Freizeit
Von der Spießeridylle zur Öko-Insel: Kleingärten ohne Zaun

Karlsruhe (dpa) - In den Schrebergärten wird es langsam lebendig. Das liegt nicht nur am Frühling. Trockenmauern und «Insektenhotels» verwandeln die Parzellen in Biotope. Neue Anstöße geben Trends wie «Social Gardening».

Montag, 24.03.2014, 15:03 Uhr

Gartenzwerge, Buchsbaumhecken und akkurat geschnittener Rasen haben den Schrebergarten einst zum Inbegriff des deutschen Spießertums gemacht. «Das ist vorbei», sagt Alfred Lüthin , Vorsitzender des Verbands der Kleingärtner Baden-Württemberg (VKBW). « Kleingärten sind wichtig für die Umwelt in der Stadt, für die Freizeit von Familien und auch zur Integration von Migranten.»

Garten ist aber auch bei Jüngeren wieder angesagt - mit Schlagworten wie «Guerilla Gardening» oder «Urban Gardening» hat sich da eine ganz andere Gartenkultur entwickelt. Dieser Trend zum unerlaubten Bepflanzen öffentlicher Flächen ist in großen Metropolen wie New York , London und Berlin aufgekommen. Dabei verbindet sich der Protest gegen die Monokultur der städtischen Konsumwelten mit dem Bedürfnis, sich den Lebensraum Stadt neu anzueignen.

Dazu gehört auch «Social Gardening»: Ein Garten als Ort der Begegnung ist die Idee, die auch der Stadtteiltreff Veielbrunnen im Stuttgarter Bezirk Bad Cannstatt aufgreift. Zusammen mit einer Bürgerinitiative des Viertels soll ein Park auf einer Fläche entstehen, die zurzeit brach liegt und voraussichtlich 2018 für die Erweiterung des Neckarparks bebaut wird. Das sei ein ganz anderer Ansatz als die Kleingartenkultur, sagt Klaus Kurzweg vom Stadtteiltreff. «Da bekommt jeder eine kleine Parzelle und baut ein Zäunchen drumrum. Beim Social Gardening geht es ums Miteinander und den gemeinsamen Austausch.»

Bei neueren Anlagen gebe es gar keinen richtigen Zaun mehr, widerspricht Lüthin. Der Trend gehe zum Kleingartenpark. Die meist 250 bis 300 Quadratmeter großen Gärten der Kleingartenanlage in Karlsruhe-Hagsfeld haben meist keinen Maschendrahtzaun, sondern nutzen die Bepflanzung zur Abtrennung. Beim Rundgang freut sich Lüthin über eine Trockenmauer: «Hier kann ein großartiges Biotop entstehen, das Tieren wie der Zauneidechse Platz bietet, die sonst kaum noch zu finden sind.»

«Das Kleingartenwesen nimmt sowohl aus ökologischer als auch aus städtebaulicher und sozialer Sicht einen hohen Stellenwert ein», bestätigt das Ministerium für ländlichen Raum. Es biete gerade in Ballungsräumen wichtigen Lebensraum und Nahrung für teils selten gewordene Tier- und Pflanzenarten, «sofern sie naturnah angelegt sind und entsprechend gepflegt werden».

«Ich bin im Kleingarten groß geworden», sagt Lüthin. Seitdem habe sich die Kleingartenkultur sehr verändert. Nach dem Krieg sei lange die Versorgung der Familie mit Obst und Gemüse von zentraler Bedeutung gewesen. In den 1970er Jahren habe der Schrebergarten dann seinen schlechten Ruf bekommen, als der Urlaub im Ausland wichtiger geworden sei. Danach sei der Kleingarten seit den 90er Jahren vor allem als Freizeitoase geschätzt worden. Inzwischen achten die Kleingärtner darauf, dass sie möglichst wenig Fläche versiegeln, sie verwenden biologische Schädlingsbekämpfungsmittel und richten «Insektenhotels» mit Schlupfröhren für Wildbienen und Wespen ein.

Deshalb wehrt sich Lüthin auch dagegen, wenn Kleingartenanlagen anderen Projekten weichen sollen. «Wir müssen immer wieder gegen Baumaßnahmen angehen.» So versuche der Freiburger Oberbürgermeister Dieter Salomon (Grüne), «Kleingärtner für Baumaßnahmen plattzumachen» - in der südbadischen Stadt fielen erst mehrere Hundert Kleingärten einem Neubaugebiet zum Opfer, jetzt müssen Kleingärten im Stadtteil Stühlinger dem Rathausneubau weichen. Lüthin ist sicher: «Irgendwann wird eine Stadt das bereuen.»

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