist eine andere Geschichte.

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