Arme Kirche, reiche Kirche
Das Domkapitel, die Bettler und viele offene Fragen

Das Thema kommt wie gerufen. Papst Franziskus plädiert für eine arme Kirche, und das Domkapitel setzt zwei Bettler vor die Tür der Kathedrale. Aufschrei, Protest, Skandal-Rufe: „Haben die nichts begriffen?“

Sonntag, 07.04.2013, 14:04 Uhr

Arme Kirche, reiche Kirche : Das Domkapitel, die Bettler und viele offene Fragen
Bettler dürfen nur vor dem Dom sitzen. Foto: Ralf Emmerich

Bei differenzierter Betrachtung wird man dem Domkapitel vor allem einen Vorwurf machen können: Dass das Thema mit wenig Fingerspitzengefühl angefasst und unprofessionell in die Öffentlichkeit getragen wurde. So wäre es sicher möglich gewesen, den beiden betroffenen „Bettlern“ besonders in den kalten Wintermonaten eine alternative Bleibe anzubieten.

Die gibt es im kirchlichen Raum übrigens reichlich, und die Armenfürsorge ist seit jeher ein Hauptanliegen der wohlorganisierten und dank der Kirchensteuer bestens ausgestatteten Caritas . Suppenküchen, Klosterpforten, Bahnhofsmission, Asylbewerberheime, Notunterkünfte: Alles ist im Wohlstandsland Deutschland und in der deutschen Wohlstandskirche reichlich vorhanden. In Mitteleuropa muss niemand hungern. Im Zweifelsfall gibt es auch noch ein Taschengeld beim Sozialamt. Armut in Deutschland ist Armut auf höchstem Niveau. Wer das nicht glaubt, der schaue in die Slums in Afrika und Asien. Dort geht es wirklich um die nackte Existenz.

Wer nun also protestiert und wohlfeil auf die reiche Kirche zeigt, gehe einmal selbstkritisch in sich. Wer aus der Reihe der Empörer wäre bereit, die Bettler am Dom für einen Tag mit zu sich nach Hause zu holen und sie mit einem Süpplein aufzuwärmen? Bei der Frage der Wohltätigkeit käme man übrigens kaum an ein Ende. Wäre es nicht besser, statt nur zwei beliebig viele Bettler aus armen Ländern im Dom zuzulassen? Wäre es außerdem nicht deutlich komfortabler, sie auf den Teppichboden vor dem Zelebrationsalter zu setzen, weil es dort doch wärmer ist?

Nächste offene Frage: Ist Bettelei ein Wert an sich? Oder wäre es nicht sinnvoller, den schlau kalkulierenden Bettlern, die offenbar angesichts des Mitleids frommer Dom-Besucher auf besonders gute Kasse hoffen, eine sinnvolle handwerkliche oder dienstleistende Tätigkeit anzubieten und sie entsprechend zu entlohnen? Niemand käme ernsthaft auf die Idee, die Bettelei am oder im Dom, verbunden mit Stumpfsinn auf mehr oder minder kalten Sandsteinplatten, als Ideallösung für Menschen am Rande unserer Gesellschaft zu betrachten. Also tun wir etwas! Kreativität, Geld und Ideen gibt es in unserer Gesellschaft reichlich. Wir leben (fast) im Paradies.

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