Selbsthilfe-Werkstätten
Das Fahrrad selbst reparieren - und die Profis helfen mit

Berlin -

Einfach mal selbst die Bremsen am Fahrrad wechseln - dafür fehlt vielen allein schon das Werkzeug. In Selbsthilfe-Werkstätten steht das nötige Equipment bereit - und wer nicht weiter weiß, kann die Profis fragen.

Montag, 15.05.2017, 04:24 Uhr aktualisiert: 15.05.2017, 16:08 Uhr
Helfende Hände: Markus Geng hilft in der Fahrrad-Selbsthilfe-Werkstatt im soziokulturellen Zentrum VILLA in Leipzig einer Kundin.
Helfende Hände: Markus Geng hilft in der Fahrrad-Selbsthilfe-Werkstatt im soziokulturellen Zentrum VILLA in Leipzig einer Kundin. Foto: Sebastian Willnow

Im Frühjahr wird es in der kleinen Fahrradwerkstatt von Markus Geng in der Leipziger Innenstadt manchmal eng. «Die Leute wollen nach dem Winter jetzt ihre Räder fit machen», sagt er. Dazu gehört: Schaltung nachstellen, Bremsen überprüfen, den einen oder anderen Mantel austauschen.

Wer in die Fahrrad-Selbsthilfe-Werkstatt im soziokulturellen Zentrum VILLA kommt, legt selbst Hand an. Geng stellt das Werkzeug, schafft eine nette Atmosphäre und beantwortet Fragen. Und wenn die fünf Fahrradmontageständer in dem 35 Quadratmeter kleinen Raum nicht ausreichen, wird ein Rad auch einfach mal nur auf den Kopf gedreht. Schnörkellose Hilfe zur Selbsthilfe eben.

Nur wie gut sind diese Werkstätten, und ist Selbermachen überhaupt verkehrssicher? Die Werkstätten gibt es nach Auskunft des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs ( ADFC ) vor allem in größeren Städten. Viele sind demnach gemeinnützig, manche gibt es nur vorübergehend, andere sind fest eingerichtet. In Berlin betreibt der Fahrradbund selbst eine Selbsthilfewerkstatt. Wer hier schrauben will, darf das sogar kostenlos tun. Der Verband bittet lediglich um eine kleine Spende.

«Uns geht es darum, dass Menschen lernen, wie sie ihr Fahrrad mit ein paar Handgriffen selbst reparieren können», sagt Philipp Poll vom Berliner Landesverband des ADFC. «Und», fügt er hinzu, «dass sie die Funktion verkehrssicherheitsrelevanter Teile im Blick behalten.» Dass in der Werkstatt immer ein Profi vor Ort ist, den fragen kann, wer nicht mehr weiter weiß, soll helfen, Hemmschwellen abzubauen.

Beim ADFC wird also darauf geachtet, dass die Schrauber auch nach der Do-it-yourself-Reparatur noch bedenkenlos in die Pedale treten können. Wie gut die Betreiber anderer Werkstätten darauf achten, kann Poll nicht sagen. «Es gibt kein Zertifikat oder so etwas», sagt er. Zudem seien die Werkstätten, die Poll wegen des häufig soziokulturellen Anstrichs «Projekte» nennt, sehr unterschiedlich - was Preis, Ausstattung und sogar das Publikum anbelangt.

Zu Markus Geng in die Leipziger Innenstadt kommen vor allem Studenten - vor 15 Jahren wurde die Werkstatt auf Initiative des Studentenwerks gegründet, die das Projekt noch heute größtenteils finanziert. Geng selbst leitet die Werkstatt seit fünf Jahren. Neben den Studenten kommen inzwischen Menschen aus allen Schichten und Altersgruppen, so der Chef. Viele von ihnen sind demnach Stammkunden.

Tipps für den Kauf gebrauchter Fahrräder

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  • Gut 72 Millionen Fährräder gibt es in Deutschland, und viele von ihnen haben schon einen Besitzerwechsel hinter sich. Wer ein Fahrrad aus zweiter Hand kauft, sollte allerdings ganz genau hinschauen. Unter Umständen machen sich Käufer strafbar.

    Um solche Fälle zu vermeiden, sollten Radler auf diese Punkte achten...

    Foto: colourbox.de
  • DER VERKÄUFER: Experten empfehlen, auch gebrauchte Räder bei Händlern zu kaufen. «Sie verkaufen die Ware nicht ungeprüft, so dass ein fahrfähiges Rad dasteht», erläutert Thomas Geisler vom Pressedienst Fahrrad (pd-f). Privatleute, die über Kleinanzeigen oder auf dem Flohmarkt ein Rad anbieten, müssen dagegen keine Gewährleistung geben. «Außerdem geht man ein Risiko ein, wenn man das Rad im Internet kauft, ohne es Probe zu fahren», erklärt Albert Herresthal vom Verbund Service und Fahrrad (VSF).

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  • VOR DEM KAUF: Auch wer unwissentlich und gutgläubig ein gestohlenes Fahrrad kauft, kann sich strafbar machen. Verkaufen Privatleute ein Rad, so sollten sie den  Kaufvertrag  mit der Rahmennummer und Modellbeschreibung vorweisen können. Ein Fahrrad kann mit einem speziellen Code, zum Beispiel von der Polizei oder einem Radverband, versehen sein, mit dem der Besitzer eindeutig ermittelt werden kann. Den Kauf selbst sollte man ebenfalls mit einem Vertrag dokumentieren.

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  • DIE OPTIK: Sind die Felgen verbogen, sind Reifen porös oder Speichen gebrochen? Stecken alle Kabel fest? Das sind Punkte, die bei jedem gebrauchten Rad geprüft werden sollten. «Fragen sie danach, wo und wie das Rad gelagert war», rät Geisler. Ein Fahrrad, das bis zum Verkauf genutzt wurde, steht unter Umständen besser da als eines, das einige Jahre lang in einem feuchten Keller vor sich hin rostete.

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  • NACH DEM KAUF: Selbst wenn das gebrauchte Rad fast wie neu ist, sind viele Teile auf den Körperbau des Vorbesitzers angepasst. Käufer sollten Sattel, Pedale und Lenker neu justieren oder in neue, passendere Teile investieren.

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  • DIE PROBEFAHRT: Das Fahrgefühl sollte gut sein, die vorgeschriebene Ausstattung funktionieren. Das gilt für die Lichtanlage ebenso wie für die Bremsen. «Achten Sie genau darauf, ob das Fahrrad auf eine Seite zieht. Das kann auf einen Vorschaden hinweisen», sagt Herresthal.

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  • ACHTUNG E-BIKES: Thomas Geisler rät grundsätzlich von gebrauchten Fahrrädern mit Elektromotor ab: «Man kauft die Katze im Sack. Selbst Experten haben Schwierigkeiten zu beurteilen, wie gut ein gebrauchter Akku noch in Schuss ist. Und Nachrüsten wird teuer.»

    Foto: www.pd-f.de / r-m

Für die Kunden lohnt sich das Selberschrauben zumindest finanziell in jedem Fall. Bei Geng können Uni-Studenten kostenlos an ihren Rädern arbeiten. Von allen anderen nimmt er sechs Euro in der Stunde. «Das ist in jedem Fall viel günstiger als bei den Profis, die durchaus einen Werkstattstundensatz von 50 bis 60 Euro abrufen müssen, um rentabel arbeiten zu können», sagt Geng.

Mareike Hermann empfiehlt, sich vorher über das zu informieren, was man plant. Sie ist Sprecherin der Do-it-yourself-Academy in Köln und kennt die Tricks, um nicht am Anfang gleich frustriert zu sein und zählt auf: «Im Netz informieren, sich nicht zu viel vornehmen, langsam anfangen.»

Wer das beherzigt, der hat am Ende sicher ein günstig repariertes Rad - und ist vielleicht sogar ein bisschen glücklicher als vorher. «Es ist natürlich schön, etwas mit den Händen zu machen», sagt Selbermach-Expertin Hermann.

«Besonders reizvoll ist es, dass man einen Prozess von Anfang bis Ende mitbekommt und im Griff hat.» Gerade in der heutigen Arbeitswelt, in der viele nur einen Teil großer Aufgaben erledigen oder verantworten, könne das ein schöner Ausgleich sein. «Wer etwas selbst macht, gibt sich den Takt vor und ist sein eigener Herr», sagt Hermann.

Geschichte des Drahtesels: 200 Jahre Fahrrad - Von der Karbid-Funzel zum Carbonrad

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  • Carbonrad

    Zweirad-Pionier Karl Drais stieg zur ersten längeren Fahrradtour am 12. Juni 1817 auf eine hölzerne Laufmaschine, die noch nicht einmal Pedale hatte. Heute ist das Fahrrad ein Hightech-Produkt. Wie sehr sich die Technik im Laufe der Zeit gewandelt hat, zeigen folgende Beispiele...

    Foto: Mathias Kutt
  • Carbon-Laufrad statt Holzfelge: Die Räder, die Drais an sein Veloziped montiert hatte, waren aus Holz. Spezielle Holzfelgen konnten sich über längere Zeit nur im Radrennbereich halten. Bald wurden die Laufräder aus Stahl, später dann aus leichteren Aluminiumlegierungen gebaut. Dann kam das ultraleichte Carbon.

    Mittlerweile sind Bauteile aus dem robusten und leichten Kohlenstofffaserverstärkte Kunststoff (CFK) vergleichsweise günstig geworden. Kostete ein Radsatz vor Kurzem weit mehr als 2000 Euro, bietet etwa die Firma Sram den 29-Zoll-Laufradsatz Roam 50 für 1416 Euro an.

    Für Ruprecht Müller, ADAC-Fahrradexperte, sind Alltagsräder grundsätzlich handlich genug, und bedürfen nicht unbedingt der Carbonfelge: «Für spezielle Anwendung, etwa im High-Tech-Straßenrenner, mag dies anders sein.»

    Foto: instagram.com/gamzamask
  • Carbonriemen-Antrieb statt Kette

    Carbonriemen-Antrieb statt Kette: CFK, aus dem im Profibereich auch Rahmen gefertigt werden, macht der Fahrradkette Konkurrenz. So bietet etwa die Firma Gates den Carbon Drive Network CDN für 50 Euro an.

    David Koßmann vom Pressedienst Fahrrad (pd-f) kann Vorteile von Riemen bestätigen: «Der Riemen rostet nicht, braucht keinerlei Pflege und ist nicht ölig.» Nur teurer als eine Kette ist er.

    Foto: www.pd-f.de / sram
  • Kabellose Funkschaltung statt Nabenschaltung

    Kabellose Funkschaltung statt Nabenschaltung: «Eine Funkschaltung ist einfach zu montieren, Sie brauchen keine Kabel mehr», sagt Koßmann. Die US-Marke Sram hat seit 2016 eine der ersten kabellosen Funkschaltungen auf den Markt gebracht, die 1911 Gramm wiegende Red eTap für Rennräder mit 2x11 Gängen für knapp 2700 Euro.

    Foto: www.pd-f.de / Paul Masukowitz
  • Fahrradhänger statt Lenkersitz

    Fahrradhänger statt Lenkersitz: Fahrradanhänger für den Nachwuchs gab es auch schon in den 1930er Jahren, wie der einspurige Kinderanhänger Rally belegt, Teil der Sammlung im Deutschen Fahrradmuseum in Bad Brückenau. Auch Kinderhängesitze, die man am Lenker befestigte, gab es schon vor dem Krieg. «In den Siebzigern kamen sie in Mode, aber heute würde niemand mehr sein Kind als Knautschzone einsetzen», sagt pdf-Chef Gunnar Fehlau.

    Weitaus sicherer sei der Nachwuchs in einem Kindertransporter unterwegs, wie ihn zum Beispiel die Firma Croozer anbietet. Das Modell Kid for 1 kostet ab 549 Euro und lässt sich vom Rad abgekoppelt auch als Kinderwagen zum Schieben nutzen. Der Kindertransport im Anhänger habe den Vorteil, dass die Fahreigenschaften des Fahrrades wegen der ähnlichen beziehungsweise gleichen Schwerpunktlage weniger verändert würden als bei Kindersitzen am Lenker oder am Gepäckträger, sagt Ruprecht Müller, Fahrradexperte beim ADAC. Nur haben die Kinder nicht mehr so eine gute Übersicht wie in den alten Einhängesitzen, und sie fahren im Straßenverkehr in Höhe der Auspuffendrohre von Autos.

    Foto: www.pd-f.de / croozer
  • LED-Leuchte statt Karbid-Funzel: Noch in den 1920er-Jahren war es üblich, Gas abzufackeln, um Fahrräder zu beleuchten: Es war die Zeit der Karbidlampen, die auch an frühen Autos montiert waren. Im Vergleich zu heutigen Hightech-Produkten war die Lichtausbeute spärlich.

    «Mit modernen LED-Scheinwerfern können Sie heute sogar Autofahrer richtig blenden», sagt Gunnar Fehlau. Eine solche Lampe hat etwa Busch & Müller mit der Ixon Space für 199 Euro im Programm.

    Foto: instagram.com/faltradxxs.de_marinesales.de
  • Luftkontrolle statt schlapper Reifen: Der Luftdruck wirkt sich auf den Federungskomfort aus. So hat der Hersteller Quarq das streichholzschachtelgroße System Shockwiz entwickelt, das 100 Mal in der Sekunde den Luftdruck der Luftfederung messen soll. Die Daten können mit einer Smartphone-App ausgelesen werden.

    Foto: instagram.com/ruedasgordas.es
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Italien-Rückkehrer in Deutschland mit Coronavirus infiziert
Eine elektronenmikroskopische Aufnahme zeigt das Coronavirus (SARS-CoV-2, orange), das aus der Oberfläche von im Labor kultivierten Zellen (grau) austritt.
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