Kommentar: Degowski kommt nach 30 Jahren frei
Ein folgenrichtiger Beschluss

Die Entscheidung kommt nicht überraschend, doch sie weckt auch 30 Jahre nach der Tat viele Emotionen: Dieter Degowski, einer der Geiselgangster von Gladbeck, kommt nach einem Gerichtsbeschluss in absehbarer Zeit frei.

Dienstag, 10.10.2017, 17:10 Uhr

Kommentar: Degowski kommt nach 30 Jahren frei: Ein folgenrichtiger Beschluss
Die bewaffneten Geiselnehmer Dieter Degowski (l) und Hans-Jürgen Rösner stehen am 17.8.1988 in dem in Bremen gekaperten Linienbus. Foto: Hartmut Reeh/dpa

Der 1988 zu lebenslanger Haft verurteilte Degowski saß knapp 30 Jahre im Gefängnis – und darf nach einer günstigen Prognose und einer einwandfreien Führung das Gefängnis bald verlassen.

Ein folgerichtiger Beschluss, ohne Zweifel. Im Rechtsstaat Bundesrepublik heißt „lebenslang“ eben nicht zwangsläufig lebenslang. Dies gilt nach dem Buchstaben des Strafgesetzbuch dann, wenn eine Freilassung nach mindestens 15 Jahren Strafe unter Berücksichtigung des Sicherheits­interesses der Allgemeinheit ver­antwortet werden kann.

Bei Degowski – anders als bei seinem Mittäter Rösler – scheint dies jetzt nach allen vorliegenden Prognosen der Fall zu sein. In diese individuelle Abwägung zwischen dem Gedanken der Strafe – drei Menschen starben damals – und dem Schutz der Gesellschaft vor einer Wiederholungsgefahr darf die gesellschaftliche Dimension der Tat keine Rolle spielen.

Das Gladbecker Geiseldrama stand im August 1988 für ein komplettes Versagen fast aller beteiligten: Die Sicherheitskräfte verirrten sich im Kompetenzgerangel, die Justiz hätte die Täter vor der Tat nicht in Freiheit lassen dürfen und auch Medienvertreter machten sich damals in Köln und bei der ARD fast schon zu Gehilfen der Gangster. Für die Beurteilung des Gefangenen Degowski dürfen diese Erinnerungen aber 30 Jahre danach keine Relevanz mehr entfalten, so schwer es fällt.

Hintergrund: Das Gladbecker Geiseldrama

DAS VERBRECHEN: Am Morgen des 16. August 1988 stürmen Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner schwer bewaffnet eine Bank im nordrhein-westfälischen Gladbeck. Sie nehmen zwei Geiseln und fordern einen Fluchtwagen sowie 420.000 D-Mark. Journalisten geben sie ein erstes Interview. Kurz nachdem die Gangster am Abend mit Geiseln und Geld losfahren, steigt Rösners Freundin zu. Am nächsten Tag kapern sie in Bremen einen Linienbus und nehmen 35 Geiseln. Sie geben Interviews und lassen mehrere Geiseln frei.Als die Polizei Rösners Freundin vorübergehend festhält, erschießt Degowski eine Geisel, einen 15-jährigen Jungen. Bei der weiteren Verfolgung verunglückt ein Polizist tödlich. Die Geiselnehmer lassen den Bus stehen und flüchten mit zwei Bremer Geiseln in einem Auto. Ein Journalist fährt in Köln sogar ein Stück mit. Am Mittag des 18. August greift ein Spezialeinsatzkommando auf der Autobahn bei Bad Honnef zu. Die 18-jährige Silke Bischoff stirbt an einer Kugel aus Rösners Waffe.DIE FOLGEN: Rösner und Degowski werden im März 1991 zu lebenslanger Haft verurteilt, Rösner mit anschließender Sicherungsverwahrung. Anträge auf Hafterleichterungen und Gnadengesuche wurden bislang abgelehnt. Die Polizei überarbeitet ihre Einsatztaktik für solche Szenarien grundlegend. Bremens Innensenator Bernd Meyer (SPD) tritt zurück. Die Medien werden wegen mangelnder Zurückhaltung kritisiert. Der Deutsche Presserat legt später fest, dass es Interviews mit Tätern während des Geschehens nicht geben darf.

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