Nachrichten Münster
15 Jahre Münsteraner Straßenzeitung „draußen!“

Montag, 27.04.2009, 14:04 Uhr

Münster - Für manche ist Michael Schmitz nur ein lästiger Stolperstein in Münsters Fußgängerzone. Dort, wo der 48- Jährige steht, teilt sich die schiebende Menschenmasse, die meisten hetzen stur an ihm vorbei, einige schauen ihn aus den Augenwinkeln befremdet an.

Dabei will Schmitz nur die Straßenzeitung „draußen!“ verkaufen und sich so etwas zu seiner Grundsicherung - etwa in Höhe des Hartz-IV-Satzes - dazu verdienen. Wegen einer psychischen Krankheit kann er keiner geregelten Arbeit nachgehen. Schmitz lebt wie die Mehrheit der Verkäufer nicht auf der Straße. Denn längst ist die „draußen!“ in ihrem 15. Lebensjahr nicht mehr nur papierne Lebenshilfe für Obdachlose, sondern auch für Rentner, Hartz-IV-Empfänger oder psychisch Kranke.

Schmitz gehört schon seit fünf Jahren zum Team. Sechs Tage die Woche stellt er sich für ein paar Stunden in Münsters Fußgängerzone und verkauft die „draußen!“ für 1,80 Euro pro Stück. 70 Cent davon darf er behalten, sie werden mit seiner Grundsicherung verrechnet und er muss für die Zeitungen in Vorkasse treten. Manchmal dauert es sehr lange, bis er überhaupt ein Exemplar verkauft. Kaum einer der Passanten bleibt stehen. Oft hagele es Beschimpfungen wie „Schmarotzer“. Dennoch ist er froh über die Aufgabe: „Ich wollte nicht betteln. Ich biete Leuten lieber eine Gegenleistung an.“

Die Anfänge des Blatts fielen in den bundesweiten Gründungsboom von Straßenzeitungen in den 1990er-Jahren. Ein Journalist und ein Wohnungsloser taten sich 1994 in Münster zusammen und hoben das Kind aus der Taufe. So kam die vierte Straßenzeitung bundesweit und die zweite in NRW heraus, wie Redakteur Siegfried Nasner berichtet.

„Heute gibt es zwischen 30 und 40 Straßenzeitungen bundesweit“, schätzt Beatrice Gerst. Sie arbeitet beim Stuttgarter Straßenblatt „Trott-war“. Zudem betreut Gerst die deutschsprachige Plattform des „International Network of Street Papers“, dem weltweiten Sprachrohr der Straßenzeitungen. Für die Sozialpädagogin ist der Zeitungsverkauf die beste Perspektive, um als Obdachloser seine finanzielle Not zu lindern. „Die Wohnungslosen arbeiten auf gleicher Augenhöhe mit anderen und werden vor Ein-Euro-Jobs bewahrt.“ In wenigen Fällen werde sogar ein sozialversicherungspflichtiger Job daraus.

„Der wichtigste Punkt ist, den Leuten zu zeigen, dass sie ein Teil der Gesellschaft sind“, findet Nasner. Einst selbst obdachlos und „draußen!“-Verkäufer, sitzt er nun in der Redaktion hinter dem Schreibtisch. Wie ihre 30 bis 40 Verkäufer muss auch die „draußen!“ stets ums Überleben kämpfen. Im Sommer 2003 sah es schon fast nach dem Ende aus. Die Rettung brachte ein kleiner Zauberer im November desselben Jahres: Die britische Autorin Joanne K. Rowling erlaubte bundesweit Straßenzeitungen, das erste Kapitel ihres Romans „Harry Potter und der Orden des Phönix“ zwei Wochen vor dem Buchverkauf abzudrucken. „Da haben wir an einem Tag mehr Zeitungen verkauft als sonst im ganzen Monat“, erinnert sich Nasner. Die Leser rissen den Verkäufern die 12 500 gedruckten Zeitungsexemplare buchstäblich aus den Händen - es war die bisher höchste Auflage der Zeitung.

Im November 2008 drohte wieder das Aus: Nicht mangelnde Nachfrage, sondern fehlende Verkäufer gefährdeten den Absatz. Tod, Krankheit oder Gefängnis ließen zehn der „draußen!“-Anbieter wegfallen. Die gedruckten Zeitungen gelangten kaum noch an ihre Leserschaft.

Für die Straßenzeitung, die von Verkauf, Spenden und Anzeigen lebt, wurde es so eng, dass gar von Insolvenz die Rede war. „Wir haben ein halbes Jahr ohne Geld weitergearbeitet“, erinnert sich Nasner. Zum 15. Geburtstag ist aber wieder Besserung in Sicht: Das Arbeitsamt finanziert seit Februar drei feste Stellen zu 75 Prozent - für drei Jahre. Neu angeworbene Verkäufer brachten außerdem die Absatzzahlen wieder auf 7000 Stück pro Monat.

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