Nachrichten Münster
Ganz normale Gendarmen

Donnerstag, 08.05.2008, 06:05 Uhr

Münster-Hiltrup - Sie waren ganz normale Gendarmen. Motorisierte Verkehrspolizisten, stationiert in der Hiltruper Polizeikaserne. Über ihre Gendarmerie-Kompanie wurde vor Ort gerne kolportiert, sie habe während des Zweiten Weltkriegs nur den Verkehr geregelt. Eine Beschönigung, mit der Dr. Stefan Klemp aufräumt. Der Historiker zeichnet anhand von Akten der Staatsanwaltschaft Dortmund im Staatsarchiv Münster und des ostdeutschen Ministeriums für Staatssicherheit ein Bild der Verwicklung der Hiltruper Gendarmen in Kriegsverbrechen und den Holocaust in ihrem Kriegseinsatzgebiet in Polen und der Sowjetunion.

Am 10. Juli 1942 traf die Kleine Gendarmerie-Kompanie (mot) aus Hiltrup in Warschau ein. Von dort wurde sie nach Lublin verlegt. Am 3. November 1943 nahmen ihre Mitglieder an einem Massaker im Konzentrationslager Majdanek teil. 18 000 Juden wurden dort an diesem Tag erschossen. Angehörige der Hiltruper Kompanie waren zur Bewachung der Baracke eingesetzt, in der sich die jüdischen Opfer vor der Erschießung ausziehen mussten. Die Aktion lief unter dem Namen „Erntefest“.

Otto H. war damals 31 Jahre alt. 1966 gab der Gendarm in Hiltrup bei einer Untersuchung des Landeskriminalamtes zu Protokoll: „Früh morgens begann aus Lautsprechern, die an Masten hingen, laute Schallplattenmusik. Ich erinnere mich vor allem, dass Märsche gespielt wurden. Dazwischen hörte ich das Schießen aus Maschinenwaffen. Während des ganzen Tages hat diese Schießerei mit der Musik ununterbrochen angedauert.

Alle Aussagen der ehemaligen Gendarmen, von denen etliche auch nach dem Krieg im Polizeidienst tätig waren, zeichneten sich durch Gemeinsamkeiten aus: Niemand wollte direkt an Erschießungen beteiligt gewesen sein. Man habe nur Wache gestanden.

Und alle entschuldigten sich, wie Bernhard D. 1963 in einer Vernehmung: „Ich bin auch heute der Meinung, dass ich vermutlich schon an Ort und Stelle erschossen worden wäre, hätte ich meinen Posten verlassen.“

Ermittelt wurde gegen Angehörige des Gendarmerie-Batallions in Westdeutschland, der DDR und Österreich. Während es, so Klemp, in der DDR ein Todesurteil gab, wurde in der BRD und in Österreich keine Anklage erhoben. Die Dortmunder Zentralstelle nahm 1965, 1980 und 1982 Ermittlungen auf und stellte sie wieder ein. Der Historiker: „Das Scheitern der Ermittlungen gegen Angehörige der Polizei in Westdeutschland ist charakteristisch.“

In den Dortmunder Verfahren wurde „Partisanenbekämpfung“ als Hauptaufgabe des Bataillons bezeichnet. Dieser Begriff begründete die Verfahrenseinstellungen. Partisanenbekämpfung galt als „legales Mittel im Krieg“. Andere Staatsanwälte sahen das schon in den 60er Jahren differenzierter. Nicht nur Partisanen wurden bekämpft, schrieben Ludwigsburger Ermittler, „Angehörige dieser Einheit haben in großer Anzahl Angehörige der jüdischen Zivilbevölkerung – Männer, Frauen und Kinder – ermordet.“

Die DDR-Staatssicherheit stellte 1976 in einem Bericht fest, das Gendarmerie-Batallion habe in 125 verbrecherischen Einsätzen unter dem Vorwand der Partisanenbekämpfung Tausende Zivilisten, vor allem Juden, ermordet.

Für weitere Verurteilungen reichte das indes nicht. Stefan Klemp folgert: Nachsicht, Netzwerke der Ehemaligen und die nachlässige Ermittlungspraxis hätten die Verfahren scheitern lassen.

Dr. Stefan Klemp, Die kleine Gendarmerie-Kompanie (motorisiert), Münster in Hiltrup 1942-1945, Schriftenreihe der Hochschule der Polizei, ISBN 978-3-933442-04-8.

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