Nachrichten Münster
Titus wird 60: „Es geht erst richtig los“

Samstag, 06.12.2008, 11:12 Uhr

Münster - Er hat die Jugendkultur der letzten Jahrzehnte mitgeprägt, gilt als Vater der deutschen Skater-Szene. Am Montag wird Titus Dittmann 60. Mit dem Unternehmer, dessen Firma nach eigenen Angaben europäischer Marktführer bei Skateboard-Utensilien ist, sprach WN-Redakteur Martin Kalitschke .

Wenn man jung ist, freut man sich auf den Geburtstag.

DittmannIch freue mich immer noch auf den Geburtstag. Ich habe es förmlich herbeigesehnt, dass endlich ne Sechs vorne steht, 59 ist kein Alter, das ist einfach sch...

Aber auch ganz schön weit weg von 20 etwa so alt dürfte die Hauptzielgruppe Ihres Unternehmens sein.

DittmannIch hab 1968 Abitur gemacht, wenn man den Spruch „Trau keinem über 30“ gerade in dem Alter verinnerlicht, dann hat man ein Problem, wenn man auf die 30 zugeht. Ich habe wirklich gedacht, dass das Leben dann vorbei ist, und habe daher versucht, in den Jahren vor 30 richtig Gas zu geben. Mit 30 habe ich gemerkt: Gar nicht so tragisch. Dann habe ich gedacht: Mit 40 ist das Leben vorbei. Als ich 50 geworden bin, habe ich gemerkt: Es geht erst richtig los. Ich muss sagen: Mit Ausnahme der Krise meiner Firma war die Zeit zwischen 50 und 60 eigentlich die Beste.

Noch kein Skate-Opa?

DittmannNee, eigentlich nicht. Klar spüre ich hier und da die Zipperlein, ich brauche inzwischen ne Brille, und um einigermaßen normal zu hören, brauche ich auch ein paar Verstärker (lacht).

Wie schwer ist es, gegenüber Jüngeren immer noch authentisch zu wirken?

DittmannDer Zeitgeist hat ja die ganze Gesellschaft geändert, so was wie „Trau keinem über 30“ existiert ja nicht mehr. Während man früher innerhalb von Altersgruppen eine ästhetische Gesinnungsgenossenschaft vorgefunden hat, ist es heute immer mehr möglich, authentisch in einer ästhetischen Gesinnungsgenossenschaft zu Hause zu sein, ohne, dass das Alter eine Rolle spielt. Man braucht nur zum Festival „Rock am Ring“ zu gehen, da liegen 15-Jährige neben 50-Jährigen in der Matsche, und die fühlen sich zueinander gehörig, weil sie desselben Geistes Kind sind. So ist das bei mir und den Skateboardern auch.

Sie überlegen sich morgens nicht, welche Mütze oder welches T-Shirt Sie anziehen, um bei den 20-Jährigen gut anzukommen?

DittmannNee, nee, genau umgekehrt. Die Einstellung und die Gesinnung machen die Glaubwürdigkeit und die wiederum prägt das Aussehen. Wenn ich in solche Klamotten schlüpfe, ist das lediglich die Adaption dieses Lifestyles. Ich kleide mich ich verkleide mich nicht.

Mit 17 hat man noch Träume... Welche Träume hatten Sie?

DittmannOch, das weiß ich gar nicht mehr. Ich habe eigentlich immer ganz wenig Träume gehabt, weil ich immer in der Gegenwart gelebt habe. Das sehe ich daran, dass ich mich ärgere, heute keine Fotos von meinen supergeilen Trips in die Welt zu haben. Irgendwann macht man sich natürlich einen Lebensentwurf.

Wann war das?

DittmannMit 10 oder 12 habe ich mich durchgesetzt, nicht aufs Gymnasium zu gehen. Als ich dann mit der Volksschule fertig war, habe ich einen neuen Lebensentwurf gemacht, da habe ich mich entschieden, Lehrer zu werden.

Was dann auch der Fall war.

Dittmann(verwundert) Ja. Klar. Wenn ich mir etwas vornehme, dann schaffe ich das immer. Ziele, die ich mir vornehme, ziehe ich durch.

Wie wichtig war dabei Ihr Vorname?

DittmannMein Bruder ist auf den Namen gekommen, ich bin ja auf einen anderen Namen getauft...

Nämlich?

DittmannEberhard. Aber seit Langem ist Titus auch mein Name im Pass, als richtiger Name. Schon im Kindergartenalter haben mich alle Titus genannt, Eltern, Lehrer.

„Eberhard“ als Skateboard-Schriftzug käme nicht so gut, oder?

DittmannNa gut, das ist ein angenehmer Zufall, dass das so gelaufen ist.

Sind sie auch mit allem anderen in den letzten 60 Jahren zufrieden, so wie es gelaufen ist?

DittmannEgal, wie mein Leben gelaufen wäre, ich wäre immer mit mir im Reinen.

Nie eine Fehlentscheidung getroffen?

DittmannIch habe mir meine eigene Lebensphilosophie angeeignet. Für mich gibt es keine Fehlentscheidungen.

Irgendwelche Marotten mit 60?

DittmannKeine, die mit dem Alter zusammenhängen. Zum Beispiel das Bedürfnis, immer gegen den Strom zu schwimmen. Deswegen sage ich ja auch flapsig, dass ich mich zu den Spätpubertierenden zähle. Mein Trieb, 24 Stunden aktiv zu sein, ist allerdings nicht mehr so ausgeprägt, da hat mich das Alter doch geändert. Ich bin relaxter geworden, ich bin genussfähiger und, klar, ich bin ruhiger geworden. Aber da mein Naturspeed recht hoch ist, mache ich noch immer selbst die jungen Leute wahnsinnig.

Wollen Sie denen etwas beweisen?

DittmannIch will selten anderen was beweisen, ich will mir was beweisen. Wobei die Triebfeder natürlich Anerkennung ist.

Warum wird man sich in ein paar Jahrzehnten noch an Sie erinnern?

DittmannWeil ich in der Jugendkultur etwas bewegt habe und weil ich mich für die einflussreichste Jugendkultur engagiert habe, die je aus dem Sport hervorgegangen ist.

Andere denken mit 60 an die Rente. Sie nicht?

DittmannIch habe sogar den Entwurf eines Testamentes und einer Patientenverfügung in meinem Laptop. Ich bin aber nicht dazu gekommen, sie auszufüllen, weil es in meinen Augen immer wichtigere Dinge zu tun gibt. Außerdem: Was soll da groß passieren? Wenn ich weg bin, bin ich weg.

Wo feiern Sie den 60.?

DittmannIch feier gar nicht. Ich stehe am Montag auf der Spitze der Pyramide in Kairo und genieße die Sechs vorneweg. Da war ich noch nie. Die Pyramiden sollte man sich einmal im Leben reingezogen haben.

Frage-und-Antwort-Spiel zum Schluss: Sie sind Schütze. Treffen die folgenden, angeblich typischen Schütze-Eigenschaften auf Sie zu: Geistreich?

DittmannJo.

Charmant?

DittmannJo. (lacht)

Romantisch?

DittmannKann ich auch sein.

Hasst Eifersucht.

DittmannJa.

Hasst Geheimniskrämerei.

DittmannAbsolut, denn ich liebe Offenheit.

Ist immer ehrlich.

Dittmann(lacht) Ich bemühe mich.

Ganz ehrlich: Keine Angst vor der 60?

DittmannÜberhaupt nicht. Null.

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