Wir Medien und die Flugzeug-Katastrophe
Auf schmalem Grat

Die mediale Vermittlung der furchtbaren Flugzeug-Katastrophe stellt die Medienmacher, die Journalisten, vor eine große Herausforderung. Emotional nicht minder betroffen müssen wir unter Wahrung von Distanz und Diskretion zum Ereignis sowie zu den Betroffenen die Öffentlichkeit informieren. Was nach routinierter Selbstverständlichkeit klingt, gleicht in diesen Tagen dennoch mehr denn je der Wanderung auf einem schmalen Grat.

Sonntag, 29.03.2015, 19:03 Uhr

Sonderseiten und Sondersendungen, Live-Ticker und Talkshows, Facebook und Twitter : Die mediale Vermittlung der furchtbaren Flugzeug-Katastrophe in den südfranzösischen Alpen, durch Echtzeit-Medien quasi im Sekundentakt möglich, stellte und stellt die Medienmacher, die Journalisten, vor eine große Herausforderung. Emotional nicht minder betroffen von der schieren Unfassbarkeit des Geschehenen müssen wir unter Wahrung von Distanz und Diskretion zum Ereignis sowie zu den direkt wie indirekt Betroffenen die Öffentlichkeit informieren. Was nach routinierter Selbstverständlichkeit klingt, gleicht in diesen Tagen dennoch mehr denn je der Wanderung auf einem schmalen Grat.

Schier unbegreiflich

Es ist die schiere Unbegreiflichkeit der Tat, die uns nach Erklärungen, Ursachen, Hintergründen und Einzelheiten geradezu gieren lässt – um das, was da im Cockpit der Germanwings-Maschine vor sich ging, vielleicht doch begreifbar, verstehbar werden zu lassen. Um irgendwie wieder Vertrauen fassen zu können gegenüber Anderen, auf deren Zuverlässigkeit wir – nicht nur im Flugzeug – oftmals existenziell angewiesen sind. Dem Tag der kollektiven Trauer und Anteilnahme folgte ein zweiter Schock: Nicht das Wetter, nicht fehlerhafte Technik, nicht Flugversagen, sondern der Selbstmord-Vorsatz des Copiloten riss 150 Menschen in den Tod. Ein Amok-Flieger.

Offenbar vorsätzlich

Nennen wir seinen Namen? Zeigen wir ihn im Bild? Ja, wir haben uns dazu entschieden. Nicht, um ihn der Sensationsgier, dem billigen Voyeurismus preiszugeben, nicht im üblen Boulevard-Modus plakativ und seitengroß. Die Unbegreiflichkeit der Katastrophe verließ durch die Erkenntnisse und die Indizienkette der Ermittler plötzlich den bisherigen Erklärungsradius des Unglücksortes, der Technologie-Spekulationen und der terrornahen Verschwörungstheorien; alles fokussierte sich nun auf den 27-jährigen Copiloten. Auf seine Psyche, seine Krankenakte, sein gesamtes privates Umfeld. Alles spricht dafür, dass dieser Mann das Leben von 149 unschuldigen Menschen, dazu auch sein eigenes, auf dem Gewissen hat. Nicht fahrlässig, offenbar vorsätzlich.

Außergewöhnlichkeit der Tat rechtfertigt Ausnahme

Sein Vorgehen ist eine in Art und Dimension besonders außergewöhnliche und schwere Straftat – und rechtfertigt eine ihn identifizierende Berichterstattung. Die seriöse Presse folgt hier eben nicht dem schmutzigen und bisweilen gewissenlosen Vorbild des Boulevard-Journalismus, der ganz wesentlich und nahezu tagtäglich von der Verletzung der Persönlichkeitsrechte Anderer lebt.

Die Außergewöhnlichkeit der Tat und die näheren Umstände, die offenbar in der dem Arbeitgeber verschwiegenen Erkrankung des Copiloten liegen, rechtfertigen diese Ausnahme einer solchen Berichterstattung. Sie bedeutet keinen Bruch mit moralisch-ethischen Ansprüchen eines seriösen Journalismus und ist verantwortbar – auch gegenüber der Familie des Mannes.

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