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Fußballromantik vs. Kommerzialisierung?

Fußball ist nicht nur die schönste Nebensache der Welt, sondern auch der Volkssport Deutschlands Nummer Eins und wird scheinbar immer noch erfolgreicher. Doch die Kommerzialisierung des Sports ist nicht unumstritten. Immer mehr Fans wenden sich enttäuscht ab und vermissen die eigentliche Fußballkultur, die zwischen Millionen-Transferdeals und horrenden Kosten für Eintrittskarten ihrem Empfinden nach verloren geht. Aber sind diese Empfindungen objektiv nachvollziehbar? Oder handelt es sich lediglich um ein nostalgisches Zurückblicken in die vergangenen Zeiten? Dieser Artikel soll der Kommerzialisierung und den Folgen auf die Spur kommen und dabei auch die Vorteile des Vorgangs benennen, nicht nur die Nachteile.

Dienstag, 09.01.2018, 04:01 Uhr

Specials: Fußballromantik vs. Kommerzialisierung?
Quo vadis Profifußball? Foto: fotolia.de © Kar Tr #125221966

Die Stadien

Dabei geht es für die meisten Fans schon bei den Stadien los. Denn die modernen Fußballtempel bieten an sich fast alles, was das Fanherz begehren kann. Endlich gibt es zahlreiche wirklich für die speziellen Bedürfnisse des Fußballsports angepasste Stadien, die zudem aufgrund der fehlenden Aschebahnen viel näher am Spielgeschehen dran sind. Zudem sind die Sitzplätze in aller Regel, zumindest in den höheren Ligen, wesentlich bequemer. Menschen, die das nötige Kleingeld mitbringen, können sich eine VIP-Loge mieten und werden dort mit einem umfangreichen Cateringangebot bedient.

Doch gleichzeitig, so zumindest glauben viele Fans, werden die Stadien sich immer ähnlicher und verlieren ihren eigenen Charakter. Für sie ist es schwierig, sich mit ihrem Verein zu identifizieren, wenn ihnen die Eintrittskarten zu teuer sind . Schließlich bezahlen sie dann den Eintritt in ein Stadion, das für sie relativ charakterlos und genauso wie alle anderen aussieht – nicht die optimalsten Bedingungen für hundert Prozent Identifikation mit der eigenen Mannschaft.
Dies wissen mittlerweile selbst die Spieler, wie Manchester Citys Kapitän Vincent Kompany noch jüngst zu wissen ließ .

Gleichzeitig erlauben die Einnahmen insbesondere im VIP-Bereich und dem Bandensponsoring sowie den Ausschankrechten den Vereinen größere Sprünge, die ansonsten nicht einmal denkbar wären. Aus unternehmerischer Sicht stellt sich die Sache als völlig anders dar als aus Fansicht – eine Tatsache, die uns in den folgenden Zeilen immer wieder begegnen werden. Ein typischer Aspekt der Ökonomisierung innerhalb der Stadien ist die weitgehend omnipräsente bargeldlose Bezahlung per Chipkarte, die bei den Fußballanhängern selbstverständlich auf ein geteiltes Echo stößt.

Die Transferpolitik

Für Zuschauer und Beobachter des Sports erscheinen aber auch andere Aspekte der Kommerzialisierung zunehmend befremdlich. Zu diesen zählt unter anderem die Tatsache, dass allein die Transfersummen für Profis auf Weltklassesummen so hoch sind, dass sie völlig astronomisch erscheinen. Für den brasilianischen Ausnahmekicker Neymar war Paris St. Germain beispielsweise bereit, 222 Millionen Euro im letzten Sommer zu zahlen . Das ist mehr Geld, als die meisten Menschen mit allen Ersparnissen, Vermögenswerten und Verdiensten in ihrem ganzen Leben verdienen werden. Doch damit nicht genug. Als Ersatz für Neymar hat sich der FC Barcelona im Gegenzug die Dienste von Ousmane Dembele (105 Millionen €) und jüngst auch die von Philippe Coutinho (160. Millionen €) gesichert.
Der Liverpool um Jürgen Klopp wiederum, hat den teuersten Abwehrspieler der Geschichte verpflichtet – Virgil van Dijk wechselte erst vor kurzem für 84,5 € Millionen € von Southampton an die Anfield Road. Ein Ende? Nicht in Sicht!

Dabei passt diese Transferpolitik letztendlich zu einem Wandel, der schon lange läuft, einer Aufwärtsspirale in immer gewaltigere Dimensionen. Das Problem dabei ist natürlich, dass Klubs mit weniger Einnahmen von vorne herein kaum noch in der Lage sind, erfolgreiche Spieler zu verpflichten oder langfristig zu halten. Auf diese Weise kommt noch ein weiterer unguter Effekt zum Tragen: Es entsteht eine zweiklassige Gesellschaft, eine Kluft mit wenigen hochklassigen Vereinen oben, die in der Lage sind, die enormen Summen zu mobilisieren und kleineren Vereinen, die Talente mühsam aufsuchen müssen oder aus der Jugendarbeit requirieren, nur um sie dann nicht besonders lange halten zu können.

Zwar gibt es hier und da Bemühungen, die ständig steigenden Rekordsummen einmal einzufangen, doch scheint hier kein Erfolg in Sicht. Wie sollte dies auch gelingen? Klassische Vereinsstrukturen findet man immer seltener vor, dominant sind unternehmerische Interessen, die das Geschick der Fußballvereine bestimmen. So lange diese Vereine die erfolgreichen Vereine sind, werden sie entschieden mitzureden haben, wenn es um die erlaubten Transfersummen geht, die gezahlt werden dürfen, um Spieler von ihren Verträgen loszueisen.

Die sogenannten „Retortenklubs“

Viele Fußballfans stören sich extrem daran, dass immer mehr sogenannte „Retortenklubs“ große Erfolge feiern. Um zwei enorm populäre deutsche Beispiele zu nennen: Sowohl TSG 1899 Hoffenheim als auch RB Leipzig stammen aus dieser Gruppe. Es handelt sich dabei in aller Regel um Clubs, die relativ erfolglos waren, bevor sich große Investoren ihrer angenommen haben und sie dabei innerhalb kürzester Zeit sehr erfolgreich gemacht haben. Dabei stört offensichtlich viele Fans, dass die neu gewonnene Bedeutung der Mannschaften vor allem und überwiegend aus den immensen Investitionen bestimmter Firmen kommt.

Diese Kritik an den beiden heutigen Bundesligisten ist gleich in mehreren Hinsichten bemerkenswert. Denn viele von den heutigen Traditionsvereinen werden wie Unternehmen geführt, viele von ihnen sind sogar börsennotiert oder befinden sich in der Hand von Familien oder einzelnen Wirtschaftsmagnaten, so etwa der FC Chelsea.

Aus diesem Grunde mutet es bisweilen etwas merkwürdig an, dass die Kritik mitunter sogar in Hass umschlägt, so wie dies bei Ausschreitungen gegen RB Leipzig schon öfter der Fall gewesen ist . Dabei funktionieren Beispiele wie RB Leipzig und Hoffenheim keineswegs anders als die Vereine. Woher also die Wut? Nun, aus rationalen Erwägungen scheint sie jedenfalls nicht zu erwachsen. Stattdessen kulminieren hier offenbar verschiedene Eindrücke, die Fans durch die Kommerzialisierung des Sports geweckt haben. Dabei scheinen sie nicht zu reflektieren, dass der Erfolg des Sports im einundzwanzigsten Jahrhundert zu einem nicht geringen Teil von seinem wirtschaftlichen Erfolg abhängt.

Befürworter solcher oft abschätzig „Retortenklubs“ genannten Vereine argumentieren wiederum, dass sie neuen Wind in den Sport bringen. Dieses Argument ist auch kaum zu entkräften, denn gerade die Dominanz einzelner Vereine sorgt für eine gewisse Langeweile, die neues Blut in den obersten Ligen eventuell etwas aufbrechen kann. Die Voraussetzung hierfür ist natürlich, dass ausreichend Geld für die Newcomer zur Verfügung steht – was bei den neuen Vereinen in der Bundesliga mit Investoren im Rücken natürlich kein Thema ist. Andere Aufsteiger haben hingegen oft Probleme, mit den ressourcenstarken, schon lange in den obersten Spielkassen befindlichen Giganten mitzuhalten. Insofern kann man sagen, dass dieses Modell sogar zur Abwechslung in der Bundesliga beitragen kann.

 
Auswirkungen auf die Nationalmannschaften

Der Druck, immer mehr Entertainment zu liefern, wirkt sich auch auf die Nationalmannschaften aus. Schließlich sind die Werbeeinahmen bei globalen Fußballereignissen gewaltig, die Sponsorings werfen viel Geld ab, die Zuschauer freuen sich über mehr Spiele. Der Druck, hier noch mehr bieten zu wollen, führt zu teilweise bizarren Erscheinungen. Spätestens ab 2026 werden wohl 48 Mannschaften bei der Weltmeisterschaft aufspielen , statt wie bisher 32. Dass derartige Änderungen massiv in der Kritik stehen, wundert nicht. Schließlich bedeutet dies für die Spieler eine immense Zusatzbelastung, und nach der Meinung vieler Zuschauer und Experten wird diese Aufstockung auch auf den Spielbetrieb selbst keine positive Wirkung haben.

Tatsächlich fragt man sich an dieser Stelle, ob bei solchen Ideen der Sport oder der Gewinn stärker im Fokus stehen. Schließlich ist es nicht zu erwarten, dass eine steigende Quantität der Spiele auch automatisch eine höhere Qualität bedeutet – im Gegenteil. Je länger die Turniere voraussichtlich werden, desto mehr werden die Trainer und Spieler sich Maßnahmen überlegen, um einer zu frühen Ermüdung vorzubeugen und einigermaßen ausgeruht in die KO-Phase zu gehen. Schon bei der letzten Meisterschaft war wahrzunehmen, dass längere Turniere nicht unbedingt dazu führen, dass alle Beobachter mehr Spaß daran haben.

Der zunehmende Erfolg und die zunehmende Zahl an Zuschauern scheint die Verantwortlichen bei der FIFA aber unter Druck zu setzen. Abgesehen vom DFB gibt es auch kaum Widerspruch, auch nicht aus Europa. Es ist ohne größeren Widerstand freilich auch nicht zu erwarten, dass die FIFA ihre diesbezüglichen Pläne canceln wird, im Gegenteil. Gerade kleinere Staaten könnten so allerdings auch für positive Impulse bei den Turnieren suchen, bekämen sie doch hier die Chance, sich zu präsentieren und somit in den Fokus der Öffentlichkeit zu gelangen. 

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