Kultur Münster
Die schönste Aufgabe des Mannes

Montag, 21.07.2008, 19:07 Uhr

Münster . Zahlen, Bilanzen, Tätigkeitsberichte – schlimmer geht’s nimmer. Aber nicht mit Dr. Heinrich Drerup . Diese fürsorgende, sorgfältige und engagierte Beamtenseele, wie sie im Buche steht, ist von 1954 bis 1969 Präsident der Oberpostdirektion Münster. Und verfasst als solcher obligatorische Tätigkeitsberichte. Drei davon – 1964 bis 1966 – befinden sich in der „Monasteria“-Bibliothek von Walter Kutsch . Und das postalische Werk ist ein schöner Seismograf vom Ende der 60er Jahre.

Die Zeiten werden unruhiger, das registriert auch Drerup. Dabei sind weniger politische Kader, als viel mehr simple Kriminelle am Werke. Beamten-Beleidigungen gibt es kaum, in den ausgehenden 60er Jahren zwei bis drei im Jahr. Aber Diebe, Räuber und Rabauken wittern Morgenluft. Beunruhigend: Die Zahl der Strafverfahren steigt von 1965 bis 1966 um 250 Prozent. Die Zahl der Posteinbrüche 1965 gar um 400 Prozent, und Drerup vermerkt: „Die Kabeldiebstähle haben erheblich zugenommen, vermutlich sind die gestiegenen Buntmetallpreise die Ursache.“ Das gibt’s auch heute wieder. Ab 1966 fallen die Vandalen in Münster ein. „Ausnahmslos von Jugendlichen“ werden reihenweise Fernsprechhäuschen beschädigt.

Aber Präsident Dr. Heinrich Drerup (1904 bis 1978) muss auch eine Seele von Mensch gewesen sein. Seinen Tätigkeitsberichten stellt er stets ein „Zum Geleit“ voran. Als er 1965 seinen Bericht zum Vorjahr vorlegt – wie gewöhnlich im Spätsommer(!), lautet sein erster Satz: „1964 war ein gutes Weinjahr.“ Wunderbar, diese Gelassenheit. Aber dieser Beamte ruht noch in sich selbst. Zur Vollendung seines 60. Lebensjahres gab der gebürtige Havixbecker der Zeitung zu Protokoll: „Die schönste Aufgabe, die einem Mann im Leben gestellt werden kann, ist wohl der Auftrag, in der Heimat, in der seine Ahnen in langer Geschlechterfolge ansässig waren, an leitender Stelle für seine Landsleute zu wirken.“

Und als 22. Leiter der Oberpostdirektion Münster von 1954 bis 1969 kann Drerup wirken, ein richtiger Post-Bauer ist er – vom Postamt am Domplatz (1956) bis zum Fernmeldeamt an der Oststraße (1966). Aber er sieht auch dunkle Wolken. Seine größten Sorgen: Rationalisierungsdruck und Personalmangel. 1965 schreibt er, dass aufgrund der Vollbeschäftigung der Entschluss gefasst werden musste, „auch in unserem Bezirk erstmals ausländische Arbeitskräfte für die Bewältigung einfacher Arbeiten des Postdienstes einzusetzen“. Aber „Gastarbeiter“ seien „kein Allheilmittel“. Um die Post noch rationeller zu machen, wird moderne Technik eingesetzt. Päckchen mit „Rüttelrecorder“ werden per Post verschickt, um Aufschluss über Verzögerungen bei der Beförderung von Päckchen zu geben.

Fortsetzung folgt

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