Kommentar zum Tag der Deutschen Einheit
Sie glaubten es wirklich

Es ist nett gemeint, wenn vorwiegend westdeutsche Hauptdarsteller des öffentlichen Lebens im Jahr 29 nach der deutschen Einheit mehr Interesse und Würdigung ostdeutscher Lebensgeschichten einfordern. Dabei stehen – zu Recht – vor allem die Bürgerrechtler im Fokus, die mit Mut und Zivilcourage im besten Sinne des Wortes dafür gesorgt haben, dass das SED-Regime friedlich eingestürzt ist.

Mittwoch, 02.10.2019, 21:54 Uhr aktualisiert: 02.10.2019, 22:00 Uhr
 Ein Banner mit der Aufschrift «Fest zum Tag der Deutschen Einheit» ist vor dem Brandenburger Tor zu sehen. Dort findet am 03.10.2019 das Bürgerfest zum Tag der Deutschen Einheit statt.
 Ein Banner mit der Aufschrift «Fest zum Tag der Deutschen Einheit» ist vor dem Brandenburger Tor zu sehen. Dort findet am 03.10.2019 das Bürgerfest zum Tag der Deutschen Einheit statt. Foto: dpa

Da nach brach die Zeit der Versprechungen an. Blühende Landschaften sollte es geben, keinem sollte es schlechter gehen als vorher. Ersteres wurde flächendeckend Wirklichkeit, was auch dem manchmal neidischen Blick vieler Westler nicht verborgen bleibt, wenn sie durch Dresden, Weimar oder Potsdam gehen. Doch das zweite Versprechen konnte die Politik in der Nachwendezeit nicht einhalten. Im Westen war das jedem Bürger klar, dort nahm man es als Wahlkampfgetöse wahr.

Die Ostdeutschen glaubten es. Wie naiv. Für viele erfüllte sich dieser Wunsch auch, für einige nicht. Das sprach sich rum, Kränkungen der Nachwende-Zeit wurden damit zum Geburtsimpuls einer neuen Ossi-Identität. Spätestens nach den Wahlerfolgen für Linkspartei und AfD, denen auch Protest innewohnt, haben dies fast alle verstanden. Es wird dauern, diese Verbiegungen in den Biografien umzuwandeln in begeisterte Anhängerschaft für Toleranz, bürgerliche Werte und Demokratie.

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