Nachrichten Münster
RTL zahlte und filmte: Letzter Ausweg Erziehungscamp

Samstag, 12.04.2008, 13:04 Uhr

Münster . Andreas ist 15 Jahre alt – aber weit davon entfernt, ein normaler Jugendlicher zu sein. Er trinkt, kifft, schwänzt die Schule, hat eine Reihe von Einbrüchen begangen, hat bereits eine Tochter.

„Wir waren nur noch verzweifelt“, erinnert sich sein Vater Jürgen Eckert . „Mit dem Jugendamt hatten wir alle Möglichkeiten ausgeschöpft – doch Andreas lehnte jede Hilfe kategorisch ab.“

„Fix und fertig“ seien er und seine Ex-Frau gewesen, als sie 2007 auf die TV-Serie „Teenager außer Kontrolle“ aufmerksam wurden: Acht verhaltensauffällige Jugendliche nehmen in den USA auf Wunsch ihrer Eltern an einer erlebnisorientierten Therapie teil. Der Sender RTL übernimmt die Kosten – und darf dafür das Geschehen filmen.

„Eine Katastrophe“, sagt Jugendamtsleiterin Anna Pohl . „Der letzte Strohhalm, an den wir uns geklammert haben“, entgegnet Jürgen Eckert.

Mit seinem Sohn und dessen Mutter fährt er 2007 nach München, um sich die Produktionsgesellschaft und die Therapeuten, die sich um die Jugendlichen kümmern sollen, anzuschauen. Die Eltern sind begeistert, der Sohn ist interessiert. „Als wir davon hörten, welche Erfolge mit den Teilnehmern der ersten Staffel erreicht wurden, war klar, dass unser Junge teilnimmt“, sagt Eckert.

Neben Dealern, Schlägern und Ausreißern ist Andreas derzeit auf RTL zu sehen. Der Erfolg ist groß – drei Millionen Zuschauer. „Eine Sendung, für die ich kein Verständnis habe“, sagt Jugendamtsleiterin Pohl. „Da geht es nicht um pädagogische Konzepte, sondern um die Quote.“ Ihre Befürchtung: „Eine Mediengeschichte zulasten der Jugendlichen.“

Jürgen Eckert kann solche Einwände nachvollziehen – verweist indes auf die Entwicklung, die Andreas in den Monaten nach Aufzeichnung der Serie durchgemacht hat.

„Er ist über den Berg“, versichert der 46-Jährige, „wir haben unseren Sohn wieder.“

An die Dreharbeiten hängte Andreas einen dreimonatigen Aufenthalt auf einer weiteren Ranch an – „auf unsere Kosten“. Mittlerweile ist er aus den USA zurück, besucht eine Schule im Ausland, wird bald für einen Monat zu seinen Eltern nach Münster kommen, um danach für zwei Jahre in die USA zu gehen. „Gerade haben wir die Zusage von der High School bekommen“, berichtet der Vater.

Mittlerweile ist Andreas 16, „er trinkt nicht mehr, nimmt keine Drogen, geht regelmäßig zur Schule – und hat wieder Ziele“. Eine Entwicklung, die die Eltern vor einem Jahr kaum noch für möglich gehalten hatten. „Der Aufenthalt auf der Ranch hat ihn gefestigt. Er hat wieder Spaß am Leben. Was früher war, ist vorbei“, sagt der Vater.

Dass nun Millionen Menschen diese Entwicklung verfolgen können, findet er fair – „schließlich hat der Sender seine Teilnahme bezahlt“. Andererseits räumt er ein, „dass wir uns natürlich gefragt haben, was gewesen wäre, wenn die Sache anders ausgegangen wäre.“

Auf diese Frage müssen sie sich nun keine Antwort geben – zum Glück.

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