Nachrichten Münster
Gottverlassen im Gulag

Samstag, 20.12.2008, 11:00 Uhr

Münster - Bruno Plaschke ist gerade mal 15 Jahre alt, als er in russische Kriegsgefangenschaft gerät. Erst neun Jahre später kommt er wieder frei, „Ich kann es nicht fassen“, titelt seine Heimatzeitung 1954, das Foto zeigt einen Mann mit müden Augen.

„Geraubte Jugend im Gulag “ heißt das Buch, das der mittlerweile 79-Jährige vor einigen Jahren verfasst hat - keine Jugend gehabt zu haben, das können sich die Elftklässlerinnen der Marienschule, vor denen er am Freitagmorgen von seinem Schicksal berichtet, kaum vorstellen.

Die Geschichte der Gefangenschaft des Soldaten Bruno Plaschke gleicht einer Odyssee; der Sendenhorster hat ein seitenlanges Leporello angefertigt, das die Stationen auflistet. Verhaftung in Mittelwalde ( Ostdeutschland ), Verurteilung durch ein sowjetisches Militärgericht in Sosnowicz („An meinem 16. Geburtstag“), Gefangenschaft im früheren Getto von Lemberg (die meisten Juden sind zuvor ermordet worden), Zugtransport nach Sibirien, dort jahrelanger, von Krankheit, Hunger und schwerer Arbeit geprägter Lageraufenthalt. An das Ende des Leporellos hat er das Wort „Freiheit“ geschrieben. Daneben steht das Datum „10. Januar 1954“.

„Ich hatte keine Jugend“, sagt Plaschke mit ruhiger Stimme und einem sympathischen Lächeln. Das soll keine Anklage sein, es ist eine Feststellung. Jahrelang habe er „tiefste Einsamkeit und Gottverlassenheit“ erlebt, keine Spur von jugendlicher Unbeschwertheit und ersten Schwärmereien für das andere Geschlecht, keine Spur von dem, was eine ganz normale Jugend ausmacht: „Nichts Schönes“, sagt Plaschke.

Im Musiksaal der Schule ist es still, „so still wie sonst selten“, sagt eine Lehrerin. Plaschkes Vortrag ist eine erschütternde Reise in eine Zeit, die die Zuhörerinnen nur aus Geschichtsbüchern kennen. „Seid wachsam, seid nicht fanatisch“, sagt er zum Schluss. Dann brandet kräftiger Applaus auf.

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