Über den Dächern von „LH“
Lüdinghauser Nachbarschaft „Himmel und Hölle“ hält wie eine Familie zusammen

Lüdinghausen -

Tim Oertel stammt aus Haltern. „Sich nur vorzustellen, mit Coesfelder Kennzeichen zu fahren – ein Unding“, grinst er. Inzwischen fährt er es mit Stolz und kann er sich sogar vorstellen, sein Wunschkennzeichen „LH“ dranzuschrauben. Hat er in Lüdinghausen doch eine neue Heimat gefunden. „Wenn nicht sogar eine richtige Familie.“

Donnerstag, 08.08.2013, 13:08 Uhr

Schön warm ist es auf dem Dach der Münsterstraße 10. Auch die Nachbarn aus der kühleren, weil weiter unten liegenden Gartenstraße sind gekommen. Nicht von ungefähr nennt sich die Gemeinschaft „Himmel und Hölle“.
Schön warm ist es auf dem Dach der Münsterstraße 10. Auch die Nachbarn aus der kühleren, weil weiter unten liegenden Gartenstraße sind gekommen. Nicht von ungefähr nennt sich die Gemeinschaft „Himmel und Hölle“. Foto: Jürgen Peperhowe

Die Familie ist groß und besteht aus 16 Mitgliedern der Nachbarschaft „Himmel und Hölle“. Während bei anderen mehrere Straßen mit eingeschlossen sind, besteht diese aus einem großen Gebäudekomplex. Ein knappes Dutzend Parteien, Singles und Pärchen im Alter von 16 bis 70 Jahren, gehen seit drei Jahren miteinander durch dick und dünn.

„Als wir herzogen, dachten wir: Das wird anonym“, gesteht An­dré Wartmann , der von seinen vorherigen Nachbarn ein eher kühles Verhältnis gewohnt war. Als er jedoch begann, die Terrasse seiner neuen Wohnung in der Münsterstraße 10 mit Stellwänden abzutrennen, erntete er Schmunzeln von den Nachbarn.

„Wir nannten das nur: die Zone“, grinst Tim Oertel . Schon bald war auch André Wartmann in die Nachbarschaft integriert, die neben dem Haus an der Münsterstraße aus einem Gebäude an der gegenüberliegenden Gartenstraße besteht. Es gibt von beiden Seiten je einen Eingang und Wohnungen auf unterschiedlichen Ebenen.

„Wir haben uns morgens, als wir uns noch nicht kannten, immer von Terrasse zu Balkon gegrüßt“, schildern Wartmann und Oertel. Während es auf dem Dach der Münsterstraße oft warm und sonnig ist, besticht die Gartenstraße – durch ihre Position weiter unten – durch angenehme Kühle. Besonders an heißen Tagen im Sommer. „Und so kam uns die Idee des Namens: Himmel und Hölle“, erinnert sich Ivonne Stoltefuß. Sogar entsprechende T-Shirts haben die Lüdinghauser designed.

Dass sich die Nachbarn so gut kennen, verdanken sie einem Wasserrohrbruch im Jahr 2010. „Wir sind in der Nacht aufgewacht und haben uns gefragt: Wie lange duscht denn die Frau über uns noch?“ Das Plätschern und Rauschen hörte gar nicht auf, und plötzlich stand Stoltefuß´ Wohnzimmer unter Wasser. „Das kam aus der Decke. Das kam aus den Steckdosen“, erzählt die junge Frau, die in ihrer Not bei den Nachbarn klingelte.

Tim Oertel und Sandra Knodel halfen mit alten Handtüchern aus, wischten bis zum Morgengrauen das Wasser aus der Wohnung. Dass Knodel Geburtstag hatte – und dann noch den 40., „das haben alle in dem Durcheinander vergessen“, grinst sie. Seither gehen die Nachbarn geschlossen zum Stadtfest auf dem Marktplatz, besuchen das Lüdinghauser Grasbahnrennen, packen gemeinsam die Körbe für das Sternenpicknick und ziehen am 1. Mai den selbst gebauten Bollerwagen hinter sich her. Sie hüten gegenseitig ihre Haustiere. Und als Ivonne Stoltefuß´Mutter im Treppenhaus schwer stürzte, leisteten die Nachbarn Erste Hilfe, betreuten die ältere Dame in Krankenhaus und Reha, wuschen ihre Wäsche und sitteten den Hund.

Beim traditionellen Sommerfest auf der Dachterrasse gibt es Würstchen, eine Olympiade und in diesem Jahr sogar ein Schützenfest der besonderen Art. „Mit Wasserpistolen“, flüstert Tim Oertel verschwörerisch. Weihnachten verbringen alle gern gemeinsam. Und die Silvesterparty steigt mit selbst gebauter Eisbar im Freien. Höhepunkt ist als Nächstes die Hochzeit von Ivonne und Martin Stoltefuß. Die beiden sind seit mehr als einem Jahrzehnt standesamtlich verheiratet – nun wollen die beiden kirchlich den Bund fürs Leben schließen.

„Da mein Vater schon tot ist, hat Tim angeboten, mich als Brautvater zum Altar zu führen“, verrät die Wahl-Lüdinghausenerin – und schaut Oertel mit vor Rührung feuchten Augen an.

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