Nachrichten Münster
Zoodirektor Adler von der Stasi observiert

Mittwoch, 01.10.2008, 21:10 Uhr

Münster - Die Agenten der DDR-Staatssicherheit sind bereits vor Ort, als Jörg Adler am Abend des 23. Mai 1986 auf einen Autobahnrastplatz in der Nähe von Leipzig fährt. Mit penibler Genauigkeit registrieren sie, was in den folgenden zwei Stunden passiert: Ein weiterer Pkw fährt auf den Rastplatz – Bekannte von Adler aus dem Westen. Man begrüßt sich, geht gemeinsam in die Raststätte, um etwas zu essen. Sehr zum Ärger der Stasi-Schergen wird nur „wenig und betont leise“ gesprochen. Wenig später verabschiedet sich Adler wieder von seinen Freunden. Der Stasi-Einsatz endet ohne nennenswertes Ergebnis: „Der Inhalt der Gespräche konnte nicht mitgehört werden.“

So viel Aufwand – für nichts.

„Wenn das alles nicht so ernst gewesen wäre, könnte man daraus ein Kabarett machen“, sagt Zoodirektor Adler und blickt auf seinen Schreibtisch. Dutzende Schriftstücke hat er ausgebreitet, vor einem Vierteljahrhundert von der Stasi angefertigt. Längst ist der Staat, für den sie Adler ausspioniert haben, Geschichte. Doch die Adler-Akte der Jahre 1984 bis 1987 ist erhalten geblieben – Überbleibsel einer Diktatur, in der Unterdrückung und Bespitzelung an der Tagesordnung waren.

Jörg Adler geriet nicht zufällig ins Visier der Staatssicherheit . Der gebürtige Leipziger, seit Mitte der 1960er Jahre im dortigen Zoo beschäftigt, engagierte sich über Jahre aktiv in der evangelischen Kirche, zudem reiste er für seinen Arbeitgeber regelmäßig ins Ausland, darunter in die Bundesrepublik, wo er schon vor der Wende viele Freunde hatte.

Adler war ein „Reisekader“ – obwohl er nach eigenen Angaben nie der SED angehörte. Zwar habe er vorübergehend der gleichgeschalteten DDR-CDU angehört – „doch man bat mich schnell, die Mitgliedschaft ruhen zu lassen, nachdem ich mich als Mitglied der Stadtverordnetenversammlung für eine unterdrückte Frauenrechtsbewegung und Umweltbelange eingesetzt hatte“.

1984 sollte Adler einen Tiertransport nach Saigon begleiten. „Das war der Testfall“, erinnert er sich: Kommt er zurück – oder kehrt er der DDR , in der es keine Reisefreiheit gab, den Rücken? Die Stasi leitete im Vorfeld eingehende Untersuchungen ein, befragte seine Kollegen und seine Nachbarn. Adler durfte reisen – und kam zurück.

Die Schnüffelei beschränkte sich jedoch nicht nur auf sein Umfeld. Die Staatssicherheit drang auch in sein Privatleben ein.

Der Vater eines Klassenkameraden lud seinen damals zehnjährigen Sohn regelmäßig zum Essen in Luxushotels ein. „Wir hatten uns dabei nichts gedacht, freuten uns sogar darüber.“ Jahre später erfuhr Adler, dass der Vater ein Stasi-Informant war, der herausbekommen wollte, ob Jörg Adler erpressbar ist. „Das war der übliche Weg, um Informanten anzuwerben.“ Die Aktion verlief nach seinen Angaben ergebnislos; auch andere Bemühungen der Stasi, den Mann mit den West-Kontakten als Mitarbeiter zu gewinnen, waren umsonst, so Adler. „Aufgrund seiner aktiven konfessionellen Bindungen sowie der sich abzeichnenden konservativen Einstellung wurde von der weiteren Bearbeitung Abstand genommen“, heißt es in einem 1987 verfassten Stasi-Bericht, den er in seiner Akte vorgefunden hat.

Doch auch danach blieb Adler im Focus der Stasi. Ab Februar 1989 nahm er jeden Montag an Protestveranstaltungen in der Leipziger Nikolaikirche teil, „für mehr Demokratie, Freiheit und Kirche“. Er landete sogar kurzzeitig in Gewahrsam, wurde jedoch nach wenigen Stunden freigelassen. Noch vor dem Mauerfall stellte er dann einen Ausreiseantrag. Am 16. Dezember 1989 verließ er die DDR in Richtung Westen.

Im Rückblick ist Adler „froh und stolz“, beim Protest, der das Ende der DDR einläutete, dabei gewesen zu sein – „auch wenn ich nur ein kleines Rädchen war“. Bereits 1990 forderte er seine Stasi-Akten an, in denen sich nach seiner Aussage „keine bösen Überraschungen“ versteckten.

Was allerdings die Stasi nach 1987 gegen ihn unternahm, wird ihm auf immer verborgen bleiben: „Die Akten wurden geschreddert.“ Adler bedauert das nicht unbedingt: „Vielleicht ist das sogar ganz gut so.“

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