Interview mit Frank-Markus Barwasser
„Nie wieder Salat in Münster“

Münster -

Er ist die Herrenhandtasche des politischen Kabaretts: Erwin Pelzig alias Frank-Markus Barwasser. Seine Talksendung „Pelzig hält sich“ läuft seit drei Jahren im ZDF. Jetzt ist er mit dem Soloprogramm „Pelzig stellt sich“ auf Tour. Frank-Markus Barwasser spricht über seine Kunstfigur Pelzig, Schlagfertigkeit und Himbeerdressing.

Samstag, 18.10.2014, 08:10 Uhr

Erwin Pelzig auf der Bühne: Frank-Markus Barwasser spielt die Kunstfigur mit charakteristischem Cordhut, rot-weiß-kariertem Hemd und Herrenhandtasche.
Erwin Pelzig auf der Bühne: Frank-Markus Barwasser spielt die Kunstfigur mit charakteristischem Cordhut, rot-weiß-kariertem Hemd und Herrenhandtasche. Foto: ZDF/Tobias Hase

Wenn man in Franken in eine Sauna geht, sieht man fast nur dicke Menschen. Geht es den Franken besser als den restlichen Deutschen?

Frank-Markus Barwasser : (lacht) Nein, nach ihrem eigenen Empfinden geht es ihnen eher schlechter als dem restlichen Bayern. Wenn es einem schlecht geht, führt das ja manchmal zur Fehl-Ernährung. Wobei die fränkischen Würste eigentlich gut sind und man sagen muss, es gibt sie auch, die schlanken Franken.

Wie reagieren Sie als Franke darauf, wenn man Sie als Bayer bezeichnet?

Barwasser: Das hört der Franke nicht gern. Das ist, als würde man Köln und Düsseldorf in einen Topf werfen. Der Sänger Adel Tawil ist mal in Nürnberg aufgetreten und hat auf der Bühne zur Begrüßung „Hallo Bayern“ gesagt. Da haben sie ihm entgegengerufen: „Wir sind in Franken, du Idiot“ (lacht). Man sollte da gewisse Rücksichten nehmen.

Haben Sie außerhalb von Franken Probleme, dass Leute Sie nicht verstehen?

Barwasser: Überhaupt nicht. Weder von der Dialektfärbung – es ist ja nicht reinrassisches Fränkisch – noch von den Themen. Die sind ja nicht fränkisch. Der fränkische Humor ist eher selbstreferenziell und interessiert außerhalb nicht so (lacht). Auch an den Reaktionen merke ich keine Unterschiede.

Es gibt ja Wörter wie „fei“ oder „a weng“, die der Westfale vielleicht nicht versteht.

Barwasser: Das spürst Du, wenn die Leute etwas nicht verstehen. Dann erkläre und übersetze ich. Beispiel: Der Franke sagt „ich käff“ für „ich kaufe“. Das passiert schon mal, dass ich beim ersten Mal „kaufen“ und beim zweiten Mal „käff“ sage, aber dann erreiche ich auch den Westfalen, da bin ich mir sicher.

Bei “ Bauer sucht Frau ” sind diesmal drei Franken unter den zehn Kandidaten. Überrascht Sie das?

Barwasser: Wirklich? Das habe ich gar nicht mitbekommen, weil ich das nicht so verfolge.

Verständlich.

Barwasser: (lacht) Überrascht mich des? Das hat vielleicht wieder was mit der Sauna zu tun: zu viele dicke Männer einfach. Vielleicht wäre das ja mal ein neues Format: Franke sucht Frau.

Info

Es gibt noch Karten für die Veranstaltung am 24. Oktober in der Aula am Aasee -  und zwar ausschließlich im WN-Ticketshop, Prinzipalmarkt 13-15 in Münster. Weitere Informationen gibt es unter  www.weverinck.de . Die nächste Sendung "Pelzig hält sich" gibt es im ZDF am 4. November um 22.45 Uhr.

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Schauen Sie Tatort?

Barwasser: Nicht immer, weil ich berufsbedingt oft genug selbst auf der Bühne stehe. Ich habe ein paar Lieblingstatorte und dazu gehört auch der münsterische. Manche Kritiker lieben ihn nicht so, weil er ihnen zu komisch erscheint, aber ich mag ihn genau wegen der leichten Note, und weil eben nicht das gesamte Elend der Welt zwanghaft thematisiert wird.

Wurmt es Sie, dass Sie nicht die Rolle des Spurensicherung-Leiters im Frankentatort bekommen haben?

Barwasser: Es gab terminliche Schwierigkeiten, weil sich immer wieder etwas verschoben hat. Ja, es ist schade, aber nicht ausgeschlossen, dass ich später mal in anderer Weise mitwirke.

Sie haben ja bereits in einem Kinofilm mitgespielt. Wäre das eine Option für Sie? Filme? Auch mal weg von der Rolle des Pelzig?

Barwasser: Darin hätte der Reiz beim Tatort gelegen, die Figur des Pelzig zu verlassen.. In meiner Sendung habe ich die letzten Male ein Schaltgespräch gehabt zwischen Pelzig und mir selbst, allerdings auch in einer Rolle. Diese Form gefällt mir sehr gut. Es ist aber nicht so, dass ich mit der Pelzig-Figur hadere, sie fordert mich immer noch heraus.

Wie bereiten Sie sich auf die Interviews in Ihrer Sendung “ Pelzig hält sich ” vor?

Barwasser: Natürlich gibt es eine Redaktion, die mir zuarbeitet und ausführliche Gäste-Dossiers liefert, zwischen 100 und 200 Seiten. Ich selbst bereite mich auch sehr gründlich vor – ungefähr zehn Tage lang - kann aber nur ungefähr zehn bis 20 Prozent dessen, was ich weiß, einbringen. Da die Gespräche mit den Gästen nicht abgesprochen sind, braucht es eine breite Informations-Basis, um gewappnet zu sein und zu jeder Zeit eine bestimmte Gesprächsrichtung einschlagen zu können.

Kann man Schlagfertigkeit lernen?

Barwasser: Ich glaube nicht. Die eine oder andere Bemerkung ist mir vielleicht in der Vorbereitung eingefallen. 90 Prozent sind spontan. Das Verrückte ist, dass ich das als Pelzig kann. Als Barwasser bin ich mir nicht so sicher, manchmal auch nervös. Dann beruhige ich mich vor der Sendung und denke, der Pelzig haut dich raus.

Wenn so viel spontan passiert: Interessiert es Sie denn nicht, ob eine Pointe funktioniert?

Barwasser: Doch, schon. Aber ich weiß ja nicht, welche Steilvorlagen sich ergeben. Wenn die Gäste kontern und spontan sind. wird es in der Regel ein gutes Gespräch. Der journalistische Anspruch ist aber vorhanden. Nur die Zeit zu verblödeln, würde nicht reichen. Ich versuche auch, , nicht erwartungsgemäß zu fragen, sondern den Gast zu überraschen. Das Interesse am Gast sollte ehrlich und nicht routiniert sein. Als Stephan Weil , der Ministerpräsident Niedersachsens, in der Sendung war, hat es mich wirklich interessiert, ob er heute noch den Kriegsdienst verweigern würde. Ich habe selbst Zivildienst gemacht – also Barwasser hat den gemacht, Pelzig wäre bei der Bundeswehr wahrscheinlich schon an der Urinprobe gescheitert. Und ich fand es sympathisch, wie nachdenklich Stephan Weil reagiert und seine Entscheidung von damals hinterfragt hat.

Auf der Bühne ist es aber schon einstudiert...

Barwasser: Natürlich. Bei meinem Soloprogramm habe ich ja keine Gäste. Das Programm hat eine Dramaturgie, hat viele Rückbezüge im Laufe des Abends und ist in sich geschlossen. Da bleiben auch Räume für Improvisationen, aber nur in einem gewissen Rahmen, sonst fällt alles auseinander.

Woher beziehen Sie Ihr Selbstbewusstsein auf der Bühne?

Barwasser: Zum einen habe ich 20 Jahre Erfahrung mit der Figur. Da passiert nicht mehr viel, was mich erschüttert. Und ich mag Pelzig einfach. Ich breche das Klischee seiner äußeren Erscheinung ja konsequent. Er wirkt einfältig, ist es aber überhaupt nicht. Man fragt sich natürlich, ob man einem solchen Typen zutrauen darf, sich mit Hannah Arendt beschäftigt zu haben. Als Volontär bei der Mainpost in Würzburg habe ich aber genau solche Leute kennengelernt, wenn ich draußen unterwegs war. Die waren belesen, aber nicht im klassischen Sinne gebildet, jedoch immer sehr bemüht.

Bauernschlau.

Barwasser: Bauernschläue hat einen negativen Beiklang. Das ist der Pelzig vielleicht manchmal. Es gibt diese Szene, wo er zu den Banken geht und behauptet, viel Geld geerbt zu haben. Dann kommt er zum „Private Banking“, trinkt und isst sich satt und geht wieder. Das ist Bauernschläue. Aber Pelzig ist vor allem ein Fragender, Zweifelnder und Suchender. Mein Anliegen ist es nicht, auf die Bühne zu gehen, alles besser zu wissen und lustig zu kommentieren. Oft ist es besser, die richtigen Fragen zu stellen.. In dem Programm geht es um „kognitive Dissonanz“. Ein Begriff aus der Sozialpsychologie, der unsere inneren Widersprüche beschreibt. Das klingt abschreckend, ist es aber nicht. Pelzig stellt zum Beispiel die Frage, wieso viele Menschen aus Angst vor Enttäuschung nicht mehr wählen gehen, aber Lotto spielen? Das hat doch eine gewisse Komik für mich.

Pelzig hat einen diffizilen Humor. Keinen brachialen. Woody Allen hat mal in einem seiner Filme sagen lassen: „Wenn es sich biegt, ist es komisch, wenn es bricht, nicht.“

Barwasser: Gefällt mir. Ottfried Fischer sagte mal: „Die Aufgabe des Kabarettisten ist die lustbesetzte Benennung des Widerspruchs, nicht dessen Auflösung“. Das gefällt mir auch. Und dieses, es ist von Karl Kraus: „Ich kann keine Eier legen, aber ich erkenne, wenn eins faul ist.“ Widersprüche bieten jedenfalls viel Potenzial für Komik, wenn man sie entdeckt, benennt und erklärt.

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Das Tour-Motiv zu "Pelzig stellt sich". Foto: www.pelzig.de

Sie haben ja selbst gerade gesagt, dass Sie volontiert haben. Lesen Sie immer noch Zeitung?

Barwasser: Ich komme gerade vom Kiosk und habe für 18 Euro Tagespresse gekauft. Aufgrund meiner Ausbildung bin ich nach wie vor ein großer Freund der Printpresse und will auch den Glauben nicht verlieren, dass das irgendwie weitergeht. Ich nutze auch das Online-Angebot. Ohne das würde ich nur noch in Bibliotheken sitzen.

Wen würden Sie denn als Barwasser gerne mal interviewen?

Barwasser: Hartmut Mehdorn. Sowohl als Barwasser als auch als Pelzig. Was treibt so jemanden an? Der ist ja auch schon über 70 Jahre alt. Und Wolfgang Schäuble. Ein Fossil in der Politik.

Wie würde denn Pelzig mit Ihnen als Barwasser im Interview umgehen?

Barwasser: Der würde erstmal mit mir abrechnen (lacht). Dass er immer auf der Bühne stehen muss und ich eine faule Sau bin. Im Ernst: Ich glaube, er würde mit dem gleichen Respekt sprechen, wie er es mit den anderen Gästen auch tut. Der Pelzig ist grundsätzlich beeindruckt, dass die Gäste sich Zeit für ihn nehmen.. Als Gastgeber hat man ja ohnehin erst mal freundlich und höflich zu sein. Und dann schaut man mal, was so passiert.

Verfallen Sie manchmal unbewusst in die Rolle?

Barwasser: Nein. Wenn ich etwas koche, dann koche ich für mich und decke nicht für zwei. Ich trenne das total. Natürlich gehe ich mit wachen Augen durch die Welt und frage mich bei bestimmten Themen: Wie würde der Pelzig damit umgehen? Aber im Privaten bin ich ganz und gar ich und er hat ganz und gar frei.

Sie haben mal im Interview gesagt, wenn Sie anfangen, Pelzigs Klamotten auch privat zu tragen, dann hören Sie auf.

Barwasser: Man könnte noch ergänzen: Wenn man mich privat für älter hält als auf der Bühne, dann ist die Zeit, um aufzuhören.

Bei “ Neues aus der Anstalt ” haben Sie quasi auf dem Zenit aufgehört. Wann ist der richtige Zeitpunkt, mit Pelzig aufzuhören?

Barwasser: Ach, der Pelzig war ursprünglich für eine Sommerproduktion von sechs Wochen Dauer geplant. Das war Anfang der 90er Jahre. Insofern beschäftigt mich das Thema „Aufhören“, seitdem ich ihn spiele. Konkret habe ich mich das mal gefragt, als ich vor zwei Jahren das Programm von Dieter Hildebrandt in der „Münchner Lach- und Schießgesellschaft“ gesehen habe. Das war großartig, aber nicht weil da ein über 80jähriger agil und sprachgewaltig auf der Bühne stand. Es war altersunabhängig großartig. Da fragte ich mich schon, ob ich wohl in diesem Alter noch auf der Bühne stehen könnte. Als Pelzig sicher nicht. Ich kann mir aber auch nicht vorstellen, mit 65 pünktlich in Rente zu gehen. Aber erstens ist der Pelzig ist noch nicht zu Ende entwickelt und zweitens, wer weiß, was mir noch so alles in künstlerischer Hinsicht vor die Füße gelegt werden wird.

Vielen Dank für das Gespräch...

Barwasser: Gerne. An Münster habe ich übrigens eine üble Erinnerung. Als ich hier vor ein paar Jahren schon mal aufgetreten bin war ich mittags in einer Studentenkneipe und habe einen sogenannten „Muntermachersalat“ mit einem verdächtig klebrigen Himbeerdressing gegessen. Danach liefen Magen und Darm Amok, woran die Vorstellung um ein Haar gescheitert wäre. In der Pause musste ich mich hinlegen und habe den Rest nur mit allerletzter Kraft geschafft (lacht). Meinen Auftritt bei den „Mitternachtsspitzen“ im WDR am folgenden Tag musste ich ganz absagen. Es war entsetzlich. Das fällt mir immer ein, wenn ich diesen Ortsnamen höre. Das hat die Stadt natürlich nicht verdient, aber dennoch: Nie wieder Salat in Münster!

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