Nachrichten Münster
Jan Behrens urteilt über Behandlungsfehler

Sonntag, 22.03.2009, 15:03 Uhr

Münster - Ärzte-Pfusch? Jan Behrens schüttelt den Kopf. „Das ist für mich ein zu starker Ausdruck“, stellt der 64-jährige Jurist in betont sachlichem Ton klar. Dabei hat der Mann im braunen Sakko in den vergangenen 17 Jahren fast alles erfahren, was beim Zusammentreffen von Arzt und Patienten richtig schief laufen kann: „Die Tragik im Bereich des menschlichen Lebens“, sagt der Vorsitzende der elften Zivilkammer am Landgericht.

Im Juristendeutsch heißt sie nüchtern Arzthaftungskammer, medizinische Behandlungsfehler sind das Alltagsgeschäft: Babys, die wegen einer Infektion der Mutter schwerbehindert auf die Welt kommen, ein gebrochener Kiefer nach der Weisheitszahn-Behandlung oder ein nicht erkannter Haarriss im Handgelenk infolge eines Sturzes vom Fahrrad . Typische Fälle in der Berufskarriere von Richter Behrens.

„90 Prozent Medizin, zehn Prozent Jura - das kennzeichnet die Schwierigkeiten der Fälle.“ Denn Behrens ist nun mal kein Arzt, sondern Jurist. Einer, der bis zu seinem Ruhestand in diesem März darüber entschieden hat, ob Ärzte einen groben Fehler gemacht haben und deshalb Schadenersatz an die Patienten zahlen müssen.

Ohne Expertenwissen geht das nicht: Drei dicke Ordner voll mit Sachverständigen aus den unterschiedlichsten Gebieten haben sich bei Behrens angesammelt. „Oft Universitätsprofessoren, weil sie auf der obersten Stufe der Kenntnisse stehen.“ Denn immer geht es um Spezialfragen - und abseits allen menschlichen Schicksals bisweilen um viel Geld.

„Ein Geburtsschaden kann einen Schmerzensgeldanspruch von 500000 Euro auslösen“, erklärt der frühere Strafrichter. Die Summe hört sich gewaltig an: „Doch die Kinder leben oft jahrzehntelang mit ihrem Schicksal“, relativiert Behrens. Allerdings sei die Zahl der Geburtsfehler geringer geworden.

Ein Trend, der aber nicht für die Zahl der Patienten-Klagen gegen Ärzte gilt: Anfang der 90er Jahre verzeichnete Behrens Kammer noch rund 70 Eingänge pro Jahr, 2008 waren es mehr als 200 Verfahren.

Mehrere Gründe nennt Behrens für diese Entwicklung: Die Leute seien streitbarer geworden. So wie eine Mutter, die nach der Entbindung per Kaiserschnitt 5000 Euro Schmerzensgeld forderte. Ihre Narbe sei fünf Zentimeter zu lang, so ihre Klage. Das ging selbst dem Gericht zu weit. Die Klage wurde abgewiesen. „Manchmal sehen die Menschen im Fernsehen etwas, das sie munter macht.“ Und auch für Anwälte scheint das Feld lukrativ. „All das trägt dazu bei, dass die Zahl der Verfahren weiter zunehmen wird“, sagt der scheidende Richter voraus.

Obwohl die Kosten solcher Prozesse hoch und die Erfolgsaussichten überschaubar sind: Nur ein Zehntel der Klagen, so schätzt Behrens, seien selbst finanziert. Der Rest laufe über Versicherungen und Prozesskostenhilfe. Allein die Gutachten kosten schnell 3000 Euro und mehr, in ganz seltenen Fällen sind sogar bis zu vier Experten-Expertisen für ein Verfahren nötig. Die Erfolgsquote beziffert der erfahrene Richter auf rund 35 Prozent - „einschließlich der Vergleiche vor Gericht“. Eine nicht unbeträchtliche Zahl von Beschwerden wird aber schon im Wege der Schlichtungsverfahren bei den (Zahn-)Ärztekammern zum Abschluss gebracht.

Dass Jan Behrens eines Tages das Arzthaftungsrecht zu seinem beruflichen Schwerpunkt machen würde, ahnte er selbst nicht: „Vor 20 Jahren hatte das Thema nicht so einen hohen Stellenwert.“ Und in seinen jungen Richterjahren beschäftigte sich der künftige Pensionär mit Kriminellen: So schrieb er das Urteil im spektakulären Prozess gegen den Entführer eines münsterischen Kaufmanns. Lebhaft ist Behrens auch das Verfahren gegen den sogenannten Bordell-König von Gronau in Erinnerung geblieben, das Anfang der 90er Jahre Schlagzeilen machte.

1992 übernahm Behrens den Vorsitz der elften Zivilkammer, den er Ende des Monats offiziell abgibt. Angesichts des Sparkurses im Gesundheitsbereich blickt er mit Sorge in die Zukunft: „Die Situation wird sich weiter verschlechtern.“

Trotz seiner Erfahrungen aber sagt er: „Mein Vertrauen in die Ärzteschaft ist vorhanden.“

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