Kultur Münster
Kunstabhängige diskutieren ihr Laster

Freitag, 27.02.2009, 16:02 Uhr

Münster - Ein kleiner Raum in einem Hinterhof, draußen regnet es: Zwei Dutzend Menschen suchen hier Schutz in der Wärme, bilden mit ihren schwarzen Flechtstühlen einen Kreis. Alle verbindet eine unsägliche „Krankheit“. Einer erhebt seine Stimme: „Mein Name ist Robert.“ - „Hallo Robert“, sonort es aus dem Plenum. „Ich bin heute hier weil ich... Ich bin kunstabhängig“.

Ganz so klischeehaft spielte sich die dritte Therapiesitzung der „Anonymen Kunstabhängigen “ dann doch nicht ab. „Anonyme Kunstabhängige“? Eine ganz eigensinnige Selbsthilfegruppe mit einer gesunden Portion Selbstironie. Eingeladen in den „Kleinen Bühnenboden“ an der Schillerstraße hatte der ironische Therapie-Leiter Oliver Breitenstein , seines Zeichens selbst Künstler, also unbedingt abhängig und mit dem geistigen Laster wohl vertraut.

Ohne Hemmungen und intellektuelle Barrieren sollte diskutiert werden: „Jeder sagt, was er will und klagt bitte sein persönliches Leid mit der Kunstabhängigkeit“, ermutigte Breitenstein augenzwinkernd die latent Leidenden. Der Mann mit dem kurz rasierten Haar, in schwarzem Kragenpulli, Jeans und Turnschuhen, wirft einen konzentrierten Blick durch seine randlose Brille. Was er sieht ist bedingungsloser Therapiebedarf, ganz augenscheinlich müssen ob der großen Zahl der Anwesenden einige traumatische Kunsterfahrungen behandelt werden. Wirklich gequält wirken die Patienten nicht. Kein steriles Krankenhaus-Licht: Der Raum ist in weiches Gelb getaucht, auf dem Tisch in der Mitte steht eine Kiste Bier, Leckereien, Chips und Snacks liegen bereit.

Der erste Punkt auf dem therapeutischen Programm: der Begriff der „Autonomen Skulptur“. Unter den Patienten meldet sich das Künstlerduo „JaePaes“ zu Wort, das mit einer Ausstellung in der Stadthausgalerie für Aufsehen sorgte: Über einen Monat quartierten sie autonome Besetzer aus dem Haus der Grevener Straße 53 in den öffentlichen Räumlichkeiten ein - „Autonome Skulptur“ nannten sie das. Frage: Ist das Projekt in dem Moment, in dem es öffentlich gemacht wird, noch autonom? Verwässert die Kraft der Kunst in der Öffentlichkeit?

Der zweite Punkt auf der Agenda: Ruppe Kosellecks Projekt „Schwarze Socken“, der seine über die Jahre angesammelten Single-Socken öffentlich gemacht hat, an einer Wäscheleine an der Warendorfer Straße. Ein Allerweltsproblem an der frischen Luft: „Die Verlagerung einer privaten Problematik in den öffentlich Raum“, nennt er das, ohne sich zu Ernst zu nehmen. Ob es tatsächlich gesellschaftliche Relevanz habe, ob es harmlose - oder gar keine Kunst sei -, diese Frage blieb offen im Raum stehen. Eines löste es aber ganz offensichtlich aus: prustende Lacher bei den Anwesenden. Die sind derweil nicht von ihrer „Krankheit“ geheilt, aber ganz bestimmt auch nicht unglücklich mit ihr.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/380498?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F597181%2F696367%2F
Entscheidung fällt heute: Münster im Kreis der „Elite-Unis“?
Studenten sitzen in einem Hörsaal.
Nachrichten-Ticker