Kommentar
Politischer Aschermittwoch im Wandel: Dreitagebart statt Säbel

Biergeschwängerte Brauhaus-Atmosphäre, rhetorische Kraftmeierei vom Fließband, im verbalen Einsatz Säbel statt Florett und Polemik pur – das waren noch wahre Aschermittwochszeiten mit wortgewaltigen Fernduellen und fieser Wadlbeißerei. 

Mittwoch, 06.03.2019, 21:54 Uhr aktualisiert: 06.03.2019, 21:56 Uhr
Kommentar: Politischer Aschermittwoch im Wandel: Dreitagebart statt Säbel
Ralph Brinkhaus, Vorsitzender der CDU/CSU Bundestagsfraktion, spricht beim politischen Aschermittwoch der Thüringer CDU in der Vereinsbrauerei Apolda. Foto: dpa

Eine derb-bayerische Polit-Gaudi eben, nichts für zartbesaitete Kundgebungs-Novizen. Ja – das waren die Zeiten, in denen politische Urgesteine, schlachtenerprobt und tief überzeugt politisch unkorrekt, an die Saal-Mikrofone traten. Diese Typen sterben aus; heute dominieren unerwartet gewachsene Dreitagebärte, offene Hemdkrägen und ein Toiletten-Witz aus der Karnevalszeit die Aschermittwochs-Kultur in weniger stickigen Bierzelten.

Der entseehoferten CSU gelang der Kulturwandel: Weil Partei-Vize Manfred Weber in der EU gern Kommissionspräsident und damit Kapitän des schlingernden Tankers werden möchte, blieb die in Bayern sonst durchaus vernehmbare antieuropäische Aschermittwochs-Polemik diesmal vor den Saal-Türen. Weber warb mit moderner Bürgerlichkeit und überzeugender Leidenschaft für ein Europa als Garant für Frieden und Wohlstand. Er überließ CSU-Chef Söder den groben Klotz; der bartbewehrte Ministerpräsident nahm sich AfD und all die anderen Populisten und Extremisten ordentlich zur Brust. Bundespolitische Breitseiten gegen SPD und Grüne inbegriffen. Und dass sich schlussendlich Erz-Rivalen auf offener CSU-Bühne zu verbrüdern verstehen, das kennen die Bayern – daran knüpften Söder und Weber am Aschermittwochstag eng umschlungen nahtlos an.

Ansonsten zeigte sich, dass ein europapolitischer Aufgalopp knapp drei Monate vor der Wahl zum einen wegen der obwaltenden Krise, zum anderen aber auch in einer hemdsärmeligen Bierzelt-Launigkeit nur schwerlich in Gang kommt. Deshalb ­regierten allerorten auch bundespolitische Finger­hakeleien die wuchtigen Wort-Beiträge. Die großkoalitionären Partner schonten sich dabei keineswegs; Anzeichen für ­etwaig anstehende Trennungsabsichten von Schwarz-Rot oder gar neue Jamaika-Träume gab es gleichwohl nicht.

Hier ein bisschen Attacke, da eine Prise Polemik und am Abend gar die über­raschende Auflösung von AKKs närrischem Toiletten-Klamauk – der politische Aschermittwoch ist überstanden; dessen Redenschreiber hatten sich wohl schon früher einer Abstinenz unterworfen. . .

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