Kultur Münster
Reiner Kunze liest aus „Lindennacht“

Freitag, 02.11.2007, 17:11 Uhr

Münster . Weniger ist meistens mehr. Für Reiner Kunze , den bescheidenen Leisetreter unter den Poeten, scheint diese alte Weisheit Lebensmotto zu sein. Nicht nur, weil sich der Passauer Metaphernmagier so viele Jahre Zeit genommen hat für seinen neuen Gedichtband „ Lindennacht “. Nicht nur, weil seine Gedichte als schmucklos-spartanische Miniaturen daherkommen. Sondern weil sich der Dichter dieser schlichten Verse auch bei seiner Lesung in der Buchhandlung Poertgen-Herder sehr viel Zeit für sein Publikum nimmt.

Es liegt etwas von zen-buddhistischer Ruhe im Raum, wenn der altersweise Kunze, dieser gänzlich unbarocke Wahl-Bayer, seinen verwandelnden Blick zurück auf seine Kindheit im Erzgebirge schweifen lässt und die ihm verbliebene Zeit am Lindenbaum abliest. Wenn er sich mit seinem wunderbar vokalreich verschatteten Tonfall in seinen hoffnungsvoll himmelgrünen Kosmos zwischen Lindenblüte und Nacht, zwischen Leben und Tod imaginiert, um dann, viele philosophisch-paradoxe Verknappungen später, einen mahnenden Abgesang auf die kulturelle Welt anzustimmen. Mit einer schwebenden Diktion, die einer Meditation schon sehr nahe kommt. In jener unverwechselbar lapidaren, dem Schweigen abgerungenen Sprache, die ganz ohne Reime, ohne Punkt und Komma, ja sogar ohne Großbuchstaben auskommt.

In fünf Abteilungen versammelt das kleine blaue Buch „Lindennacht“ Gedichte über das Große, das sich im Kleinen spiegelt: Eine abgeschabte Grubentasche erzählt vom kärglichen Bergmannsalltag seiner Jugendzeit, unpathetische Oden von den Wundern der Natur, metaphysische Verse über das Erleben finnischer Landschaft und koreanischer Kultur, stille Selbstbekenntnisse über den Tod und über die Liebe. Dann weitet sich die Lindenkrone zu einem Blütenhimmel, zu dem der Blick des Menschen wie ein Kleiber emporsteigt, ins bienenumsummte „himmelgrün“ des Tages oder in die sternenwimmelnde Nacht.

Unüberhörbar leise sprechen diese Gedichte über das Leben, mit scheinbar immer kunstloseren Mitteln verknappt Kunze sie zur großen Kunst, die er – wer langsam geht, kommt schneller an! - auf Wunsch seiner Zuhörer gerne auch wiederholt. Ohne dabei die Gebetsmühle auspacken zu müssen. Bei so viel unaufdringlicher Weltaneignung verzeiht man Kunze wohlwollend die kurzen Abstecher in jenen ingrimmigen Spott, mit dem er die ungeliebte Rechtschreibreform ebenso bedenkt wie die Beuys’sche Fettecke. Als Unzeitgemäßer outet sich Kunze dadurch noch lange nicht. Im Gegenteil.

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