Hochschule Münster
Papst paktierte mit den Nazis

Mittwoch, 26.03.2008, 09:03 Uhr

Münster . Ausgerechnet ein Vertrag mit dem Papst bescherte den Nationalsozialisten vor 75 Jahren den ersten großen außenpolitischen Erfolg: der Abschluss des Reichskonkordats, das das Verhältnis zwischen Deutschland und der römisch-katholischen Kirche regelte.

Kurz vor Aufnahme der Verhandlungen hatte die katholische Zentrums-Partei dem Ermächtigungsgesetz zugestimmt, die deutschen Bischöfe hatten zudem ihre Verurteilung des Nationalsozialismus zurückgenommen. Lange wurde gemutmaßt, dass zwischen diesen drei Ereignissen ein Zusammenhang bestanden haben könnte; dass mit der Zustimmung des Zentrums zur Errichtung einer legalen Diktatur sowie der Rücknahme der Warnungen vor der NS-Ideologie das Reichskonkordat quasi „erkauft“ werden sollte – schließlich garantierte es während des Dritten Reichs die Seelsorge und den Bestand der katholischen Kirche . Als Strippenzieher im Hintergrund wurde dabei immer wieder der Heilige Stuhl selbst – namentlich: Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli , der spätere Papst Pius XII. – ins Gespräch gebracht.

Nun allerdings hat der münsterische Kirchenhistoriker Prof. Dr. Hubert Wolf in den Archiven des Vatikan bislang unter Verschluss gehaltene Dokumente entdeckt, die diese Vermutungen widerlegen. „Diese Schritte gehen allein auf das Konto der deutschen Kirche“, stellt Wolf klar. Mehr noch: Die deutschen Bischöfe seien dem Vatikan bei seinen Bemühungen, im Reichskonkordat möglichst viele Rechte für die deutschen Katholiken festzuschreiben, praktisch „in den Rücken gefallen“.

Unmittelbar nach der „Machtergreifung“ am 30. Januar 1933 geriet auch die katholische Kirche ins Visier der Nazis – doch nicht etwa vehemente Gegenwehr, sondern geradezu vorauseilender Gehorsam bestimmte ihr Handeln, kritisiert Wolf. Vor allem die Entscheidung der Bischöfe vom 28. März 1933, die Verurteilung des Nationalsozialismus zurück zu nehmen, sei ein schwerer Fehler gewesen.

Bis zu diesem Zeitpunkt durften Katholiken nicht in der NS-Bewegung mitarbeiten. Indem die Bischöfe noch vor Beginn der Konkordatsverhandlungen ihre Haltung aufgaben, „gaben sie ihren entscheidenden Trumpf aus der Hand“, betont der Kirchenhistoriker. In den jetzt entdeckten privaten Aufzeichnungen bezeichnet Eugenio Pacelli diesen Schritt – von dem er erst aus der Zeitung erfahren haben will – als Erklärung auf Hoffnung und voreilig. Pacelli, der glänzende Diplomat, war laut Wolf „ziemlich sauer“ – er hätte die Aufgabe der Verurteilung vermutlich an Forderungen geknüpft, die dann im Konkordat ihren Niederschlag gefunden hätten. Anordnungen aus Rom gab es jedenfalls laut Wolf nicht, „dazu war Pacelli über die Vorgänge in Deutschland viel zu überrascht“.

Gleiches gilt für ein weiteres Ereignis, das Wolf als „Hammer“ bezeichnet“: Ebenfalls noch vor Abschluss des Konkordats löste sich das Zentrum auf. „Damit“, so Wolf, „hatten es die Deutschen selbst vergeigt.“ Aber hatte das Zentrum möglicherweise keine andere Wahl? „Gegenfrage“, sagt Wolf, „hätten die Nationalsozialisten das Konkordat platzen lassen?“ Vermutlich nicht – zu wichtig dürfte es ihnen gewesen sein, die Katholiken ruhig zu stellen, mehr noch: für ihre Bewegung zu gewinnen.

Am 20. Juli 1933 wurde das Reichskonkordat unterzeichnet, ein Dokument mit „Gummiformulierungen“, wie Wolf kritisiert. So wurde nicht ausdrücklich geklärt, welche Vereine unter dem Schutz des Konkordats stehen sollten. Das erschwerte später die Verteidigung der gesellschaftlichen Vorposten des Katholizismus, zum Beispiel der Gesellen- und Arbeitnehmervereine, der Vorläufer von Kolpingwerk und KAB.

Das war natürlich weniger, als sich der Vatikan ausgerechnet hatte. Warum unterzeichnete er dennoch? Weil er keine Wahl mehr hatte zwischen einem Vertrag mit von Hitler diktierten Bedingungen und der Ausschaltung der katholischen Kirche. Eine Pistole, sagte Pacelli dem britischen Botschafter beim Heiligen Stuhl, sei gegen seinen Kopf gerichtet gewesen. Den Anspruch, dass die Kirche Anwalt aller Menschen sei, stellte Pacelli mit dem Kompromiss zurück. Sein anderes großes Ziel, dass die Seelsorge in Deutschland auch nach der „Machtergreifung“ weitergehen konnte, erreichte er jedoch.

Bleibt die Frage, warum sich die deutschen Bischöfe, aber auch Pacelli selbst so verhielten. Für Wolf ist der Fall klar: Sie wollten einen zweiten Kulturkampf verhindern, „nicht wieder in ein Getto gedrängt werden“. Dass unter Bismarck die Seelsorge zusammenbrach, weil sich die Kirche mit dem Staat bekriegte – so etwas sollte es nicht noch einmal geben.

In der Tat sicherte das Konkordat, „ein Pakt mit dem Teufel“ (Wolf), bis 1945 den Bestand der Kirche und die Seelsorge, eine „Gleichschaltung“ gab es nicht. Der von Pacelli erwünschte Übergang zur „Normalität“ blieb indes aus – ganz im Gegenteil.

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