Nachrichten Münster
Quartier der Gegensätze

Montag, 14.04.2008, 11:04 Uhr

Münster . Sie ist der Fels unter Münsters Kirchen. Als sie Ende der 20er Jahre gebaut wurde – weil die Mauritz-Kirche für die riesige Gemeinde zu klein geworden war –, wünschten die Auftraggeber vom Architekten den „Ausdruck bodenständiger Echtheit“. Da ließ sich der Meister nicht lumpen und stellte den Münsteranern ein monumentales Gebäude an den Stadtrand: die Erphokirche.

Carl Moritz war damals vor allem als Theaterarchitekt bekannt, das Stadttheater in Stralsund steht immerhin noch. Kirchen hat er kaum gebaut; der Erphokirche jedoch lässt sich anmerken, dass Moritz vom Theater kam. Es finden sich etliche Elemente der Mauritzkirche in dem wuchtigen Sandsteinbau wieder, der 1930 eingeweiht wurde. Die Schiffe, die fünf kurzen Türme, die Portale: alles wirkt massiv romanisch. Im Inneren hat sich durch die Renovierung zu Beginn der 70er Jahre vieles verändert. Die mutmaßlich größte fünfmanualige Kirchenorgel Münsters steht allerdings immer noch. Erstaunlicherweise hat die Erphokirche kaum Kriegsschäden erlitten.

Ihr eigentlicher Name lautet übrigens Christus-König-Kirche. Der münsterische Bischof Erpho war 1930 noch nicht seliggesprochen worden, durfte also noch nicht der Namensgeber sein. Als es dann soweit war, hat Bischof Erpho nicht nur der Kirche, sondern gleich dem ganzen Stadtteil seinen Namen aufgedrückt: dem Erphoviertel.

Bei der 13. Münster-Modell-Tour, dem vom Verein Münster-Modell und den Westfälischen Nachrichten gemeinsam präsentierten Architekturrundgang, führte Vereinsvorsitzender Stefan Rethfeld durch dieses spannende Quartier . Spannend, weil es ein Quartier der ersten drei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts ist. Und weil es, anders als der größte Teil der nahen Innenstadt, den Krieg relativ unbeschadet überstanden hat. Spannend aber auch, weil das Erphoviertel ein sehr gemischtes Gebiet ist. Hier finden sich einige der stolzesten Villen der Stadt, aber auch typische Kleine-Leute-Straßen der Jahrhundertwende oder prächtige Beispiele sozialen Wohnungsbaus aus der Zeit der Weimarer Republik.

Das gilt insbesondere für das Wohnquartier rund um die Wiener Straße. Der Beamtenwohnungsverein gab die prächtigen blassgelben Häuser 1925-27 beim Architekten Wilhelm Jung in Auftrag. Jung leistete ganze Arbeit und schuf einen großzügigen Komplex mit weitläufigem Innenhof, großzügigen Wohnungen und schlichten Mansardenstübchen. Auch heute noch ein beliebtes Wohnquartier.

Ein paar Straßen weiter erstreckte sich einst ein prächtiger Barockgarten französischen Zuschnitts: der Garten zur Villa des Zementfabrikanten Robert ten Hompel. Von der viele 1000 Quadratmeter großen Parkanlage ist nichts mehr übrig. Direkt an der Ecke Ostmarkstraße/Kaiser-Wilhelm-Ring allerdings stehen noch zwei kleinere Villen, die ursprünglich zur Anlage gehörten. Und hinter der Ecke rechts steht auch noch die ehemalige Garage samt dem Häuschen des Chauffeurs.

Die Villa selbst, die seit etlichen Jahren die Gedenkstätte Villa ten Hompel beherbergt, ist ein schönes Beispiel für die Repräsentationswut eines schwerreichen Industriellen. Holzverkleidungen, Parkett, Stuck – alles ist im Originalzustand erhalten. Als Gedenkstätte hat die Villa den Vorteil, dass sie sich jederzeit besichtigen lässt.

Anders als die Villa Lamers auf der gegenüberliegenden Seite der Ostmarkstraße. Das auffällige Gebäude wurde 1911 für den erfolgreichen Kunstmaler Gerhard Lamers gebaut. Das enorm hohe Dach ist schnell erklärt: Hier war das Atelier des Künstlers untergebracht – mit Nordfenstern fürs gleichmäßige Licht.

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