Norwegen
Verneigung vor dem Meer

Wie Puderzucker bedeckt Neuschnee die Gipfel der Berge rings um den Fjord. Fast so, als wolle er es aufnehmen mit dem strahlenden Weiß der Deckaufbauten des Schiffs. Auch dessen Farbe ist gerade ein paar Wochen alt, norwegische Schiffsbauer verpassten nur wenige hundert Kilometer nördlich dem nagelneuen Kreuzfahrtschiff den letzten Schliff.

Samstag, 24.11.2018, 06:00 Uhr
Herbststimmung am Oldesee,zwischen dem Fjord und dem Briksdal gelegen Dieter Huge sive Huwe Das „Blaue Auge“heißt die Lounge, die knapp oberhalb des Kiels den Blick in die Unterwasserwelt ermöglicht.
Herbststimmung am Oldesee,zwischen dem Fjord und dem Briksdal gelegen Dieter Huge sive Huwe Das „Blaue Auge“heißt die Lounge, die knapp oberhalb des Kiels den Blick in die Unterwasserwelt ermöglicht.

Jetzt, bei den letzten Fahrten vor der Taufe der „Le Champlain“, wird die 131 Meter lange Yacht auf Herz und Nieren getestet. Später wird sie auf allen Weltmeeren, inklusive der Antarktis, unterwegs sein. Schon die Anreise ins Fjordland von der ebenso schönen wie ruppigen Atlantik-Metropole Bergen aus fordern Kapitän René Paul Boucher und seine Crew. Denn nach dem Einschiffen geht es am Abend hinaus auf die offene See. Zwei Lotsen sind an Bord, die Inselwelt vor Norwegens Küste ist rau und nicht ohne Tücken.

Als der Wind zunimmt, wiegt sich das Schiff erstaunlich ruhig von einer Seite auf die andere. Stabilisatoren verhindern ein Bockspringen auf den Wellenkämmen. Im Restaurant bleibt der Wein in den Gläsern, in der Main-Lounge die Sängerin neben dem Pianisten lässig auf ihrem Barhocker. Französisch und Englisch sind die Sprachen an Bord, die Atmosphäre im luxuriösen Ambiente ist leger.

Trotz der ruppigen Anreise sind die Gäste am nächsten Tag früh an Deck, genießen die Einfahrt in den spiegelglatten Geirangerfjord, Höhepunkt des Norwegen-Tourismus – und einfach ein Muss für Kreuzfahrer. Im kleinen Örtchen hatten deren Bewohner früh die Chance des Tourismus erkannt, den steil aufragenden Bergen mit seinen spektakulären Wasserfällen serpentinenreiche Autostraßen abgetrotzt. Außerdem fanden sie mit dem deutschen Kaiser Wilhelm II. einen von Norwegen begeisterten Werbeträger. Dessen Lieblings-Aussichtspunkt auf den Fjord, einige Hundert Meter den Berg hinauf, ist diesmal in den Wolken verschwunden, die sich bereits wieder dicht aneinander drängen – Norwegens Herbst ist eben wechselhaft.

Gelegenheit also, das nicht alltägliche Schiff genauer unter die Lupe zu nehmen. Der Infinity Pool im Heck ist dabei die Ouvertüre zum tiefer gelegenen Marinedeck, das über geschwungene Treppen erreicht wird. Den Sprung ins Wasser von hier aus erlauben die Fjorde allenfalls im Hochsommer, doch haben die Designer des Neubaus ein technisches Meisterstück abgeliefert mit einem ausfahrbaren Anleger. Flinke Zodiac-Boote können hier anlanden, die Passagiere schnell zu Zielen an Land bringen. Und wer mag, klettert direkt von der innovativen Konstruktion in ebenfalls an Bord mitgeführte Kajaks oder aufs Stand-up-Board. Das Heck der „Le Champlain“ ist eine Verneigung vor dem Meer, denn wo sonst kommt man auf einem Kreuzfahrtschiff, das dieses Schiff trotz seines Yachtdesigns ist, dem Meer so nahe?

Bei der „Le Champlain“ allenfalls unter Deck – fast in Höhe der Bilge. Nur der Schraubentunnel verläuft noch unter dem „Blue Eye“, einer Lounge, die durch vier große Glasscheiben den Blick ins Meer zulässt. Architekt Jacques Rougerie, der auch schon für Jacques Cousteau arbeitete, hat das Design entworfen. „Ich wollte ein unmittelbares Unterwasser-Erlebnis schaffen“, schwärmt Rougerie und berichtet, dass dessen technische Umsetzung durchaus anspruchsvoll war. Auch Kapitän Nemo hätte seine Freude gehabt an den geschwungenen Linien und den Unterwasser-Geräuschen, die Hydrofone live in die Cocktail-Bar übertragen – in der nicht einmal klingelnde Eiswürfel in den Drinks die Stimmung trüben.

Wer Norwegens Bergwelt nicht zum ersten Mal bereist, wird indes ein wenig eben diesem Eis nachtrauern, das sich auf den Ausläufern des Jostedalsbreen immer weiter zurückzieht. Europas größter Festlandsgletscher schmilzt, und im Briksdal wird dies besonders deutlich. Konnten Bergfreunde hier vor zehn Jahren noch die Steigeisen unterschnallen und zu Touren aufbrechen, hat sich die Eiszunge des Gletschers zurückgezogen. Mit dem Bus durchs romantische Oldendal angereist bietet das Bridsdal dennoch ein Ausflugserlebnis für die Kreuzfahrer, das sehenswert ist. Nebelschwaden geben immer wieder den Blick frei auf die Gipfel der Berge, auf rauschende Wasserfälle, gelb verfärbtes Laub der Bäume an den Hängen. Kleine Troll-Cars bringen die Ausflügler hin­auf zum Gletscher. Zurück geht es zu Fuß – auf einem Spazierweg, der den Blick schärft für die Schönheit der Natur Norwegens.

Doch was wäre Fjordnorwegen ohne das Meer, das sich kilometerweit in die Bergwelt einschneidet und diese einzigartige Verbindung zwischen Wasser und Land schafft? Im Kajak ist der Besucher sicherlich am dichtesten dran an der Natur der Fjorde – und fragt sich, bevor es zurück an Bord geht, was nun eigentlich weißer ist: der Neuschnee oder die elegant geschwungenen Aufbauten des Schiffs?

Information

Als zweites Schiff der Serie Ponant Explorers wurde die „Le Champlain“ im Oktober 2018 in Dienst gestellt. Die Jungfernfahrt führte entlang der europäischen Atlantikküste zu den Kanaren und Kapverden, bevor sie sich dann auf den Weg nach Südamerika machte. Dort ist sie dann bis Anfang April 2019 auf verschiedenen Routen auf dem Amazonas, auf dem Orinoco und in der Karibik unterwegs. Danach geht es für die „Le Champlain“ zurück nach Europa. Das Schiff fährt unter französischer Flagge, verfügt über die Eisklasse 1c, hat 92 Kabinen, 88 mit Balkon, vier mit privater Terrasse. Die Besatzungsstärke beträgt 110.

www.ponant.com

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