Kultur Münster
Mit opernhafter Dramatik

Mittwoch, 22.04.2009, 19:04 Uhr

Münster - Ist Mendelssohns „Paulus“ wirklich nur der lyrische kleine Bruder des zürnenden Propheten Elias, dem der Komponist kurz vor seinem Tod ein prachtvoll-dramatisches Ton-Denkmal setzte? Wer in die mächtigen Chorfluten tauchte, die in der Überwasserkirche den Weg des Apostels durchtosten, mochte dies kaum glauben. Und wer das Oratorium zuvor letztmals im Stadttheater hörte, war von der klanglichen Wucht der Aufführung am Dienstag überwältigt. Ulrich Haspels Universitätschor sang im Verbund mit dem Choeur de lOratoire du Louvre (Einstudierung: Nicholas Burton-Page ); das Landesjugendorchester NRW malte die Partitur mit breiter Palette, und Maestro Fernando Eldoro hielt das Ganze mit vibrierender, schier opernhafter Dramatik zusammen.

Hier hörte man nicht Felix, den jungen schwärmerischen Bach-Adepten, der barocke Formstrenge nur mit romantischer Glasur versüßt. Nein, hier war ein biblisch raunender Erzähler am Werk, dessen Choräle mehr dramatischer Funke als fromme Gemeinde sind. Zumal die beiden Chöre schön homogen verschmolzen, mit solidem Bass-Fundament und rundem Klang selbst im Fortissimo. Wenn hier die Volksmasse zu Furien wird („Er lästert Gott!“) und diese, von infernalischen Hörnern gepeitscht, den Stephanus seiner Steinigung zutreiben, so treiben sie dem Publikum ebenso Schauer über den Rücken - um kurz darauf zarteste Choral-Klage anzustimmen („Dir Herr, Dir will ich mich ergeben“), die den Tod des Märtyrers sanft beweint.

Wenn nun Florian Westphal als Saulus die Szene betritt, um gegen die Christen zu wüten, hätte man ihm etwas mehr markige Schwärze in die Kehle gewünscht. Ein „biblischer“ Bass, der die Mauern erbeben lässt, ist der Sänger nicht - gleichwohl hat er emphatische Ausdruckskraft und gibt dem Apostel nach dessen Damaskus-Erlebnis Seele und Verletzlichkeit. Auf gleicher Linie: Tenor Daniel Sans; seine Cavatine „Sei getreu bis in den Tod“, die Paulus auf seinen Märtyrer-Weg nach Jerusalem schickt, ist ein Kleinod sakraler Schlichtheit, zu dem das Cello leise Tränen vergießt. Anna Haases Stimme (in jüngster Zeit mit Bachschen Alt-Partien zu hören) hat Kraft und Spannweite genug, die Sopran-Rezitative zu meistern. Dramatik liegt dieser Sängerin sehr - Sibylle Hummel (Mezzosopran) nicht minder.

So mitreißend die Aufführung, so frenetisch der Beifall - nicht nur beim Publikum: Die Interpreten feierten einander ebenfalls. Das Gejohle und Gepfeife der Chorsänger war wohl dem Adrenalin geschuldet, Ort und Anlass aber kaum gemäß.

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