Kommentar
Kerpens Bürgermeister gibt auf: „Frau und Kinder halten das nicht aus“

Kerpen -

Die Bedrohungslage von Kommunalpolitikern ist bundesweit ein Thema. Jetzt will der Bürgermeister der Stadt Kerpen nicht mehr kandidieren. Der Preis für die Familie sei sehr hoch. Ein Kommentar.

Freitag, 24.01.2020, 10:00 Uhr aktualisiert: 24.01.2020, 10:10 Uhr
Kommentar: Kerpens Bürgermeister gibt auf: „Frau und Kinder halten das nicht aus“
Dieter Spürck (CDU), Bürgermeister in Kerpen. Der Bürgermeister der rheinischen Stadt Kerpen will nach Drohungen auch gegen seine Kinder nicht erneut für das Amt kandidieren. Foto: dpa

Es fühle sich an „wie eine massive Amputation“. Mit diesen Worten hat der Kerpener Bürgermeister Dieter Spürck ( CDU ) seinen Entschluss beschrieben, in diesem Jahr nicht erneut bei der Kommunalwahl anzutreten. 

Nach nur einer – nach seiner Darstellung sehr ungemütlichen – Wahlperiode weicht er dem Druck von Links und Rechts. Es gebe eine zunehmende Verrohung der Gesellschaft, beklagt er in einem am Donnerstag veröffentlichten Interview mit dem „ Kölner Stadt-Anzeiger “: „Soweit mich das selbst betrifft, halte ich das für ein tragbares Berufsrisiko, aber nicht für meine Frau und meine Kinder.“ Sein Amt übe er „mit Herzblut“ aus, habe viele positive Entwicklungen für Kerpen eingeleitet und hätte gerne den Strukturwandel im Rheinischen Revier mitgestaltet, sagt der CDU-Politiker. Aber die Entscheidung, sich zurückzuziehen, sei langsam gereift. „Ich habe diese Entscheidung lange vor mir hergeschoben.“

Spürck berichtet von einem Zettel im Briefkasten mit der Forderung, er solle sich mehr für den benachbarten Hambacher Wald einsetzen, sonst bekämen das seine Kinder zu spüren. Und auch von mutmaßlich rechten Personen habe es solche Versuche der Einschüchterung gegeben. In der Diskussion um Flüchtlinge sei ihm gesagt worden, „wenn irgendeinem Kind in Kerpen etwas geschehe, dann werde es meinen Kindern ebenso gehen“.

Reaktion auf Bedrohungen

Schrammen am Auto, platte Reifen, Zettel mit Beschimpfungen an der Rathaustür. „Einmal ist mir ein Auto langsam gefolgt, als ich zu Fuß von einem Termin wegging“, schildert Spürck. Nicht alles habe er der Polizei gemeldet, aber es mache ihn vorsichtiger. Diese Beeinträchtigung des Privatlebens habe er nicht erwartet.

Als Reaktion auf Bedrohungen hatte sein Amtskollege in Kamp-Lintfort, Christoph Landscheidt (SPD) einen Waffenschein zum Eigenschutz und zum Schutz seiner Familie beantragt und damit eine breite Debatte ausgelöst. Die Parteien im Landtag treibt die Sorge um, dass immer weniger Menschen bereit sind, ein kommunales Mandat zu übernehmen. Der Grünen-Abgeordnete Mehrdad Mostofizadeh, der in Essen Oberbürgermeister werden will, berichtete von einem Kandidatentreffen seiner Partei: Alle bewege die Frage, ob man das der eigenen Familie zumuten könne.

„Dass sich zunehmend auf kommunaler Ebene Angst breit macht, muss uns als Politiker und Gesellschaft wachrütteln“, sagt CDU-Fraktionsvize Daniel Sieveke (Paderborn) dieser Zeitung. „Die in NRW praktizierte Null-Toleranz-Strategie gegen Kriminelle muss auch bei Angriffen auf Amtsträger gelten.“

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