Corona-Warn-App
Verspätung tut weh

Noch in den Osterferien sollte sie kommen, jetzt ist sie erst kurz vor den Sommerferien da: Der wochenlange Zeitverzug könnte zum ernsten Problem für die Corona-Warn-App werden. Ein Kommentar.

Montag, 15.06.2020, 19:04 Uhr aktualisiert: 15.06.2020, 19:07 Uhr
Corona-Warn-App: Verspätung tut weh
Mithilfe der am Dienstag startenden App werden Bürger benachrichtigt, sollten Sie sich in der Nähe eines am Coronavirus Erkrankten aufgehalten haben, wenn dieser die App ebenso installiert hatte und seine Erkrankung meldet. Foto: dpa

Sie kommt spät, aber mit einigem Geklingel: Reichlich Prominenz aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft bringt heute die bundesdeutsche Corona-Warn-App an den Start. Ein bisschen Entscheidungsschwäche, ein Schuss Datenschutzdiskussion und die üblichen technischen Schwierigkeiten stecken hinter der Verspätung.

Immerhin: Die technischen Schwierigkeiten scheinen überwunden. Und mit dem aktuellen, dezentralen Konzept sind auch die Datenschützer zufrieden – große Datensammlungen, die zweifellos große Neugier geweckt hätten, entstehen gar nicht erst. Also: Ende gut, alles gut?

So funktioniert die Corona-Warn-App

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  • Für den Weg aus der Corona-Krise in die Normalität hoffen viele Menschen auch auf die seit Monaten angekündigte Corona-Warn-App. Sie soll dabei helfen, die Infektionsketten frühzeitig zu erkennen und zu durchbrechen. Am Abend des 15. Junis dürfte sie in den Stores von Google und Apple zum Herunterladen bereitstehen, am 16. Juni wollen Politik und Entwicklerfirmen das Produkt vorstellen. Wie die Corona-Warn-App funktioniert und was sie leisten kann - ein Überblick:

    Foto: dpa
  • Was kann die App leisten?

    Die App kann dazu beitragen, dass Menschen nachträglich darüber informiert werden, wenn sie sich in der Nähe infizierter Personen aufgehalten haben. Diese sind schon Tage vor dem Auftreten erster Symptome ansteckend. Daher gilt: Je früher eine Person über ein Infektionsrisiko Bescheid weiß, desto schneller kann sie selbst Schutzmaßnahmen ergreifen und sich testen lassen oder sich in eine Quarantäne begeben, um andere vor einer Ansteckung zu bewahren. Die App soll außerdem dazu beitragen, dass Betroffene schneller ihr Testergebnis erhalten und Kontaktpersonen benachrichtigen. 

    Foto: dpa
  • Wie funktioniert das?

    Mit der App verwandelt sich ein Smartphone in einen kleinen „Bluetooth-Leuchtturm“, der im Abstand von zweieinhalb bis fünf Minuten eine Serie von Identifikationsnummern in die nähere Umgebung funkt. Gleichzeitig lauscht das Telefon, ob es Bluetooth-Signale von anderen empfangen kann. Halten sich Nutzer, die beide die App laufen haben, nebeneinander auf, tauschen die Smartphones ihre IDs aus.

    Foto: dpa
  • Wie erfährt man, dass man sich in der Nähe eines Infizierten aufgehalten hat?

    Wer positiv auf Covid-19 getestet wurde, trägt diesen Status selbst in die App ein. Um einen Missbrauch zu verhindern, muss dieser Status offiziell bestätigt werden. Das geschieht zum einen über einen QR-Code, den man vom Testlabor erhält. Alternativ kann man auch eine TAN eingeben, die man von einer Telefon-Hotline bekommt, da nicht alle Labore in der Lage sind, QR-Codes zu generieren. Im Infektionsfall erhalten die betroffenen Kontakte einen Hinweis, dass sie sich testen lassen sollen.

    (Das Bild zeigt die Warn-App Immuni, die in Italien im Kampf gegen die Corona-Pandemie genutzt wird.)

    Foto: dpa
  • Welche Daten verwendet der Algorithmus der App, um eine Benachrichtigung auszulösen?

    Die App wertet die Dauer des Kontakts aus und registriert dabei, wie stark das Bluetooth-Signal war. Aus der Signalstärke lässt sich der ungefähre Abstand berechnen. Bei der Alarmierung spielt aber auch der Zeitpunkt des Kontaktes eine Rolle. Bei der Berechnung eines Risikowertes wird nämlich auch die Tatsache berücksichtigt, dass Infizierte unmittelbar vor dem Ausbruch der Krankheitssymptome besonders ansteckend sind.  

    (Das Bild zeigt einen Test der Corona-App unter Laborbedingungen, die an die reale Situationen im Alltag angepasst sind.)

    Foto: dpa
  • Auf welchen Smartphones kann die App in­stalliert werden?

    Beim iPhone ist das aktuelle iOS 13.5 Mindestvoraussetzung. Das gibt es für Geräte ab dem iPhone 6s oder dem iPhone SE. Ein altes iPhone 5, 5S oder 6 reicht nicht aus. Bei ­Android-Handys ist die Lage etwas unübersichtlicher. Hier sind Android 6 und die Unterstützung von Bluetooth LE Mindestvoraussetzung. Zum anderen müssen aber auch die Google Play Services laufen, weil der Konzern die Schnittstellen nicht über Android selbst zu Verfügung stellt, sondern über diese Google-Dienste. Android-Handys ohne ­Google Play Services bleiben zunächst außen vor. Huawei hat allerdings angekündigt, dass die App in absehbarer Zeit auch auf den neuesten Modellen ohne Google Play Services laufen soll, weil die Funktionalität nachgebaut wird.

    (Das Bild zeigt einen Test der Corona-App unter Laborbedingungen, die an die reale Situationen im Alltag angepasst sind.) 

    Foto: dpa
  • Besteht die Gefahr, dass die Corona-Warn-App nicht doch heimlich zur Überwachung der Bevölkerung eingesetzt wird?

    Nein, das ist quasi ausgeschlossen. Der Quell-Code der App kann auf der Plattform GitHub transparent eingesehen werden. Bei etlichen Analysen des Codes wurden keine Hintertüren oder andere Anomalien entdeckt. 

    Foto: dpa (Symbolbild)
  • Wie viele Menschen müssen die App nutzen, damit der gewünschte Effekt eintritt?

    Eine Studie aus Oxford sagt, dass der volle Effekt erst dann erreicht wird, wenn sich 60 Prozent der Bevölkerung oder mehr beteiligen. Die Forscher aus Oxford sagen aber auch: „Selbst bei einem geringeren Anteil gehen wir davon aus, dass die Zahl der Infektionen und Todesfälle sinkt.“ Die ideale Quote von 60 Prozent wird in Deutschland vermutlich nicht innerhalb eines kurzen Zeitraums zu erreichen sein. Selbst eine populäre App wie WhatsApp hat Jahre gebraucht, um so hohe Installationszahlen zu erreichen.   

    (Das Bild zeigt einen Test der Corona-App unter Laborbedingungen, die an die reale Situationen im Alltag angepasst sind.) 

    Foto: dpa

Angeknackste Motivation

Das bleibt abzuwarten. Die Verspätung könnte zum ernsten Problem für die Corona-App werden. Rund 60 Prozent aller Deutschen müssten teilnehmen, damit die Technik ihre volle Wirkung entfalten kann. Gegenwärtig liegt die Quote der Teilnahmewilligen mal gerade über 40 Prozent.

Was auch seinen Grund hat: Wenn in Nordrhein-Westfalen Schüler wieder Schulter an Schulter in vollen Klassen sitzen, bis zu 30-köpfige Sportgruppen miteinander schwitzen dürfen, anderenorts sogar die ersten Großveranstaltungen stattfinden sollen und in Thüringen quasi alle Corona-Schutzmaßnahmen aufgehoben sind, dürfte die Motivation vieler Bürger zur Teilnahme einen ordentlichen Knacks bekommen.

Chance vertan

Viele werden sich fragen: Lohnt der ganze Aufwand, wofür die Datenpreisgabe, weshalb der ständig leere Handy-Akku? Vor ein, zwei Monaten hätte kaum jemand den generellen Sinn der Software hinterfragt – diese Chance wurde verpasst.

Bleibt nun zu hoffen, dass die konzertierten Lockerungsmaßnahmen keine zweite Corona-Welle lostreten und die Warn-App damit doch noch überlebenswichtig wird. Auf den echten Belastungstest für die App und die Infrastruktur dahinter würden wir gerne verzichten.

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