Kommentar zu Höckes Rede
Gefährlicher Tabubruch

Am Tag danach mimt Björn Höcke mal wieder den Missverstandenen. Es sei eine „bösartige und bewusst verleumdende Interpretation“, aus seinen Worten eine Kritik am Holocaust-Gedenken der Deutschen zu lesen.

Mittwoch, 18.01.2017, 19:42 Uhr aktualisiert: 19.01.2017, 17:19 Uhr
Kommentar zu Höckes Rede : Gefährlicher Tabubruch
Björn Höcke, Fraktionsvorsitzender der AfD im Thüringer Landtag. Foto: dpa

Er will den Holocaust als Schande bezeichnet haben, nicht etwa das Denkmal in Berlin. Mit Verlaub: Da dreht sich Höcke selbst das Wort im Mund herum. Da reißt der Redner sein eigenes Zitat aus dem Zusammenhang.

Die Passage mit dem Satz vom „einzigen Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt“ hat, gipfelt in der Rede nämlich in der Feststellung, dass die „dämliche Bewältigungspolitik“ ein Ende haben müsse. Eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“, fordert Höcke. Und gar nicht beschämt klatschen und grölen seine Zuhörer, wie das Video zeigt.

Da ist dem Geschichtslehrer nicht im Eifer der Rede ein Lapsus unterlaufen, Höcke hat den Tabubruch kühl kalkuliert, den er am Tag drauf wieder mal nicht begangen haben will. Wie einst seine Parteikollegin Beatrix von Storch, die bei der Frage nach dem Schusswaffeneinsatz an der Grenze beim Twittern „auf der Maus ausgerutscht“ sein wollte. Nein, die Tabubrüche bei der AfD sind nicht Ungeschicklichkeit von Neu-Politikern, sie sind geplant. Die Aufregung zahlt sich aus – leider.

Ein Geschichtslehrer sollte wissen, wie sehr die Deutschen im Verhältnis zu ihren Nachbarn davon profitiert haben, sich auch den dunklen Seiten der eigenen Geschichte gestellt zu haben. Nicht zuletzt die Wiedervereinigung war nur möglich, weil in Europa wieder Vertrauen gewachsen war. Ein Vertrauen, das Gestalten wie Höcke gefährden.

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