Nachrichten Münster
Kirchenkrise: Umfrage unter Geistlichen

Münster - In der Kirche hängt der Haussegen schief, der Fels hat tiefe Kratzer abbekommen. Verunsicherung macht sich bei vielen Christen breit. Unverständlich bleibt weiterhin für viele Gläubige auch in Münster, warum Papst Benedikt XVI...

Freitag, 06.02.2009, 06:02 Uhr

Münster - In der Kirche hängt der Haussegen schief, der Fels hat tiefe Kratzer abbekommen. Verunsicherung macht sich bei vielen Christen breit. Unverständlich bleibt weiterhin für viele Gläubige auch in Münster, warum Papst Benedikt XVI. in diesen Tagen der umstrittenen Pius-Bruderschaft die Hand zur Versöhnung gereicht hat. So mancher Anruf zu diesem brisanten Thema geht derzeit in Münsters Pfarrhäusern ein. Die WN wollten in einer Umfrage von den Seelsorgern wissen, ob die Kirche Schaden nimmt.

„Ja, großen Schaden sogar. Wir lassen uns die wunderbare Botschaft unseres Glaubens durch unbelehrbare, kleingeistige Dummschwätzer aus der rechten Ecke nicht verschatten. Hier irrt der Papst. Er hat Schuld auf sich geladen. Und ich nehme das nur zurück, wenn er seine Hand für Geschiedene ausstreckt“, so der Standpunkt von Hans-Ulrich Willms , Pfarrer von St. Mauritz.

Pfarrer Dr. Ludger Winner von St. Lamberti: „Ich hoffe nicht, dass die Kirche bei der hysterisch aufgeladenen Stimmung Schaden nimmt. Bischof Williamson ist dumm und töricht und bedient Ressentiments von Ex­tremisten. Der Papst hat sich klar für den Dialog mit den Juden geäußert. Bei der Rücknahme der Exkommunizierung darf nicht übersehen werden, dass die Bischöfe suspendiert bleiben. Sie dürfen ihr Amt nicht ausüben, solange sie sich nicht der kirchlichen Disziplin unterstellen und das Zweite Vatikanum uneingeschränkt akzeptieren.“ Der Papst hat bei ihm eine hohe Wertschätzung, Getreu dem Gleichnis vom verlorenen Schaf habe er in einer Geste der Barmherzigkeit gehandelt. Doch hätte die Einschätzung der Person des Bischofs detailliert recherchiert werden müssen.

Die Pius-Kirche, benannt nach dem umstrittenen Papst Pius X., zählt zur Gemeinde Hl.-Edith-Stein. Die Jüdin, die in die katholische Kirche konvertierte, „hat bis zum Tod in Auschwitz zu ihrer jüdischen Herkunft gestanden und nie ihr Volk verraten“, merkt Pfarrer Hubertus Krampe an. Das Leitwort dieses Papstes habe gelautet: „Alles in Christus erneuern. Doch jetzt wird der entgegengesetzte Kurs gefahren.“ Der Papst müsse verantwortlich pastoral und kirchenrechtlich überprüfen, ob die Zusammenarbeit mit den Traditionallisten überhaupt gut sei für eine gemeinsame Zukunft und die Einheit der Kirche. Krampe ist davon überzeugt, dass Williamson unglaubwürdig ist und bleibe, auch wenn er seine Aussagen zurücknehmen oder modifizieren sollte. „Der Holocaust hat Blut hinterlassen und darf niemals verharmlost werden.“

Bedauerlich findet der evangelische Pfarrer Johannes Krause-Isermann, Vorsitzender des Arbeitskreises Christlicher Kirchen, diesen Vorgang. Er habe immer den Eindruck gehabt, dass dem Papst das Judentum am Herzen liege. „Ich warte auf klärende Worte.“

Pfarrer Dr. Stefan Rau von St. Joseph findet, dass dieser Vorfall der Autorität des Papstes schade. Zwei Menschen, die bei ihm konvertieren wollten, überlegten es sich jetzt noch mal. Völlig irritiert seien ältere Gemeindemitglieder. Sie hätten nach dem Konzil erlebt, wie ihr Leben in den Glauben hineingeholt wurde. „Das Positive an der Geschichte ist, dass nun bewusst wird, was die Pius-Bruderschaft bedeutet, dass sie undemokratisch, intolerant und latent antisemitisch ist.“

Diethilde Bövingloh von den Mauritzer Franziskanerinnen meint: „Die Kirche muss sich nicht verstecken. Es ist wichtig, offensiv mit der schwierigen Situation umzugehen. Der Papst fühlt sich für alle Menschen verantwortlich. Wir sollten akzeptieren, dass er in seiner seelsorglichen Verantwortung den richtigen Weg finden wird“ so die Ordensfrau, die dafür betet, dass die entstandenen Verletzungen heilen.

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