Ägypten zwischen Sorge und Hoffnung
Unlösbare Aufgabe

Westliche Politiker winden sich: Einerseits verurteilen sie die Machtergreifung des Militärs und die Absetzung des gewählten Präsidenten. Andererseits ist Erleichterung darüber zu spüren, dass die Islamisten in Kairo ausgespielt haben.

Donnerstag, 04.07.2013, 19:07 Uhr

Klar ist: Mursi war zwar demokratisch gewählt, aber er hat nicht demokratisch regiert. Per Sondervollmachten versuchte er die Macht seiner Muslimbrüder auszubauen, die Opposition kaltzustellen und Ägypten zu islamisieren. Auch wirtschaftlich ist er gescheitert. Den Bürgern ging es nach der ägyptischen Revolution wirtschaftlich nicht besser, sondern schlechter als vorher.

Angesichts des Massenprotests und der Rücktrittswelle unter seinen Ministern hätte sich Mursi letztlich nur mit Gewalt an der Macht halten können. Das ist Ägypten erspart geblieben.

Und nun? Noch ist völlig unklar, welchen Kurs die Militärs wählen werden. Dass es ihnen um Demokratie geht, ist zu bezweifeln. Es geht der alten Garde eher um die Sicherung von Macht und Pfründen. Der von ihnen als Präsident eingesetzte Adli Mansur ist politisch ein weitgehend unbeschriebenes Blatt. Eine eigene Hausmacht oder eine Unterstützergruppe in der Bevölkerung hatte er bislang nicht.

Falls der zum Teil an Frankreichs Elite-Hochschule ENA ausgebildete Richter tatsächlich eine echte Demokratisierung anstrebt, liegt eine fast unlösbare Aufgabe vor ihm: Er müsste die tief zerstrittenen politischen Kräfte an einen Tisch bringen – inklusive der gerade davongejagten Muslimbrüder. Und dies in einem Land, das in demokratischen Regeln völlig ungeübt ist.

Das nahe Algerien und dessen „Schwarzes Jahrzehnt“ mit 150 000 Toten ist eine Mahnung: Die Islamisten dort griffen in den 1990-er Jahren zum Terror, nachdem das Militär ihnen den sicher geglaubten Wahlsieg vorenthalten hatte.

Das Eingreifen des Militärs in Ägypten bereitet dem Westen zu Recht Unbehagen. Trotzdem wird ihm nichts anderes übrigbleiben, als mit Mansur, Präsident des Militärs, zusammenzuarbeiten. Nur so lässt sich Einfluss nehmen, nur so lässt sich Schlimmes verhindern.

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