Umwelt
Tragbarer Schrott - Wie Müll zu Mode wird

Albstadt/Sigmaringen (dpa) - Nachhaltigkeit hin oder her - Mode aus stinkigem Müll will niemand tragen. Oder etwa doch? Junge Designer machen vor, was aus wertlosem Schrott entstehen kann, und treiben auf die Spitze, was in der Modebranche längst praktiziert wird.

Freitag, 01.08.2014, 09:08 Uhr

Ein Hochzeitskleid aus Kabeln, Kunststoff-Umreifungsband und Asbest-Säcken - das ist nicht unbedingt, was man an der Kleiderstange im Brautgeschäft findet, wohl aber auf dem Recyclinghof. Durch die immense Produktionshalle schreitet, wie bei jedem krönenden Abschluss einer Haute-Couture-Modenschau (26. Juli), Astrid Härle in strahlendem Weiß über den Laufsteg. Die Schülerin hat gemeinsam mit ihren Kommilitonen von der Modefachschule Sigmaringen in den vergangenen Monaten Outfits aus Abfall entworfen. «Es war eine ganz schöne Herausforderung, aus Müll das zu schaffen, was das schönste Kleidungsstück einer Frau sein soll», sagt die 20-Jährige.

Aus alt mach' neu, Recycling oder auch «Upcycling» - das sind in der Mode-Branche längst keine Neuigkeiten mehr. Aber Mode aus Müll? Aus Materialien, die stinken, kleben, ungemütlich sind? Das konnte sich auch Lehrerin Annette Hecht-Bauer zunächst schwer vorstellen. Die Albstädter Recyclingfirma Korn sei mit der Idee auf die Modeschule zugekommen, man könne doch eine Fashion-Show in der Halle der Firma organisieren und die Schüler Outfits aus den recycelten Materialien designen. Weil es in der Ausbildung der Designer in spe jederzeit darum gehe, spontan und kreativ Lösungen zu finden, habe das Projekt in den Lehrplan gepasst, sagt Hecht-Bauer.

«Es sieht eklig aus, aber ich habe immer gesagt: «Greift rein in die Container, die Hände kann man sich doch wieder saubermachen!»», berichtet die Dozentin, die bei den 50 Schülern aus dem zweiten Lehrjahr zunächst Überzeugungsarbeit leisten musste. Mit Eimern ausgestattet hatten sie sich vor einigen Monaten auf zum Stöbern in den Recyclinghof gemacht. «Müll springt einen halt nicht an», sagt Hecht-Bauer. Doch am Ende hatten die Schüler ein Sammelsurium an kleinen Metallplättchen, Kronkorken, Kunststoffgittern, Filtern, Folien und Computertastaturen zusammen.

Alle Materialien hätten eine Geschichte, an die Design andocken könne, sagt Sibylle Klose, Professorin an der Hochschule Pforzheim im Studiengang Mode und Fashion Design. «Man sollte sich per se die Frage stellen: Was kann ich damit noch machen? Dann kann ich Dingen, die eine Entwertung erfahren haben, wieder ihre Wertigkeit zurückgeben.» Dieser Gedanke sei selbst bei großen Modeunternehmen kein abwägiger mehr - und keiner, der weit ab vom Mainstream stattfinde. Recycelte Wasserflaschen etwa würden zum Wattieren von Winterjacken benutzt.

«Recycling ist ein Tool der Ideenfindung», sagt Klose. Ihre Studenten sensibilisiere sie mit Altkleidern für die hochwertige Verarbeitung und führe sie an die Qualität von Kleidung heran. Wer dazu mit in der Modebranche weniger üblichen Materialien arbeite, trainiere das handwerkliche Geschick. Schließlich lasse sich nicht alles mit der Nähmaschine bearbeiten, sagt Klose. Die Studenten müssen auch schreinern und löten.

Auch, wenn die Röcke aus Kronkorken, mit CD-Splittern beklebten Kleider und Klamotten aus PC-Tastaturen für die Modefachschule Sigmaringen zunächst ein Experiment waren. Es hat Schülern wie Astrid Härle neue Ideen gegeben und Anreize, sich vorhandene Ressourcen und ihren Wert bewusst zu machen. «Der Abfall war im ersten Moment nichts wert für uns, die Begeisterung nicht sehr hoch», sagt sie. «Dann haben sich die Materialien aber verwandelt - wie der Cocon in einen Schmetterling.»

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