Analyse
Echter Paradigmenwechsel ist gefragt

Alexander der Große brauchte einen beherzten Hieb mit dem Schwert, dann hatte er den Gordischen Knoten gelöst. So leicht werden es Politiker und Lobbyisten nicht haben, wenn sie sich zum Diesel-Gipfel treffen. Was schon daran liegt, dass es nicht um ein simples Diesel-Problem geht.

Dienstag, 01.08.2017, 20:08 Uhr

Analyse : Echter Paradigmenwechsel ist gefragt
Eine Leuchttafel weist am auf Feinstaubalarm hin. Foto: dpa

Der Skandal, den Volkswagen mit seiner Schummel-Software losgetreten hat, ist das kleinere Problem. Da geht es offensichtlich um Betrug. Darum kümmern sich die Strafgerichte. Und für die Wiedergutmachung sind – natürlich – die betroffenen Hersteller verantwortlich.

Doch jenseits dieser Betrügereien wird es kompliziert. Auch beim Thema Diesel. Es ist in der Tat nicht hinzunehmen, dass gute und seit Jahren verfügbare Technologie wie die Abgasnachbehandlung mit Harnsäure nicht eingesetzt wird und viele Dieselautos uns weiter einnebeln. Aber die Frage nach dem Schuldigen ist nicht so schnell abgehandelt.

Wer ist es? Der Gesetzgeber, der mit schlampigen Regeln und realitätsfernen Prüfungen die Tür sperrangelweit öffnet? Die Hersteller, die wider besseres Wissen jedes Schlupfloch nutzen, um Kosten zu sparen und Gewinne zu maximieren? Die Verbraucher, die mit billigen Autos verbrauchsarm fahren wollen und alle Hinweise von Experten und Umweltschützern ignorieren?

Unfug jedenfalls ist es, sich jetzt im Kreis aufzustellen und auf die jeweils anderen zu zeigen. Wegweisend wäre es, wenn der Diesel-Gipfel mit einem echten Paradigmenwechsel endete. Nicht mehr der kleinste gemeinsame Nenner darf das Maß sein. Sondern das jeweils verfügbare Optimum an Spar- und Umwelttechnik. Die Abgasnachbehandlung muss flächendeckend eingesetzt werden. Ebenso wie jede künftige Technik zur Reduktion von Schadstoffen und Klimagasen. Sobald sie verfügbar ist; nicht erst, wenn Vorschriften für die nächsten Fahrzeuggenerationen erlassen sind.

Über die weitere Zukunft entscheidet nüchternes Abwägen. Bevor kollektiver Jubel über Elektro-Autos ausbricht, bleibt mancherlei zu prüfen. Sind die E-Mobile wirklich die saubere Alternative, weil sie lokal keine Schadstoffe freisetzen? Betrachtet man den Energie- und Rohstoffeinsatz sowie die verbundenen Schadstoffemissionen von der Produktion bis zum Verschrotten, sieht die Bilanz – beim aktuellen Energiemix – nicht so klar aus.

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Vielleicht wäre die Brennstoffzelle samt der nötigen Wasserstoffinfrastruktur eine Alternative zu schweren und trotzdem nicht sonderlich leistungsstarken Akkus. Wasserstoff könnte man ähnlich schnell tanken wie Benzin, während das Akku-Laden auf absehbare Zeit jede weite Reise zu einem Etappenrennen mit langen Unterbrechungen macht.

Schwer, die Patentlösung zu finden. Noch schwerer, wenn Meinungen und Ideologien aufeinanderprallen – und nicht so sehr Argumente und Fakten. Ob in Wahlkampfzeiten der Diesel-Gipfel dem Ziel näher rückt?

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