Das Müll-Experiment
Zwei Wochen ohne Plastik

Münster -

Plastik wohin das Auge blickt: im Müll, in den Meeren, sogar im menschlichen Körper. Obwohl das schädlich für die Umwelt ist, wächst der weltweite Konsum weiter. Kann es gelingen, zwei Wochen komplett plastikfrei zu leben? Ein Selbstversuch.

Montag, 04.03.2019, 15:00 Uhr aktualisiert: 04.03.2019, 15:15 Uhr
Im Unverpackt-Ladengibt es viele Produkte in Glasbehältern. Redakteur Mirko Heuping verschafft sich vor dem Kauf eines Stückchens Haarseife einen Überblick über die verschiedenen Geruchsvarianten. Wilfried Gerharz
Im Unverpackt-Ladengibt es viele Produkte in Glasbehältern. Redakteur Mirko Heuping verschafft sich vor dem Kauf eines Stückchens Haarseife einen Überblick über die verschiedenen Geruchsvarianten. Foto: Wilfried Gerharz

Eine tote Meeresschildkröte treibt vor der Pazifikküste Australiens an der Wasseroberfläche. Wissenschaftler von der Universität Exeter in Cornwall finden später im Labor Dutzende kleine todbringende Plastikteile im Magen des Tieres. Kein Einzelfall. Denn das Plastik in den Weltmeeren nimmt zu. Nach Schätzungen der Deutschen Umwelthilfe (DUH) jedes Jahr um rund zehn Millionen Tonnen.

Schuld daran sind Industrie, Politik und Verbraucher, weil sie es bislang nicht schaffen, den Konsum einzudämmen. 37 Kilogramm Plastikmüll produziert jeder Deutsche durchschnittlich im Jahr. Das geht aus einer Studie des Kölner Instituts für Wirtschaftsforschung hervor.

Der Entschluss

Unter dem Eindruck der Bilder vom Kadaver der Meeresschildkröte, die über den Fernsehbildschirm flimmern, entschließe ich mich zu einem Experiment: Zwei Wochen will ich auf den Kauf von Produkten aus Plastik oder mit Plastikverpackung verzichten, ein kleines Zeichen gegen die Vermüllung der Meere setzen und mich gleichzeitig ein Stück weit selbst disziplinieren. Wie schwer kann es schon sein, wie Generationen vor mir auf Alternativen zu setzen?

Eine erste Bestandsaufnahme in Küche und Bad lässt das Ausmaß der Herausforderung bereits erahnen. Nahezu jedes Produkt ist bei genauerer Betrachtung aus Plastik, darin eingewickelt oder enthält Mikroplastik. Kein Wunder, dass das Geschäft mit dem Kunststoff boomt. Während zur Mitte des 20. Jahrhunderts laut Verbraucherzentrale Sachsen weltweit nur rund 1,7 Millionen Tonnen Kunststoff pro Jahr hergestellt wurden, sind es heute über 335 Millionen.

Tipps von der Expertin

Tipps und Tricks um das Experiment dennoch erfolgreich zu gestalten, hole ich mir von Meike Schulzik , Betreiberin des „Einzelhandels zum Wohlfüllen“. Sie hat 2015 in Münster einen der ersten Unverpackt-Läden Deutschlands eröffnet und ist Expertin im Vermeiden von Müll. Ihre Ware bekommt Schulzik hauptsächlich in Pfandkanistern und Papierverpackungen angeliefert.

Allerdings sei es „sehr schwer“, komplett ohne Plastikprodukte auszukommen. „Ich appelliere, in dieser Hinsicht nicht zu dogmatisch zu sein. Plastikmüll zu vermeiden muss alltagstauglich bleiben, sonst verliert man schnell die Lust daran.“ An diesen Satz werde ich die kommenden zwei Wochen noch häufig zurückdenken.

Doch Schulzik macht auch Mut: „Es gibt ganz viel unnötiges Plastik“, betont sie. Dieses könne bereits durch einen bewussten Einkauf umgangen werden. Sie empfiehlt, nachzufüllen statt neu zu kaufen und mit Händlern über umweltfreundlich verpackte Waren ins Gespräch zu kommen. Neben den Unverpackt-Läden eigne sich dazu besonders der Wochenmarkt. „Das hat nebenbei den Charme, dass man häufiger mit frischen Produkten kocht“, erklärt sie.

Wichtig sei es, festgefahrene Verhaltensweisen umzustellen. Wasser könne man in Glasflaschen kaufen oder aus dem Wasserhahn abfüllen und beim Einkauf Jutebeutel statt Plastiktüten benutzen. Zumindest die letzten beiden Punkte kann ich bereits zu Beginn des Experiments mit gutem Gewissen abhaken.

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Bambus-Zahnbürsten im Unverpackt-Laden auf der Hammer Straße Foto: Wilfried Gerharz

Ein teures Vergnügen

Neben nützlichen Hinweisen nehme ich eine Bio-Zahnbürste mit austauschbarem Kopf, eine kleine Glasdose Zahnkreide, eine Handvoll Zahnputztabletten, einen Deo-Stick aus der Papiertube sowie ein Stück Haarseife mit nach Hause. Der stolze Preis: knapp 26 Euro. Für einen umweltschonenden Einkauf braucht es einen gut gefüllten Geldbeutel. Diese Erfahrung mache ich in den folgenden Tagen immer wieder. Milch aus der Glasflasche, Tomate-Parmesan-Brotaufstrich aus dem Weckglas oder in kompostierbare Verpackung eingeschlagene Schokolade findet man längst nicht in jedem Laden. Der Einkauf kostet in der Regel 50 bis 150 Prozent mehr, als ich es gewohnt bin. Auch, weil die meisten Produkte ein Bio-Label tragen.

Augen auf bei der Zahnpasta-Wahl

Am nächsten Morgen im Bad stelle ich fest, dass weder die Zahnkreide noch die Haarseife den gewohnt schaumigen Effekt erzeugen. Grund dafür ist der Verzicht der Hersteller auf sogenannte Tenside. Nachdem mir die dünnflüssige Ersatzzahnpasta im Dämmerzustand gleich mehrfach aus dem Mund getropft ist, wundere ich mich auch über die leicht bröselige Konsistenz des neuen Deosticks. Plastikfreie Pflegeprodukte sind definitiv gewöhnungsbedürftig.

Plastikmüll zu vermeiden muss alltagstauglich bleiben, sonst verliert man schnell die Lust daran.

Meike Schulzik

Während Deo und Haarseife zumindest ihren Dienst tun, warnt Stefan Zimmer, Professor für Zahnerhaltung und Prävention an der Universität Witten/Herdecke, vor der Nutzung der Zahnkreide: „Die Empfehlung, die feuchte Zahnbürste in das Zahnpulver zu drücken, halte ich spätestens ab der zweiten Anwendung für hygienisch bedenklich.“ Mit Blick auf die Zusammensetzung bemängelt er, dass Fluorid fehle und „kein Inhaltsstoff mit nachgewiesener Wirkung gegen Karies enthalten ist“. Für die Gesundheit der Zähne sei das Produkt daher nicht empfehlenswert. Ein deutliches Urteil – also doch wieder Zahnpasta aus der Tube.

Frust und Freude im Supermarkt

Am nächsten Abend verläuft der sonst so schnelle Einkauf im Supermarkt ebenso frustrierend. Mit knurrendem Magen und auf der Suche nach ein paar Kalorien laufe ich durch die Gänge und suche nach plastikfreien Verpackungen. Vorbei an Süßigkeiten, Grundnahrungsmitteln und Pflegeprodukten, die zu einem überwältigenden Teil mit Kunststoff überzogen sind, gelange ich zur Fleischtheke. Meine mitgebrachte Frischhaltedose – auch aus Plastik, aber nahezu beliebig oft wiederverwendbar – in der Hand, frage ich die skeptisch dreinblickende Verkäuferin, ob sie mir das Hackfleisch direkt in die Box packen kann. Vergeblich.

Den eindringlichen Vortrag über Hygienevorschriften noch im Ohr und ohne Fleisch im Einkaufskorb geht es weiter in die Obst- und Gemüseabteilung. Selbst hier wird vieles in Plastikverpackungen gequetscht. Eine Kundin, die gerade nach einem Viererpack Äpfel greift, spreche ich direkt an und frage sie, warum sie das Obst nicht einzeln aus dem Regal nebenan nimmt. Offensichtlich peinlich berührt murmelt sie etwas von „Bequemlichkeit“ und entscheidet sich spontan, doch auf die naturbelassenen Äpfel zurückzugreifen. Der „Öko“ in mir überschlägt sich vor Freude angesichts meiner erfolgreichen Intervention und lässt den Heißhunger für den Moment vergessen.

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Obst und Gemüse gehen fast immer. Foto: Wilfried Gerharz

Plastik, überall Plastik

Die folgenden Tage sind ein einziges Abwägen und Ausprobieren. Neben einem Glas Leberwurst bekomme ich tatsächlich auf dem Markt ein Stück Hähnchenbrust direkt in meine Dose gelegt. „Aber nur, wenn sie mich nicht verpfeifen“, sagt der freundliche Verkäufer. Nach einer Internetrecherche finde ich im Sortiment einer nahe gelegenen Drogerie sogar Geschirrspültabs mit wasserlöslicher Folie. Gegen meine Erkältung nehme ich bei dieser Gelegenheit noch einen Multipack Taschentücher in der Papp-Box mit, auf der das Umweltzeichen „Der blaue Engel“ abgebildet ist. Allerdings ist das auf der Homepage beworbene in Papier eingewickelte Klopapier nur noch online bestellbar. Im Sinne des ökologischen Fußabdrucks entscheide ich mich dagegen.

Je länger das Experiment andauert, desto mehr Plastik fällt mir in meinem täglichen Gebrauch auf: Der Mülleimer, die Handyhülle, das Schneidbrettchen, Behälter von Orchideendünger und Scheibenreiniger für das Auto. Die Liste ließe sich lange fortschreiben. Es sind viele kleine und größere Dinge, die man nicht mal eben ersetzt und teilweise nicht ersetzen kann.

Alternativen zum To-go-Becher

Das Bestreben, sich mit neuen Materialien auseinanderzusetzen und das Recycling zu bedenken, ist derzeit eines der wichtigsten Themen der Konsumgüterbranche. Geradezu eine Schwemme von Alternativen gibt es vor allem für zwei typische Wegwerfprodukte: Plastikflaschen und Einmalbecher für den Kaffeegenuss unterwegs.

Natürlich gibt es längst viele auswaschbare Trinkflaschen und Mehrwegbecher. Jedoch waren diese nicht immer besonders beliebt. Das hat sich jedoch geändert: Für Hipster und Influencer ist der Becher vielerorts schon zum modischen Accessoire geworden. Ein schicker To-go-Becher wird aktuell herumgetragen und präsentiert wie die Handtasche und das Smartphone. Es gibt Isolierbecher mit einem Spiegel als Deckel, persönlichen Widmungen und in vielen Designs und Größen. (dpa)

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Die Anzahl an Fallstricken im Alltag ist schlicht zu hoch und manchmal schummel ich sogar, ohne es sofort zu merken: Am Samstagmorgen – statt der Aufbackvariante aus dem Supermarkt gibt es heute entgegen der Gewohnheit frische Brötchen vom Bäcker – resigniere ich. Während ich in das geschmierte Gebäck beiße, fällt mir der Plastikdeckel auf dem Glas des Nuss-Nougat-Aufstrichs ins Auge. Verdammt.

Genauer hinschauen

Trotz redlichen Bemühens war das Ziel, gänzlich auf Plastik zu verzichten, von vorneherein utopisch. Allerdings haben die zwei Wochen auch gezeigt, dass es sich lohnt, bei vielen Produkten genauer hinzuschauen und den einen oder anderen Euro mehr zu investieren. „Tun wir nichts, wird 2050 mehr Plastik im Meer schwimmen als Fische“, sagt die DUH. Ein solches Szenario gilt es in jedem Fall zu verhindern – auch im Namen der Meeresschildkröten.

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