Kultur Münster
Schepper liest verspielt – melancholisch – bitterböse

Freitag, 08.08.2008, 15:08 Uhr

Münster . Robert Walser schrieb immer nur einfach drauf los, ohne Konzept, getragen vom Augenblick. Zumindest tat er so, denn heraus kamen spannende und dichte Texte, verwirrend und erhellend durch verborgene Assoziationen, abgründig humorvoll und entsetzlich verzweifelt. Auch das „Schneien“ und den Winter fasste Walser in viele, virtuos und zugleich naiv daherperlende Worte, die so wie die Schneeflocken mal hierhin, mal dorthin getrieben werden. Matthias Claudius hingegen sah den Winter als harten Mann („Ein Lied hinterm Ofen zu singen“), sperrte ihn in wohlgesetzte Reime, geschmückt mit bunten Sprachbildern, und machte ihn damit schulbuchtauglich. Zwei ganz unterschiedliche literarische Ansätze, den Winter aufs schneeweiße Papier zu bringen.

Rezitator Rainer Schepper , zu Gast in Wilm Weppelmanns Gartenakademie, ließ es mit seiner geballten Ladung Winterlyrik – wenn man die Augen schloss – gehörig schneien. Nur die großen und ganz großen Namen der deutschsprachigen Literatur hatte er dabei – verspielt, melancholisch, bitterböse.

Schepper, seit über 30 Jahren mit seiner sensiblen und tiefsinnigen Auswahl als Rezitator erfolgreich, las sicherheitshalber die vielen Texte von Fontane bis Heine, von Bachmann bis Droste-Hülshoff nicht in Weppelmanns Garten, sondern unter dem wetterfesten Schirm im Partygarten des Schrebergartenvereins „Frohe Stunde“. Die Zuhörer saßen, hingen Schepper an den Lippen und genossen im verbalen Schneegestöber den Blick auf Blütenpracht und Sonnenuntergang.

Viele Epochen, viele Stile vereinte Schepper: Da glänzte ein wenig Heine ( Deutschland . Ein Wintermärchen. Caput I) in politischer Eiszeit, da fror Walther von der Vogelweide („Uns hat der winter geschat“) genauso bitterlich wie wir heutzutage. Schepper lud in ein lehrreiches Seminar in deutscher Lyrik, Texte pur ohne didaktischen Firlefanz, einfach und eindringlich gelesen.

Wilhelm Busch kam, wenn auch ohne seine spitzen Zeichnungen, mit dem „Eispeter“ sehr fröhlich daher, Gottfried Keller äußerte sich elegant zum „Erste(n) Schnee“ und Conrad Ferdinand Meyer erinnerten eine paar alte „Schlittschuhe“ an eine vergangene winterliche Romanze. Das Publikum genoss den lyrischen Winter mit kühlem Eis, das Oberakademiker Weppelmann zur Pause reichte.

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