Erdbeben im Vatikan
Franziskus entlässt den Glaubenshüter Müller

Nach Monaten, in denen der Reformprozess innerhalb der Kurie ins Stocken zu geraten schien, deutet die spektakuläre Personalentscheidung an, dass Franziskus die Durchsetzungskraft hat, Bremser und Nörgler selbst in höchsten Ämtern vor die Tür zu setzen, wenn sie sich illoyal verhalten oder den franziskanischen Weg in Misskredit bringen. Die Nichtverlängerung der Amtszeit des obersten Glaubenswächters Gerhard Ludwig Müller kommt in diesem Fall einem achtkantigen Rauswurf gleich. Ein Kommentar.

Montag, 03.07.2017, 07:07 Uhr

Damit dokumentiert Franziskus trotz vieler gegenteiliger Beteuerungen, dass er von der inhaltlichen wie personellen Route seines Vorgängers Benedikt XVI. abzuweichen gedenkt. Denn Müller war ein theologischer Ziehsohn Ratzingers und beerbte ihn konsequent im Amt an der Spitze der Glaubenskongregation.

Im deutschen Episkopat, in dem sich selbst manche eher traditionell aufgestellte Geister in kaum vermuteter Geschwindigkeit respektive Geschmeidigkeit auf die Linie des neuen Papstes eingestellt haben, regis­triert man aufmerksam, welche Signale der Pontifex aussendet. Es sind bei ihm eher nicht die gelehrten Vorträge, auch keine in Beton gegossenen Glaubenssätze, die er in schöner Regelmäßigkeit per Enzyklika unter das Volk zu streuen gedenkt. Es sind vielmehr, wie neulich ein Bischof formulierte, die kleinen Gesten und die symbolträchtigen Aktionen, mit denen der Papst zeigen will: Seht her, so sollte ein Priester leben. So sollte er den Armen begegnen. So sollte die Kirche Menschen in verqueren Lebenssituationen, auch nach Scheidung und Wiederheirat, nahe sein. Demgegenüber war Müller eher ein Vertreter des Rigorismus.

Dieses Pontifikat ist ein Pontifikat der pastoralen Praxis, dieser Papst versteht sich als Hirte, und bei einer solchen Zielrichtung haben es jene schwer, die meinen, mit Dogmatik und Moralpredigten allein könne man die Wechselfälle des Lebens regeln und die Menschen an die Kandare nehmen.

Die Kurie in Rom erlebt eine tiefe Krise. Sie ist eben nach neuem Verständnis kein Hofstaat des Papstes mehr. Sie soll Dienstleistungsbehörde für die Ortskirchen und deren Bischöfe sein. Dazu braucht es eine grundlegende Neuorientierung in einer nicht mehr eurozentrischen, sondern polyzentrischen Weltkirche.

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