Nachrichten Münster
Ende der Westernforschung: High Noon an der Johannisstraße

Mittwoch, 05.09.2007, 07:09 Uhr

Münster . Wildwest , wo man hinschaut. An der Wand hängen Buffalo-Bill-Poster und Pappmaché-Indianer, in den Regalen stapeln sich Unmengen von Romanen („Duell im Westen“) und Filmen („High Noon“), auf dem Tisch liegt eine erstaunlich gut erhaltene „Rocky Mountain Gazette“, gedruckt 1886. Mittendrin: ein grauhaariger Mann mit Cowboyschlips, Dr. Peter Bischoff , einstiger Akademischer Oberrat am Englischen Seminar, aber nach wie vor ehrenamtlicher Leiter des von ihm gegründeten „Western-Forschungszentrums“.

Seit 1992 gibt es das Zentrum, mittlerweile füllen seine Bücher und Filme drei Räume. „170 Regalmeter“, sagt Bischoff, der vor Kurzem pensioniert wurde und daher – so ist es Vorschrift – sein Forschungszentrum, das niemals Bestandteil der Universität war, räumen muss. „Wer aus der Universität ausscheidet, hat keinen Anspruch mehr auf Räume“, stellt Gebäude-Dezernent Reinhard Greshake klar. Das gelte sogar für die verdientesten Professoren.

Doch Bischoff will nicht gehen. Er spricht von „Willkür“ und davon, dass sich seine Kollegen gegen ihn verschworen haben. Gegen ihn, der sich neben seiner Lehrtätigkeit lieber mit den Apachen und den Sioux beschäftigte als mit Shakespeare. Dass so einer irgendwie ein Outsider ist – keine Frage. „Wir sind nicht nur einmalig in Deutschland“, sagt er, „so was wie uns gibt’s nicht mal in den USA .“

Bischoff veröffentlicht eine eigene Zeitschrift, einmal im Jahr. In den USA gehört er zum Herausgeberbeirat eines Fachmagazins, „als einziger Deutscher, da bin ich richtig stolz drauf“. Ebenso stolz ist er, dass er das alles selbst auf die Beine gestellt hat, die Bücher, die Filme – alles selbst bezahlt. „Für mich“, sagt er, „ist das zur Lebensaufgabe geworden.“

Da das Leben nach der Pensionierung weitergeht, ging er davon aus, auch in Zukunft in seinen drei Räumen im Englischen Seminar über Wyatt Earp, Butch Cassidy und Co. forschen zu können. Doch daraus wird nichts. „Es kann nicht sein, dass ein Privatbestand Räume blockiert, die der Steuerzahler unterstützt“, sagt Prof. Dr. Klaus Stierstorfer, Geschäftsführer des Englischen Seminars. Dass Bischoff immer noch da sei, obwohl ihn die Uni mehrmals aufgefordert hatte zu gehen, sei schlichtweg „widerrechtlich“. Im Übrigen scharrten bereits „die jungen Leute“ mit den Hufen, um in Bischoffs Büros drittmittelstarke Forschungsprojekte anzuleihern. Kurzum: „Wir brauchen die Räume. Spätestens am 1. Oktober.“ Dann geht das Wintersemester los.

Weil Bischoff noch immer nicht gegangen ist, droht ihm nun die Räumung – „auf seine Kosten“, wie die Uni klarstellt. „Wo soll ich bloß mit den Büchern hin?“, fragt Bischoff. Vielleicht der Unibibliothek zur Verfügung stellen, regen Greshake und Stierstorfer an. Doch das will Bischoff nicht. „Da können wir doch nicht die nächste Ausgabe unserer Zeitschrift vorbereiten . . .“

Und so spitzt sich das Duell zu, Bischoff gegen die Uni. Rechtlich sind die Fronten klar. Und menschlich? „Das kann doch nicht alles kaputtgehen“, sagt Bischoff und zupft an seinem Cowboyschlips. Vielleicht stellt ihm ja irgendjemand in der Stadt für eine Handvoll Euro neue Räume zur Verfügung. Es ist die letzte Hoffnung, die Münsters einzigem Cowboy geblieben ist.

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